Bild: Sven Hoppe/dpa

Als Teenager kannte ich wenige Regeln, bei einer Sache blieb meine Mutter jedoch beharrlich: Nach Einbruch der Dunkelheit musste mich ein Freund nach Hause begleiten. Immer. Ein feststehendes Gesetz, das ich augenrollend hinnahm. Was sollte in unserer langweiligen Kleinstadt schon passieren? Heute weiß ich: Meine Mutter wollte mich nur beschützen, denn sie hatte Angst. Diese Angst habe ich nie gespürt – bis zu einem Moment in meinem 21. Lebensjahr. Er machte mir deutlich, was für die meisten Frauen Realität ist.

Es ist eine Oktobernacht, kurz vor ein Uhr, ich komme von meiner ersten Studentenparty. Ich warte etwas außerhalb des Nürnberger Hauptbahnhofs auf die letzte Straßenbahn. Exakt fünfzehn Minuten dauert die Fahrt zu meiner kleinen Wohnung. Fünfzehn Minuten, in denen ich mich eigentlich nur darauf konzentrieren möchte, nicht einzuschlafen. Doch es kommt anders.

Vier Männer, ich schätze sie auf Mitte 30, setzen sich mit wenig Abstand auf eine Bank neben mir. 

Sie sind betrunken. Ich bin es nicht. Stattdessen bin ich angespannt. 

Ich bin angespannt, weil ich unwillkürlich bemerke, dass sich außer der Männergruppe und mir niemand an der Haltestelle befindet. Die Anzeigetafel informiert über die letzte Fahrt der heutigen Nacht. Mir wird bewusst, dass wir in dieselbe Bahn einsteigen werden.

Die vier Männer sind laut, pöbeln einander an. Sind das harmlose Sticheleien unter Freunden oder sind die Männer aggressiv? Ich kann es nicht einschätzen. Ich kenne sie nicht. Und obwohl mich zunächst keiner der Fremden beachtet, steigt Nervosität in mir auf.

Ich versuche, meine Unsicherheit zu überspielen. Ich richte mich auf, nehme meine Schultern zurück. Selbstbewusstsein ausstrahlen – das habe ich im Selbstverteidigungskurs gelernt. Als ich gerade versuche, mich an weitere Details aus dem Kurs zu erinnern, passiert es. Ein Mann der Gruppe wendet sich in meine Richtung und lallt:

Na, junge Dame – ganz allein unterwegs?

Ein Satz und ich gerate Panik. Es ist ein Satz, der mir mit jedem Wort meine Unterlegenheit vor Augen führt. Vier Männer gegen eine Frau. Die Männer in einer Gruppe, ich allein. Meine Schwäche ist ihre Stärke. 

In mir krampft sich alles zusammen. Ich habe Angst. 

In den nächsten Sekunden explodieren meine Gedanken. Sollte ich antworten? Oder so tun, als hätte ich nichts gehört? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, wie man in dieser Situation richtig reagiert und die Angst breitet sich in mir aus. Sollte ich den Fremden mitteilen, dass sie mir Angst machen? Würden sie es verstehen? Oder würde das meine Schwäche ihnen gegenüber nur zementieren?

Es könnte einfach nur eine harmlose Situation sein. Doch es könnte genauso gut gefährlich sein. Werde ich mich später als naiv und dumm verfluchen, dass ich mich trotz schlechter Vorahnung dieser potenziell gefährlichen Lage nicht entzogen habe?

Ich wäge Möglichkeiten ab. Zurück in den Hauptbahnhof, wo sich viele Menschen aufhalten – dafür aber die letzte Bahn verpassen? Ein Taxi rufen!

Allein mit einem männlichen Taxifahrer? Ich denke an die vielen Geschichten von sexuellen Übergriffen auf Frauen in Taxis (Hamburger Abendblatt, Süddeutsche Zeitung, tz, Vice). Plötzlich erscheint mir auch dieser Gedanke unerträglich. Gibt es in Nürnberg Frauentaxis? Kann ich am Telefon um eine Fahrerin bitten? Wie lange würde das dauern? Soll ich besser einen Freund anrufen? Kann ich um diese Uhrzeit jemanden erreichen? Wie viel Zeit bleibt mir, wenn die Situation eskaliert? Habe ich mein Pfefferspray griffbereit?

Mein Körper ist paralysiert, während meine Gedanken rasen. Die Männer stacheln sich derweil untereinander an.

"Ey, lass doch das Mädel in Ruhe." 

"Wieso? Ich will doch nur ein nettes Gespräch führen."

Die Straßenbahn fährt ein. Ich habe keine Zeit mehr, um nachzudenken. Ich stehe auf und steige steif und wortlos zu, am hinteren Ende des Waggons. Ich nehme mein Smartphone ans Ohr und tue so, als würde ich telefonieren. Ich ärgere mich jetzt schon: Was für eine dumme Kurzschlussentscheidung! Nun bin ich in der Bahn mit den Männern alleine. Was, wenn sie sich mir aufdrängen? Was, wenn sie an derselben Station aussteigen und mir nach Hause folgen?

Die vier Männer steigen am vorderen Teil der Straßenbahn ein und sind erst mal mit sich selbst beschäftigt. Ein Glück. Ich versuche, nicht zu existieren, atme flach, vermeide Augenkontakt. Wenige Haltestellen später verlassen sie lachend die Bahn. Zuhause angekommen schließe ich die Wohnungstür und drehe den Schlüssel zwei Mal im Schloss herum. 

