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Das wird man ja wohl noch fragen dürfen.

Das Klischee des verhätschelten Einzelkindes ist weit verbreitet: Menschen, die ohne Geschwister aufgewachsen sind, können nicht teilen. Weil sie ihre Kindheit vor allem allein verbringen müssten, haben sie weniger soziale Kompetenzen. Und vor allem: So überbehütet, wie Einzelkinder aufwachsen, da ist es doch klar, dass sie zu verwöhnten Egoisten werden.

Sogar manche Menschen, die selbst ohne Geschwister aufgewachsen sind, empfinden das so. Aber was ist wirklich dran?

Das wird man ja wohl noch fragen dürfen

Vorurteile hat jeder. Manche sind uns bewusst, andere nicht, manche sind uns peinlich, andere halten wir für abstoßend oder hinterwäldlerisch. In dieser Reihe versuchen wir, weit verbreiteten Vorurteilen auf den Grund zu gehen und die dahinter stehenden Fragen wissenschaftlich zu beantworten. 

Das Vorurteil, dass Einzelkinder anders seien als Kinder, die mit Geschwistern aufwachsen, geht zurück bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. In Ländern wie Deutschland waren Familien mit nur einem Kind damals sehr außergewöhnlich, die Norm war hingegen eher, vier Kinder zu haben. 

Der Kinderpsychologe G. Stanley Hall befasste sich 1895 in einer Studie mit Einzelkindern und erklärte, dass Familien mit vielen Kindern weniger Mühen hätten, sie großzuziehen, als Familien mit nur ein oder zwei Kindern. In einer Vorlesung mehr als zehn Jahre später sagte er, Einzelkind zu sein sei eine Krankheit. Hall war damals sehr anerkannt, was dazu führte, dass sich diese Vorstellung in den Köpfen festsetzte. (Psychology Today

Seit den Erkenntnissen von Hall haben sich zahlreiche weitere Studien mit Einzelkindern auseinandergesetzt. Sie sind dabei aber zu ganz anderen Ergebnissen gekommen als Hall.

Das zeigt die spätere Forschung zu Einzelkindern: 

  • 1986 veröffentlichte die Psychologin Toni Falbo eine Überblicksarbeit, für die sie mehr als 200 Studien zu den Verschiedenheiten von Einzelkindern und Kindern mit Geschwistern untersuchte. Ihr Ergebnis: Keinerlei Unterschiede in den Wesenszügen der Kinder – aber Einzelkinder hätten eine engere Beziehung zu ihren Eltern. (Spektrum)
  • Auch die Soziologin Judith Blake konnte 1989 bei Einzelkindern keine Nachteile gegenüber Kindern nachweisen, die mit einer Schwester oder einem Bruder aufwuchsen. Einzelkinder seien sozial sogar besser aufgestellt, weil sie motivierter seien, Bekanntschaften mit anderen zu machen. (New York Times)
  • Im Jahr 2011 wurde untersucht, ob Einzelkinder weniger sozial sind: Dabei kam heraus, dass Erwachsene ohne Geschwister weniger soziale Kontakte mit Verwandten pflegten – was aber wohl damit zu tun haben könnte, dass sie weniger Verwandte haben). Bei den sozialen Kontakten mit Freundinnen und Freunden oder Kolleginnen und Kollegen fanden die Forscher aber keine Unterschiede. (NCBI)
  • Eine Studie aus China, wo Familien jahrzehntelang nur ein Kind haben durften, kam allerdings 2017 zu dem Ergebnis, dass Einzelkinder etwas weniger tolerant seien – was wiederum nahelegt, dass sie auch egozentrischer sind. (Scientific American)

Warum sind die Unterschiede zwischen Geschwisterkindern und Einzelkindern so gering?

Der Entwicklungspsychologe Hartmut Kasten, der sich jahrzehntelang mit Einzelkindern auseinandergesetzt hat, sieht kaum einen Unterschied darin, ob Kinder Geschwister haben oder nicht. "Einzelkinder wachsen ganz ähnlich auf, weil die Eltern dafür sorgen, dass von Anfang an Kontakte zu Gleichaltrigen geknüpft werden", erlärt Kasten gegenüber bento.

