"Gibst du dem Onkelchen ein Küsschen?"

Schon auf der ersten Seite von Caroline Rosales autobiografischem Buch "Sexuell verfügbar" fragt man sich: Warum zur Hölle können Frauen manchmal nicht einfach "Nein" sagen?

Caroline ist Mitte 20, hat einen Picknickkorb mit Snacks und Sekt gepackt und trifft ihre Affäre in einem Berliner Park. Die Affäre ist ihr Chef, 45, verheiratet und behandelt Caroline mies. Er fragt, ob er seine Frau verlassen soll. Caroline sagt: nichts. Erstens weiß sie selbst nicht, was sie will. Zweitens hat sie in einer Zeitschrift gelesen, dass Männer am liebsten Frauen ohne eigene Meinung haben. Ohne Stress, aber eben "sexuell verfügbar".

Es gibt für viele Frauen meiner Generation kein weibliches Wollen. Die Anziehung liegt darin, von Männern gewollt zu werden. Aber das nur zu gewissen Stunden, im bestimmten Kontext, der stündlich wechseln kann – im Bett, im Supermarkt, in einem Büro oder Gerichtssaal, beim Finanzamt, zum Elternabend, in der Sauna, im Spa oder einer Bar.
"Sexuell verfügbar"

Caroline will den Mann nicht. Trotzdem sagt sie nicht nein. Wie schon so oft in ihrem Leben. Aber warum lässt sie mit 16 ihren Freund nicht einfach stehen, als er will, dass sie einen Porno nachstellt? Warum geht sie nicht, als ein anderer Kollege sie zum Oralsex nötigt? Was ist eigentlich unser Problem – als junge Frauen?

Caroline Rosales heute

bento hat mit Caroline Rosales darüber gesprochen.

Es gibt ziemlich viele Bücher zur #metoo-Debatte. Die meisten richten sich gegen Männer, du dagegen kritisierst Frauen.

Wir reden viel über #MeToo, Vergewaltigung, Missbrauch. Es geht um die Frage: Wie entsteht eigentlich eine sexistische Gesellschaft? Das Buch richtet sich mehr gegen uns. Wieso sind wir eigentlich, wie wir sind? Warum lassen wir das zu?

Und: warum?

Ich denke, es ist eine perfide Mischung aus unserer Erziehung als Mädchen immer brav und zuvorkommend zu sein und dem späteren Bild der perfekten Frau, wie es in der Werbung und in den Medien herrscht. Intelligenz und Bildung zu zeigen, wird schnell als klugscheisserisch abgekanzelt, Führungswille als Hysterie. So ist es oft effizienter und einfacher, sich angepasst zu geben.

Unsere Mütter sind also Schuld?

Eigentlich alle. Unsere Mütter sagten uns: Such den Prinzen, einen Mann, der Dich ernährt. Die Lehrer sagten uns, Mädchen seien schlechter in Mathe. Unsere Jugendfreunde sagten uns mit sanfter emotionaler Erpressung, dass wir kein richtiges Paar seien, wenn wir keinen Sex mit ihnen hätten.

Als 17-jähriges Mädchen machten mich die Spice Girls und Britney Spears unbesiegbar. Sie brachten mich durch den Schulalltag, auf jede Frage meines Lebens hatten Britneys Songs eine Antwort. (...). Dann machte ich Abitur und mit meinem ersten Freund Schluss, der neue betrog mich und passenderweise hatte diese Frau einen viel größeren Impact auf mich und meine Freundinnen.
Auszug aus "Sexuell verfügbar"

Du rechnest auch mit anderen Frauen ab: Freundinnen, Kommilitoninnen, Verwandten – und dir selbst.

Das ist eine philosophische Frage: Ist man mit dafür verantwortlich, wie man erzogen wurde? Wenn man als Mädchen ein schönes Kleid angezogen bekommt und dann kommt der Onkel und sagt: Gibt mal ein Küsschen. Und man denkt: Iiih! Eigentlich nicht – aber macht es trotzdem. Dann ist man in der Schule und lässt sich ein bisschen von den Jungs ärgern. Später hat man einen Freund, der zeigt einen Porno und fragt: Guck mal, wie findest du denn das?

Das sind alles sehr unterschiedliche Situationen. Was ist denn am Pornos anschauen problematisch?