Das ist das Ende der Geschichte.

Ein unspektakuläres, harmloses Ende. Vielleicht habt ihr einen fatalen Ausgang erwartet, sitzt nun verwirrt vor diesen Zeilen und fragt euch, warum ich diese Geschichte erzähle. Oder ihr kennt die Angst, die ich beschreibe und wisst, dass diese zum Alltag vieler Frauen und Minderheiten gehört.

Der französische Filmemacher Maxime Gaudet hat diese Angst in einem Kurzfilm festgehalten:

Es gibt vermutlich kaum eine Frau, die diese Angst noch nicht erlebt hat. Für viele Männer sind die beschriebenen Gefühle trotzdem oft unverständlich.

Wie sehr, das zeigt ein Artikel der Rheinischen Post vom Juni 2019. Um herauszufinden, ob man sich im Düsseldorfer Hofgarten sicher fühlen könne – kurz zuvor war dort eine Frau vergewaltigt worden –, spaziert der männliche Redakteur nachts durch ebendiesen. Er kommt zum Ergebnis, er habe sich zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt. 

Für Betroffene ist diese Ignoranz ein Schlag ins Gesicht und zeigt, wie wichtig es ist, die weibliche Perspektive immer wieder zu zeigen. 

Denn die Angst ist nicht eingebildet, sie entstammt der Tatsache, dass deutlich mehr Frauen Opfer von sexualisierter Gewalt werden als Männer. Eine EU-weite Studie aus dem Jahr 2014 zeigt, dass jede zweite Frau schon Opfer sexueller Belästigung war – also sich anzügliche Witze anhören musste, angestarrt wurde, gegen ihren Willen angefasst wurde oder ihr "Nein" von einem aufdringlichen Mann nicht akzeptiert wurde. In Deutschland berichteten in dieser Studie außerdem 35 Prozent der Frauen, seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens einmal sexuelle oder körperliche Gewalt erlebt zu haben.

Kurz: Es hat einen Grund, dass Frauen Angst haben.

Es hat einen Grund, warum Mädchen zum Selbstverteidigungskurs angemeldet werden und schon früh lernen, dass man den Haustürschlüssel auf dem abendlichen Heimweg als potenzielle Waffe zwischen die Finger klemmt. Es hat einen Grund, dass viele Frauen Pfefferspray besitzen. Es hat einen Grund, dass Frauen in der Bar ihren Daumen auf die Öffnung der Bierflasche legen, um nicht Opfer von K.o.-Tropfen zu werden. Es hat einen Grund, dass Frauen sich gegenseitig Tipps geben, wie man brenzligen Situationen entkommen kann.

Die Rheinische Post hat sich in einem späteren Statement einsichtig gezeigt. Wie es allerdings immer noch sein kann, dass viele Menschen – vor allem Männer – die beschriebenen Gefühle nicht glauben wollen, ist mir unverständlich. 

Es gibt genug Statistiken, Opferberichte und Erzählungen. Man muss einfach nur zuhören.

Ich weiß heute, wovor meine Mutter mich schützen wollte. Jetzt kenne ich die Angst. Denn obwohl meine Geschichte kein kritisches Ende nahm, hat diese Nacht etwas in mir verändert. 

"Na, junge Dame – ganz allein unterwegs?": Ein Satz, der mir ein Stück Freiheit raubte. Heute glaube ich, die Männer waren schlicht betrunken und hegten keine bösen Absichten. Das nächste Mal kann es anders sein. 

Allein fühle ich mich nachts nicht mehr sicher, denn das ist ein Privileg, das vielen Menschen verwehrt bleibt. Und dessen sich viele Privilegierte nicht bewusst sind. 


Food

Der Saftkur-Selbstversuch, oder: Wird mein Hunger jemals verschwinden?

Strahlende Augen, Haut, so rein wie ein Babypopo, und ein vollkommen neues Lebensgefühl – das sind nur einige Versprechen, die ich im Zusammenhang mit Saftkuren gehört habe. Von der Wissenschaft werden sie mehr als angezweifelt, wahrscheinlich profitieren vor allem die Verkäufer der Kuren. Das Problem: Belastbare klinische Studien dazu fehlen, wie eine britische Meta-Untersuchung 2015 feststellte. (BDA)

Nach meiner anfänglichen Recherche war ich gleichermaßen fasziniert wie abgeschreckt. Für mich lag daher nahe: Ob Saftkuren nun ihr Versprechen halten können oder eben doch totaler Blödsinn sind – dafür musste ich es wohl einfach selbst auszuprobieren. 

Auf die Kur vorbereitet habe ich mich überhaupt nicht. Nachdem ich ein ansprechendes Flaschen-Design im Kühlregal meines Supermarktes entdeckt hatte, schlug ich spontan zu – ohne zu wissen, was mich erwartet. 

Sechs Flaschen Obst-Gemüse-Smoothies soll ich täglich zu mir nehmen, verlangt der Hersteller dieser speziellen Saftkur. 

Feste Nahrung ist verboten, ich darf ergänzend lediglich Ingwerwasser und ungesüßten Tee trinken. 

Ansonsten heißt es "kalter Entzug": Statt sieben Tassen Kaffee bekomme ich jetzt null, Alkohol ist ebenso tabu.