Bild: Marcus Simaitis / dpa
Warum hat mir kein Zug-Schaffner geholfen? Warum sind nicht mehr Polizisten im Zug?

Fast jedes Wochenende sitze ich im Zug, schon oft sind mir Männer zu nahe gekommen, auch saß ich schon neben Horden von Fußballfans, die grölten und randalierten. Das gehöre eben zum Alltag dazu, sagte ich mir. Schließlich kannte ich ähnliche Geschichten von anderen Frauen. Jahrelang habe ich solche Situationen abgetan – bis jetzt. Jetzt habe ich zum ersten Mal reagiert, ja, bin sogar zur Polizei gegangen.

Anlass war eine Zugfahrt mit dem RE 6 von Gütersloh nach Dortmund. Schon als der Zug in Gütersloh einfuhr, konnte ich die Männer sehen: mit weiß-grünen Schals und Bierflaschen in der Hand. Einer hämmerte mit der flachen Hand gegen das Fenster. Den ganzen Zug hatten die Fußballfans besetzt.

Drinnen mischte sich der Geruch von Zigaretten und Bier. Ich blieb mitten im Gedränge stehen, freie Plätze gab es kaum, überall sah ich nur Fußballfans. Wenige Meter entfernt saß ein junger Mann mit seinen Kumpels, hellblonde Haare, stämmiger Typ mit glasigen Augen. Er schaute mich an und rief: "Bock zu poppen?" Er schob eine Hand in seine Hose, holte seinen Penis raus und brüllte: Ob ich den nicht lutschen wolle. Seine Fußballkumpels grölten. Ich senkte den Blick.

"Kratzen, Spucken, Beißen, Treten, das ist alles erlaubt", hat mir meine Mutter immer gesagt, bevor ich als Jugendliche auf eine Party gegangen bin. Ich weiß das alles. Ich habe die #MeToo-Debatte verfolgt. Ich weiß, dass ich nicht allein bin mit solchen Erfahrungen. Ich weiß, dass es nicht okay ist, was der Typ mit mir gemacht hat. Dass es vielleicht richtig gewesen wäre zurückzuschreien.

Aber all das war jetzt nicht möglich.

Ich war umgeben von betrunkenen, randalierenden Männern. Zu viel Angst hatte ich vor der Reaktion der anderen Männer. Draußen hätte ich wenigstens weglaufen können.

Der Typ taumelte auf mich zu: "Kannst du mir nicht wenigstens deine Nippel zeigen?" Seine Kumpels lachten. "Nein, lass mich in Ruhe", brachte ich heraus, immerhin mit fester Stimme. Der Typ schwankte zurück. "Fotze!" Mein Puls raste. Niemand sagte etwas.

Also, ein bisschen Spaß muss sein
Fußballfan

Dann fragte mich eine andere Gruppe männlicher Fußballfans, ob ich zu ihnen kommen möchte. Ich nahm das Angebot an. Keiner sagte etwas zu dem, was gerade passiert ist; stattdessen fingen sie an, mit mir zu flirten. Einer zwinkerte mir zu, ein anderer sagte: "So sind wir nicht. Also, ein bisschen Spaß muss sein, aber man sollte sich schon etwas benehmen." Ich fühlte mich zu meinem eigenen Schutz verpflichtet, nett zu den Männern zu sein. Alles fühlte sich falsch an. Ich halte vergeblich Ausschau nach einem Schaffner, einer Schaffnerin.

15 Minuten später, in Dortmund angekommen, hastete ich aus dem Zug. Auf dem Bahnsteig stand die Bundespolizei. "Ich wurde sexuell belästigt", sagte ich zum ersten Polizisten und erzählte, was passiert war.

Kurz bevor der Zug abfuhr, stiegen vier Polizisten in den Wagen, alle trugen Schutzwesten. Ich sah, wie die Fußballfans randalierten. Einige der Männer standen auf und stellten sich vor den Polizisten auf.