Es ist ein Clusterfuck. Die Jungs denken, wenn sie der perfekte Typ sein sollen, müssen sie performen, die Mädchen machen mit, die absurdesten Sexpraktiken, um ihrem Freund zu gefallen. Dabei hat keiner Spaß, alle machen sich etwas vor. Das ist leider auch sinnbildlich für unsere Lust und Idee davon, jedem in unserer Umgebung alles recht zu machen. Daraus werden Frauen, die mehr auf ihr Gegenüber achten, als auf sich selbst.

Wann hattest du zum ersten Mal Probleme mit dir als Frau?

Bis zu meinem 13. Lebensjahr war ich relativ dick. Ich war nicht angesagt, niemand lud mich ein, kein Junge wollte was von mir und die Mädchen fanden mich auch uncool. Ich wollte sozialen Anschluss und hab angefangen, die Diätzeitschriften meiner Oma zu lesen. Und irgendwann war ich 14, trug kurze Röcke und war spindeldürr.

Damit wurde es aber nicht besser. Im Gegenteil: Als junge, erwachsene Frau wurdest du ständig als Sexobjekt wahrgenommen. Sogar im Job.

Meine ersten Jobs habe ich wegen meines Aussehen bekommen – nicht über meine Qualifikationen. Da haben auf Partys irgendwelche Chefredakteure gesagt: Hier ist meine Karte. Willst du mal für uns arbeiten? Da war ich 21. Ich habe dann sehr schnell Leistung zeigen müssen und habe wirklich sehr hart gearbeitet – mehr als 40, 50 Stunden die Woche. Aber der erste, oberflächliche Eindruck hat mir die Jobs verschafft.

Hättest du gern anders auf die alten Männer mit den Visitenkarten reagiert?

Total. Ich hatte keine Ahnung, es gab noch gar kein Problembewusstsein dafür. Heute würde ich vielleicht lachen und sagen: Das ist aber nett von dir, vielleicht liest du erstmal was von mir. Aber ich hatte halt Angst, es nicht zu schaffen und dass ich nichts werde oder keinen Job finde. Es gibt auch mindestens einen Arbeitgeber, wo ich denke, da hätte ich nie wieder eine Chance, weil ich nicht zuvorkommend genug auf Anmachen reagiert habe.

So fühlte es sich also an, wenn Dinge gegen deinen Willen passieren, dachte ich noch. Es gab keine Alternative mehr. "Warte, hör auf", sagte ich noch. "Das geht ein bisschen schnell." Doch der Chef reagierte kaum, ich nahm ein kurzes Lachen wahr, dann grub sich sein Kopf weiter zwischen meine Beine. Es war nicht missbräuchlich, solange ich es nicht dachte, nichts Falsches, solange ich es nicht so nannte.
Auszug aus "Sexuell verfügbar"

Du schreibst: "Weibliche Erfahrungen öffentlich machen ist immer eine Gefahr für männliche Machtstrukturen." Wie meinst du das?

Bei Aristoteles heißt es: Was nicht in der Sprache existiert, gibt es nicht. Das gilt auch für solche Begriffe wie Mansplaining – es ist wichtig, überhaupt ein Wort dafür zu finden. Kristen Roupenian hat mit ihrer Kurzgeschichte "Cat Person" im New Yorker Worte für einvernehmlichen Sex gefunden, bei dem die Frau keinen Bock hat, aber trotzdem mitmacht.

So eine Situation beschreibst du auch. Ausgerechnet mit deinem Chef – würde man heute in so einer Konstellation nicht von Vergewaltigung sprechen?

Nein. Ich würde mich wirklich davon distanzieren, das Vergewaltigung zu nennen. Ich will mich nicht mit Leuten gleich stellen, die auf dem Nachhauseweg überfallen werden oder in Kriegsgebieten leben. Auf der anderen Seite schützt man sich selbst vor einem Missbrauch, wenn man sagt: Da war doch gar nichts. Ich dachte, nachdem ich das im Buch beschriebe, geht es mir besser und ich kann mit der Lebensphase abschließen. Aber das ist überhaupt nicht so.

Warum nicht?

Weil das ein strukturelles Problem ist, wie die Männer sich verhalten haben. Wenn die sagen würden: Wir haben da echt massiv Scheiße gebaut – dann wär es vielleicht okay für mich. Aber die sehen das nicht ein. Das ist ja meist so, bei Menschen, die Macht haben. Jungs werden nicht zu Problembewusstsein erzogen – dazu, dass sie manchmal eben Schuld sind.

Hinweis: "Cat Person" erschien im New Yorker, nicht in der New York Times.


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