Wenn der Drang zu groß wird und Jacqueline es nicht mehr aushält, geht sie ganz nah ran an den Spiegel. Sie betrachtet jeden Pickel, jede Kruste, jede kleine Unebenheit und bearbeitet ihr Gesicht solange mit den Händen, bis alles rot ist, bis es schmerzt. Eine halbe Stunde, eine Stunde, an schlimmen Tagen auch mal länger. Wenn sie es schafft, sich vom Spiegel zu lösen und ihre Haut sieht, bricht die Realität über sie herein: die Erkenntnis, was sie sich selbst gerade antut. Sie spürt Reue und Scham.

Jacqueline leidet an Dermatillomanie, auch Skin Picking genannt. 

Betroffene beschäftigen sich krankhaft mit der eigenen Haut, wollen jede noch so kleine Unebenheit beseitigen und erreichen durch ständiges Kratzen, Quetschen und Knibbeln meist genau das Gegenteil. Einige benutzen Hilfsmittel wie Scheren und Pinzetten. Anderen, wie Jacqueline, reichen die eigenen Hände für ihr zerstörerisches Werk. Gesicht, Dekolletee und Schultern sind häufige Angriffsflächen, aber auch das Abziehen der Nagelhaut oder Knibbeln an den Lippen sind typische Symptome. (Ärzteblatt)

"Ich habe mit ungefähr zwölf Jahren damit angefangen", erzählt die mittlerweile 21-Jährige. "Das war schon damals ein Ausweg aus dem Stress", sagt Jacqueline. Bei vielen zeigt sich die Krankheit mit Beginn der Pubertät, wenn die Haut unreiner wird und die ersten Pickel zu sehen sind. 

Jaqueline knibbelt, seit sie zwölf Jahre alt ist. 

Nicht jeder, der mal einen Pickel ausdrückt oder eine Kruste abknibbelt, leidet an Dermatillomanie. Bei Menschen, die an Skin Picking erkrankt sind, dient die Beschäftigung mit der Haut der emotionalen Kontrolle, dem Abbau von Anspannung und Stress

Während sie knibble, sei sie wie in Trance, erzählt Jaqueline. Sie flüchte vor allem, was sie belaste. Sie wisse, dass sie ihrer Haut schade –  aber tue es trotzdem. 

An diesem Punkt wird Skin Picking zur Krankheit. 

"Skin Picker stehen wie gebannt vor dem Spiegel", sagt Barbara Schubert, die Psychotherapie für Betroffene anbietet. "Da läuft ein zweiter Film im Hinterkopf ab mit einer Stimme, die sagt 'Ich will das nicht!'." Aber die Stimme ist schwächer als das Gefühl, es doch tun zu müssen.

Oft führt die erst seit 2013 offiziell als psychische Störung anerkannte Krankheit zu sozialer Isolation. Betroffene schämen sich für ihr Aussehen und ihre vermeintliche Willensschwäche. Dermatillomanie kann Studien zufolge auch zu Problemen im Beruf oder der Partnerschaft führen. "Viele tragen auch im Sommer lange T-Shirts, um ihre roten Stellen an Armen und im Dekolletee zu verdecken", sagt Schubert. "Oder sie stehen zwei Stunden früher auf, um sich zu schminken und das herzurichten, was sie am Abend vorher zerstört haben."

Jaqueline überschminkt sich manchmal die aufgeknibbelten Stellen in ihrem Gesicht. 

Jacqueline hingegen geht offen mit der Krankheit um. Seit fünf Jahren schreibt sie in einem Blog über schlechte Tage, ihre Fortschritte und wie sie gelernt hat, sich wieder selbst zu lieben. Sie zeigt sich dort, aufgekratzt oder geschminkt, in Nahaufnahme oder im Ganzkörperfoto. Sie versteckt ihre Störung nicht. Der Blog helfe ihr, mit der Krankheit umzugehen. "Öffentliche Selbsttherapie" nennt sie das. Gleichzeitig helfe sie damit auch anderen, zu verstehen, was mit ihnen passiert. 

Denn dadurch, dass Skin Picking als Störung kaum bekannt ist, fühlen sich viele Betroffene hilflos

Sie geben sich selbst die Schuld dafür, es nicht zu schaffen, endlich aufzuhören. "Ich bekomme viele Mails von Leuten, die mir sagen, dass sie sich dank meines Blogs nicht mehr so alleine mit der Störung fühlen", sagt Jacqueline.