Ein Polizist kam heraus und fragte, welcher Mann mich belästigt hätte. Ich konnte ihn sehen. Die Fußballfans wurden lauter. Viermal fragten mich die Polizisten, ob ich mir ganz sicher sei. Erst später erfuhr ich, dass sich 180 Fans mit dem Mann solidarisiert und die Polizei bedroht hatten.

Auf der Polizeiwache stellte ich später zum ersten Mal in meinem Leben Strafanzeige wegen sexueller Belästigung und Beleidigung. Vermutlich werde die Anzeige ins Leere laufen, sagte mir der Beamte. Aber man werde sich melden.

Ich ging. Die Tränen kamen in der U-Bahn. Zuhause sank ich hinter der Tür auf den Boden. Ich weinte, schluchzte und schrie. Ich habe die Situation immer wieder im Kopf durchgespielt und mich gefragt, was ich hätte anders machen können. Ich schlief nicht gut in dieser Nacht.

Das alles ist jetzt vier Wochen her. Noch immer bin ich wütend und fassungslos. Ich frage mich, warum es überhaupt zu solchen Situationen kommen kann? Warum muss ich mich als Frau im öffentlichen Raum überhaupt bedroht fühlen? Es ist doch lange im Voraus bekannt, dass bei Fußballspielen viele betrunkene Männer unterwegs sein werden. Viele von ihnen randalieren, belästigen Mitreisende, sind betrunken.

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Warum macht die Bahn nicht vom Hausrecht gebraucht und verweist sie aus den Zügen?

Warum unterstützen nicht mehr Polizisten und Polizistinnen das Bahnpersonal?

Es gebe nicht genug Personal für die Einsätze bei Fußballspielen, erklärt mir ein Sprecher der Polizei auf Nachfrage. Spezielle Beamte würden verfolgen, wann welche Fußballfans wo unterwegs sind, wo es Probleme geben könnte. An jedem Wochenende gebe es diese Einsätze. "So eine Gruppe betrunkener Fans in Zügen und am Bahnhof ist immer eine Drohkulisse", sagt der Sprecher. "Es ist jedes Mal eine Herausforderung für die Kollegen, die individuell in der Situation entscheiden müssen, wie sie am besten deeskalierend handeln." 

Auch einen Videobeweis gibt es nicht immer: Die Bahn teilt mir mit, dass nicht in allen Zügen des Nahverkehrs Kameras hängen – sondern nur auf bestimmten Linien. 

Doch selbst, wenn eine Kamera vorhanden sei, sie würde ohnehin oft von radikalen Fußballfans überklebt, sagt der Polizeisprecher. Ob in meinem Zug eine Kamera hing: Ich weiß es nicht mehr.

Randalierende Fußballfans haben meistens sehr gut Anwälte.
Polizeisprecher

Zu meinem konkreten Fall kann der Polizeisprecher nicht viel sagen: Die Justiz entscheide, wie es nun weitergehe. Vielleicht gibt es irgendwann in den kommenden zwei Jahren ein Prozess. Vielleicht muss der Mann, der mich belästigt hat, eine Geldstrafe zahlen. Vielleicht wird mangels Zeugen das Verfahren eingestellt. Er sagt, sie sagt. Pech gehabt. "Randalierende Fußballfans haben meistens sehr gut Anwälte."

Und was sagt die Deutsche Bahn?

Beförderungsverbote könnten nur gegen zweifelsfrei von der Polizei identifizierte Straftäter ausgesprochen werden, teilt mir ein Sprecher mit. Komme es zu Konfrontationen mit aggressiven Reisenden, müsse das Bahnpersonal geschützt werden. "Unsere Mitarbeiter dürfen sich nicht in Gefahr begeben", sagt der Sprecher.

Ziemlich ernüchternd, finde ich. Ich möchte aber nicht wegen betrunkener Männer auf den Zug verzichten. In so einer Gesellschaft möchte ich nicht leben. Ich möchte mich frei bewegen. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben.


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