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Das wird man ja wohl noch fragen dürfen.

"Fette Sau", hören manche immer wieder, leise nur, aber eben laut genug. Andere bekommen an der Käse-Theke unaufgeordert die Light-Variante angeboten oder müssen die Frage beantworten: "Wirklich, du isst noch Schokolade?" – Menschen mit Übergewicht erleben oft Situationen, in denen sie verurteilt werden.

Viele Normalgewichtige sind überzeugt: Normalgewicht ist gleich Wunschgewicht. (Mehr zum Body-Mass-Index SPIEGEL ONLINE) Und: Jeder ist selbst verantwortlich für seine Kilos. Das bedeutet für sie: Wenn Übergewichtige abnehmen wollen, dann müssen sie einfach nur aufhören, viel zu essen. Aber stimmt das?

Das wird man ja wohl noch fragen dürfen

Vorurteile hat jeder. Manche sind uns bewusst, andere nicht, manche sind uns peinlich, andere halten wir für abstoßend oder hinterwäldlerisch. In dieser Reihe versuchen wir, weit verbreiteten Vorurteilen auf den Grund zu gehen und die dahinter stehenden Fragen wissenschaftlich zu beantworten. 

Sind abnehmwillige Übergewichtige also einfach zu undiszipliniert für eine Normalfigur?

Oder gibt es Faktoren, bei denen selbst das strengste Diät- und Sportprogramm nicht hilft? Wir haben uns die Fakten angeschaut und mit zwei Experten gesprochen.

Welche Ursachen kann Übergewicht haben?

Das grundlegende Prinzip ist einfach: Wer dauerhaft mehr Kalorien zu sich nimmt als er oder sie verbrennt, der nimmt zu. Natürlich gibt es physische Faktoren, die das beeinflussen können. Zum Beispiel:

  • Krankheitsbilder wie eine Schilddrüsen-Unterfunktion, die den Energieverbrauch des Körpers stören: Es werden weniger Kalorien verbrannt, das Gewicht steigt. (Ärztezeitung)  
  • Bestimmte Medikamente sorgen dafür, dass Appetit oder Gewicht steigen – das tritt zum Beispiel oft bei Antidepressiva auf. (Deutsche Apotheker Zeitung)
  • Ob wir uns hungrig oder satt fühlen, wird im Gehirn gesteuert. Beeinflusst werden diese Signale unter anderem durch unser Fettgewebe und verschiedene Hormone. Wie häufig, welches Signal ("Ich bin hungrig" oder "Ich bin satt") ausgesendet wird, ist bei jedem Menschen unterschiedlich. (apotheken.de)
  • Und auch der Darm spielt eine Rolle: Bestimmte Bakterien dort können dafür sorgen, dass die Hunger- und Sättigungssignale des Körpers gestört sind. (Ärztezeitung)
  • Außerdem gibt es Essstörungen, die als psychische Krankheiten anerkannt sind, wie zum Beispiel die "Binge-Eating-Disorder", bei der die Patienten die Kontrolle über ihr Essverhalten verlieren. Häufig setzen Psychologen eine Verhaltenstherapie ein, die den Betroffenen helfen kann. 

Aber was, wenn das alles nicht zutrifft? Wenn jemand zum Beispiel über Jahre langsam zugenommen hat?

Auch in solchen Fällen beeinflussen psychische Faktoren und erlernte Verhaltensweisen massiv, wie viel jemand essen will:

  • Forscher haben bei insgesamt rund 300 thailändischen Schülerinnen und Schülern untersucht, wie Übergewicht und Selbstdisziplin zusammenhängen. Ergebnis dieser recht kleinen Studie: Wer Probleme mit Zeitmanagement, dem Umgang mit Geld und Selbstdisziplin im Allgemeinen hat, bringt auch mehr auf die Waage. (NCBI)
  • Eine US-amerikanische Studie hat gezeigt, dass impulsives Verhalten und eine Neigung zu Neurosen oder Depressionen mit Gewichtsproblemen in Verbindung stehen kann. Fazit der Wissenschaftler: Sich diesen Persönlichkeitsmerkmalen zu widersetzen, ist schwer, aber es gibt Wege, das mit therapeutischer Hilfe zu schaffen. (NCBI)
  • Neurowissenschaftliche Untersuchungen haben auch gezeigt, dass der Teil des Gehirns, der die Verhaltenskontrolle steuert, vor allem bei übergewichtigen Frauen signifikant verkleinert ist. Für Forscher der Beweis: Das Verlangen nach Kalorien ist wie eine Sucht, die man eben nicht einfach ablegen kann. (Welt / Dissertation zu emotionalem Essverhalten)

Was bedeutet das jetzt?

