In unserer Serie "Über-Ich" beantwortet eine Psychologin eure Fragen.
Jennifer fragt:

Silvester. Eigentlich ist es nur ein Tag wie jeder andere. Okay, der letzte des Jahres, aber danach geht ja alles genauso weiter wie vorher. Trotzdem neige ich Silvester dazu, eher zurückzuschauen als nach vorne. Bin traurig über das, was vorbei ist anstatt mich auf das zu freuen, was kommt.

Wenn ich nach vorne gucke soll, sehe ich erst mal nur graue, kalte Tage, von denen ich nicht weiß, wie ich sie rumbekommen soll. Ich fühle mich einsam – wie sonst selten im Jahr.

Das liegt vermutlich auch daran, dass ich an die letzten beiden Silvestertage keine schönen Erinnerungen habe: Im vergangenen Jahr war ich krank, das Jahr zuvor kündigte sich die Trennung von meinem Ex-Freund an.

Außerdem hat man über die Feiertage zu viel Zeit zum Nachdenken, und ich denke viel nach. Um mich herum die fast schon surreal wirkende Weihnachtszeit, in der alles leuchtet, alle gut drauf sind, und die einer spektakulären Silvesterparty gipfeln soll. Es muss irgendwas ganz besonderes sein und darum fängt man schon im September an, sich zu stressen. Ich hasse diesen Hype.

Wie kann ich mich an Silvester ablenken?

Die Psychologin Kathrin Hoffmann antwortet:

Liebe Jennifer,

aus deinen Worten spricht eine starke Melancholie. Du sagst dir zwar, Silvester ist ein Tag wie jeder andere und doch merkst du, wieviel mehr dieser Tag für dich bedeutet. Er ruft negativ besetzte Bilder aus der Vergangenheit in dir hervor und lässt graue Bilder von der Zukunft entstehen. Das bunte Treiben wirkt surreal auf dich, weil du das Gefühl hast, nicht Teil davon zu sein.

Du fragst, wie du dich an Silvester ablenken kannst. Frage dich also konkret, womit du dich gerne beschäftigen würdest:

  • Gibt es etwas, was dir besonders Spaß macht, ein Hobby zum Beispiel? Ein Buch das du schon lange lesen wolltest? Einen Ort, den du gerne besuchen würdest?
  • Mit welchen Menschen verbringst du gerne Zeit? Mit wem hast du gute Gespräche?
  • Welche Musik hörst du gerne?
  • Was isst du gerne?

Hilfe!

Jeder hat mal Angst und Stress. Jeder fühlt sich mal hilflos, machtlos, überfordert. Wenn Freunde, Eltern oder Geschwister nicht weiterhelfen können, wollen oder sollen – dann melde dich bei uns. Die Psychologin Kathrin Hoffmann beantwortet in der Serie Über-Ich für bento ausgewählte Fragen, die wir anschließend veröffentlichen. Dabei ändern wir selbstverständlich alle Namen von Betroffenen.

Dein Wunsch nach Ablenkung ist sehr nachvollziehbar. Gleichzeitig denke ich, dass es wichtig für dich ist, deine Gefühle wahr- und anzunehmen. Deine Trauer möchte dir etwas sagen, es gilt etwas zu verabschieden und loszulassen, das nie wieder zurückkommen wird.

Lasse die Trauer zu und nimm bewusst Abschied vom vergangenen Jahr. Zu trauern kann sehr befreiend sein und macht es erst möglich, dich dem zuzuwenden, was vor dir liegt. Versuche in dir Bilder entstehen zu lassen, was du dir für das neue Jahr wünschst:

  • Welche Sehnsüchte hast du?
  • Welche innere Haltung zum Leben, zu dir selbst und zu anderen möchtest du haben?
  • Wovon bräuchtest du mehr in deinem Leben? Wovon weniger?
  • Was würde deinen Alltag "farbiger" machen?

Nimm dir jeden Tag etwas Zeit, um dich achtsam deinen Gefühlen, Gedanken und Träumen hinzugeben. Dann schließe bewusst damit ab und lenke deine Aufmerksamkeit nach außen. Gehe raus, unternimm etwas, triff dich mit Freunden, besuche eine Ausstellung, ein Konzert oder einen Weihnachtsmarkt, gehe Essen oder worauf immer du Lust hast.

Beides ist wichtig: Die Ablenkung holt dich aus deiner Grübel-Spirale, die Wendung nach innen ermöglicht eine bewusste Auseinandersetzung mit deinen Gefühlen. Sie werden erst nachlassen, wenn sie gehört wurden.

Wenn du dich über längere Zeit hinweg (über zwei Wochen) niedergeschlagen fühlst, solltest du ein Gespräch mit einem Psychologen führen, um abzuklären, ob du unter einer Depression leidest und ob eine Behandlung sinnvoll ist.

Ich wünsche dir einen achtsamen Übergang ins neue Jahr und alles Gute für dich!

Deine Kathrin


Haha

Können wir erraten, was du an Silvester vor hast?

Der Weihnachtsbraten ist gerade verdaut und schon steht das nächste Fest vor der Tür. Und pünktlich zum 30. Dezember stellen sich Freunde und Pärchen die alles entscheidende Frage: Was machen wir eigentlich Silvester? Schafft man es auf eine wilde und unvergessliche Party oder läuft doch alles auf einen ruhigen Raclette-Abend hinaus?

Wie deine Planung für den 31. Dezember aussieht, wissen wir schon.