Natürlich bräuchten Kinder einander – aber auch Einzelkinder wüchsen heutzutage nicht sozial isoliert auf. Im Durchschnitt kämen sie schon mindestens ein halbes Jahr früher in die Kita als Kinder mit Geschwistern. "Es entstehen dann oft schon bei Dreijährigen enge, geschwisterähnliche Beziehungen mit gegenseitigen Besuchen." Das komme auch daher, weil den Eltern bewusst sei, wie wichtig diese Kontakte seien.

"Rund um die Uhr Geschwister zu haben hat Vor- und Nachteile", so der Einzelkindforscher. "Wenn Einzelkinder allein vor sich hin spielen, hätten sie manchmal gern Geschwister. Dann ist es eben ein bisschen Aufwand, sich mit der Freundin oder dem Freund zu treffen." Bei Kindern mit Geschwistern hingegen könne es passieren, dass sie andauernd stritten.

Dieses "soziale Trainingscamp", die Auseinandersetzung mit den Geschwistern, fehle Einzelkindern zwar – durch Kontakte in Kita und Kindergarten werde das aber in gewissem Maße kompensiert, erklärt Kasten. "Das führt dazu, dass sie durchaus sozial sind. Sie sind sogar etwas beliebter als Geschwisterkinder, weil sie besser teilen und abgeben können." 

Einzelkinder seien auch schneller bereit, einen Kompromiss einzugehen, als beispielsweise Erst- oder Zweitgeborene, die immer im Recht sein wollten. Das führe zu größerer Beliebtheit in Gruppen und letztendlich auch dazu, dass sie häufiger gewählt würden, wenn es um Verantwortung geht, beispielsweise als Klassensprecher.

Weshalb halten sich die Vorurteile gegenüber Einzelkindern trotzdem bis heute?

Die Kinder, die vor hundert Jahren allein in einer Familie aufwuchsen, hatten es in den meisten Fällen wohl tatsächlich schwieriger. "Vor drei bis vier Generationen waren Einzelkinder wirklich sozial isoliert", erklärt Hartmut Kasten. "Da gab es nicht flächendeckend Kindergärten und die Kinder wuchsen unter Umständen mit zwei übermächtigen Erwachsenen auf, auf welche sie sich dann auch sehr zentriert haben."

Auch die Gründe, warum Kinder damals ohne Geschwister blieben, spielten mitunter eine Rolle für die Psyche: Familien entschieden sich nur selten bewusst für nur ein Kind, stattdessen zwangen sie in der Regel die Verhältnisse dazu: Wenn beispielsweise ein Elternteil schwerkrank oder schon verstorben war – oder das Kind unehelich geboren war. (Zeit Online)

Das hat mit der heutigen Zeit nur noch wenig zu tun. 

Und trotzdem halten sich die Vorurteile. Für Hartmut Kasten hat das auch mit der "pronatalistischen Ideologie" zu tun, also der Auffassung, dass es zum Leben gehöre, dass gesunde Erwachsene Kinder bekämen. Ein Kind pro Familie reiche aber nicht aus, um den Fortbestand der Menschheit zu sichern. Und so würden Nachrichten über steigende Geburtenraten in Deutschland teilweise freudig aufgenommen (Zeit Online). 

Auch wenn man junge Paare frage, wie viele Kinder sie wollten, antworteten sehr wenige mit dem Wunsch nach nur einem Kind. "Im Schnitt lautet die Antwort: zwei oder drei Kinder", so Kasten. Häufig bleibe es aber bei nur einem Kind, "weil die Eltern feststellen, dass es schon mit einem nicht so einfach ist – wenn es um Kitaplätze, Betreuung und die eigene Lebensqualität geht."

Gerade in Großstädten gebe es deshalb mehr Ein-Kind-Familien als auf dem Land, wo günstige Mieten und größere Wohnräume es Familien mit mehr Kindern einfacher machten. Zu schlechteren Menschen macht es diese Einzelkinder aber noch lange nicht.


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