"Ob Ernährungs- und Bewegungsprogramme zum Erfolg führen, hängt einerseits davon ab, wie motiviert ein Patient ist und wie gut er durchhält", sagt Matthias Blüher vom Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum Adipositas-Erkrankungen der Universitätsmedizin Leipzig. Stichwort Selbstdisziplin. "Andererseits spielt auch das Glück eine Rolle: Wie gut springt der Körper darauf an?"

Siegfried Ussar vom Institut für Diabetes und Adipositas am Helmholtz Zentrum München, sieht das ähnlich: "Disziplin spielt bei der Gewichtskontrolle sicherlich eine wichtige Rolle." Trotzdem sei es nicht fair, übergewichtigen oder adipösen Menschen Disziplinlosigkeit vorzuwerfen. "Denn der Aufwand, diese Disziplin einzuhalten, wird mit zunehmendem Gewicht stetig größer. Er ist nicht mit dem Aufwand normalgewichtiger Menschen vergleichbar."

Zwar kann jeder abnehmen – besonders hart ist es aber für Leute, die schon als Kinder dick waren: "Bis zum Ende der Pubertät oder Anfang der frühen Zwanziger wird die Anzahl der Fettzellen im Körper festgelegt", erklärt Ussar. "Wenn man als Kind stark übergewichtig ist, hat man nicht nur größere Fettzellen, man hat auch mehr von ihnen."

Wer abnimmt, kann zwar dafür sorgen, dass sich die Fettzellen leeren, aber ihre Anzahl lässt sich durch Ernährung und Sport nicht verändern. Die Fettzellen bleiben und sie füllen sich schnell wieder auf. Wer das verhindern will, muss extrem diszipliniert sein.

Beim Sport gibt es aus Sicht des Experten aber keine gültigen Ausreden: "Wenn keine körperlichen Einschränkungen vorliegen, kann man davon ausgehen, dass man einfach den inneren Schweinehund überwinden muss." Und wenn man sich einmal ins Fitnessstudio aufgerafft hat, darf man sich später nicht mit Burgern belohnen: "Es ist wichtig, dass man nicht als Reaktion auf den Sport noch mehr isst", sagt Ussar. Hier ist also auch nach dem Workout Disziplin gefragt.

Auch die Psyche spielt bei Essensentscheidungen eine große Rolle – und sie kann dazu führen, dass es viel schwerer wird, auf Muffin oder Burger zu verzichten. "Es gibt Menschen, die unter emotionalem Essen leiden", sagt der Mediziner Blüher. "Sie snacken, um Stress oder andere Probleme zu kompensieren. Wenn das in ernster Form vorliegt, dann kann man nicht einfach mit dem Essen aufhören." 

Was sagt eine Betroffene, die selbst 80 Kilo abgenommen hat?

Die Autorin und Verhaltenstherapeutin Nadja Hermann hat sich jahrelang mit dem Thema auseinandergesetzt – nicht zuletzt auch, weil sie selbst übergewichtig war. In ihrem Buch "Fettlogik überwinden" beschäftigte sie sich mit Mythen und Halbwahrheiten zum Thema Übergewicht. (Die Kolumnisten)

Es ist ihr zu einfach zu sagen, dass nur Disziplin beim Abnehmen helfe. Die Frage sei auch: Wie viel Energie will jemand in dieses Thema überhaupt investieren? "Übergewichtige können grundsätzlich viel Disziplin haben", sagt sie. Es sei heutzutage aber grundsätzlich sehr schwer, eine ausgewogene Kalorienbilanz zu halten. Schließlich werde kontinuierlich kalorienreiches Essen angeboten und der Mensch sei biologisch immer noch darauf ausgelegt, für Notzeiten einzulagern.

Fazit: Hilft also allein Disziplin?

Grundsätzlich gibt es viele Gründe für Übergewicht. Viele Menschen fühlen sich wohl in ihrem Körper und wollen gar nicht abnehmen. Andere wiederum wollen, aber können nicht. Wieder andere finden Ausreden, warum sie nicht können. 

Dabei sind gesunde Ernährung und Sport nie völlig vergeblich. Wer dabei genug Selbstdisziplin hat, wird auch abnehmen. Nur: Wie viele Kilos man verliert und wie schnell es geht – das ist vorher nicht abzusehen. Und je nach persönlichen Voraussetzungen muss jeder entscheiden, ob es das wirklich wert ist.

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Fühlen

Alles im Griff: Woher weiß ich, was ich wirklich will?

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