In Deutschland sind unterschiedlichen Studien zufolge zwischen ein und fünf Prozent der Bevölkerung vom Skin Picking betroffen. Die Dunkelziffer schätzen Experten allerdings viel höher, da sich viele ihrer Erkrankung gar nicht bewusst sind. Auch Jacqueline merkte erst mit fast 16 Jahren, dass ihr Verhalten mehr war als eine schlechte Angewohnheit. "Ich bin per Zufall auf einen Artikel im Internet gestoßen und erkannte mich darin wieder", erzählt sie. Am Anfang fand sie es schwierig zu akzeptieren, dass sie an einer Krankheit leidet. Gleichzeitig war sie froh zu wissen, dass es einen Namen hat – und sie nicht alleine ist mit ihrem Problem.

"Das Störungsbild ist noch nicht sehr gut erforscht", sagt Jennifer Schmidt, die an der Kölner Hochschule Döpfer und der Universität Wuppertal zu Dermatillomanie forscht. Expertinnen und Experten sind noch uneinig, ob die Krankheit als Zwangsstörung, Verhaltenssucht oder Impulskontrollstörung eingestuft werden sollte. 

Auch Therapieansätze stecken noch in den Anfängen. Eine Möglichkeit ist das Habit Reversal Training. Schmidt erklärt, wie es funktioniert: "Körperliche Gegenbewegungen sollen dazu führen, dass der Drang, sich mit der Haut zu beschäftigen, unterdrückt wird." Das bedeutet: Verspürt man das Bedürfnis, den Pickel aufzuknibbeln, übt man eine Bewegung aus, die das Kratzen unmöglich macht – und drückt beispielsweise einen Ball in der Hand zusammen (Spiegel Online). 

Die Ursachen für Skin Picking liegen häufig tief. Viele Betroffene sind perfektionistisch veranlagt und setzen sich selbst unter Druck. "Skin Picking ist ein Mittel zur Selbstregulation", sagt Therapeutin Schubert. "Das Ziel ist, innerlich wie äußerlich ‚glatt‘ zu sein." Ein Ziel, das sich nicht erreichen lässt. Das wiederum lässt den hohen Erregungspegel weiter steigen – ein Teufelskreis. 

Hilfe bei Skin Picking

Du beschäftigst dich zwanghaft mit deiner Haut, du hast das Gefühl, die Kontrolle darüber zu verlieren? Wende dich an eine Vertrauensperson und spreche mit ihr oder ihm darüber. Du findest hier Informationen oder bei der Deutschen Gesellschaft Zwangsstörungen

Angehörigen von Betroffenen rät Jaqueline: "Wer im Umfeld bemerkt, dass jemand eventuell an Skin Picking leiden könnte, sollte die Person nur sehr vorsichtig und im richtigen Moment darauf ansprechen."

Psychotherapie kann helfen, die emotionalen Gründe für das zwanghafte Verhalten zu verstehen und sich nicht mehr für die mangelnde Kontrolle zu verurteilen. 

Doch Therapeuten, die sich auf diese Störung spezialisiert haben, sind selten. Und dieses fehlende Wissen bei Ärzten und Therapeutinnen kann gefährlich sein: "Es gibt beispielsweise nur wenige Hautärzte, die sich mit der Störung auskennen", sagt Wissenschaftlerin Schmidt. "Die sagen dann den Patientinnen und Patienten, sie sollten doch mal mit der Knibbelei aufhören." Bei Skin Pickern löst ein solcher Satz noch mehr emotionalen Druck aus – und der Drang zu kratzen steigt mit dem Stresspegel. 

Auf ihrem Blog präsentiert Jaqueline auch Zeichnungen ihrer Störung.

Auch wenn Freunde oder Familie, die das Krankheitsbild nicht kennen, Sätze wie: "Lass das doch mal“ sagen, können sie dem oder der Betroffenen damit schaden. Häufig wünschen sich Erkrankte nichts anderes, als genau das: Es endlich lassen zu können. Doch die Anspannung und der Drang nach emotionaler Regulation sind stärker. Das war auch bei Jacqueline am Anfang so. "Je besser ich über die Krankheit Bescheid wusste und mein Umfeld darüber informieren konnte, desto mehr Verständnis haben sie gezeigt", sagt sie. "Jetzt sind alle für mich da und unterstützen mich."

Jacqueline hat es geschafft: Mit ihrem Blog und der Therapie hat sie einen Weg gefunden,  gegen das Skin Picking zu kämpfen – und sich wieder selbst zu lieben. Mit glatter Haut oder ohne.

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