So ging es zu, als ich SM in mein Leben integrierte

Das Beste an Plattformen wie Tinder ist, dass der Fußfetischist sein Fußmodel und die Latex-Queen ihren Leder-King finden kann. Kurz: Jeder Fetisch kann geteilt werden, ohne dass es wie bei realen Bekanntschaften unangenehme Konsequenzen haben könnte – zumindest, wenn man ein anonymes Profil hat.

Und man kommt sogar auf ganz neue sexuelle Vorlieben, von denen man selbst nicht wirklich wusste, dass man sie hatte. So ging es mir mit Severin.

Ich blätterte wieder mal durch den Querschnitt der Berliner Singles und sah diesen Mann mit schwarzer Ledermaske, der auf dem Boden kniete.

Er war 27 Jahre alt und seine Beschreibung löste irgendetwas in mir aus. "Ich will dir dienen!", stand da – und das interessierte mich ungemein. Ich stand zwar nicht auf diesen Masken-Look, aber dass mir jemand dienen könnte, reizte mich.

Dann ging alles ganz schnell. Ich gab ihm ein Like, wir hatten ein Match und meine Neugierde war grenzenlos.

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Dabei hatte ich bisher kaum Berührungspunkte mit der Szene: Ich hatte noch nie eine SM-Erfahrung gemacht, hielt "50 Shades of Grey" für eine billige Masturbationsvorlage und fand die Lack-Outfits aus dem Katalog, die Leder-Harnesse und pinkfarbenen Choker, die man ständig in Clubs wie Berghain und KitKat sieht, eher peinlich als heiß.

Was mich aber interessiert, und das schon seitdem ich als Teenager "Belle du Jour" mit Cathérine Deneuve gesehen habe, ist die psychologische Ebene von Dominanz und Unterwerfung.

In dem Film erlebt Severine mehr Lust in ihren Fantasien als mit ihrem Ehemann beim Sex. Es läutet immer ein Glöckchen, wenn sie davon träumt, von barbarischen Kutschfahrern an Bäume im Wald gefesselt zu werden. Mich macht das auf eine komische Art an. 

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Eines Nachts sah ich noch den Film "Secretary", in dem der dominante Chef seiner Angestellten befiehlt, wie viel sie essen darf, was sie anzuziehen hat und sie auspeitscht, wenn sie Fehler macht. Miteinander geschlafen haben sie nie.

Was mich anmacht, ist also anscheinend auch Sex ohne Sex:
das geistige Spiel zwischen Liebhabern ist für mich mindestens so erregend wie das körperliche.

Ich las dann noch "Venus im Pelz" von Sacher Masoch. Darin erkannte ich den Namen Severin wieder: In dem Buch von 1870 heißt ein junger Mann so, der sich einer Frau voll und ganz hingeben will und am Ende sogar seiner Geliebten dabei zusehen muss, wie sie Sex mit einem anderen hat. Der Unterwürfige denkt, darin läge sein höchstes Glück.

Ich wurde derart erregt, dass ich Angst hatte, man würde mir etwas anmerken
Mira

Wahrscheinlich lag es an all dieser Lust, die ich als Tennagerin bei den Gedanken an solche Spiele empfand und wieder vergessen hatte, dass ich begann, mit meinem "Tinder-Severin" zu schreiben. Ich nannte ihn so, weil er in mir die längst vergrabenen Gefühle wieder erweckte, die ich damals bei der Lektüre des Buches hatte.

Ich erzählte ihm davon. Und er war begeistert. Auch er hatte keine Lust auf SM-Veranstaltungen mit Swinger-Party-Flair und hasste das Klischee.

Als wir uns das erste Mal verabredeten, hatte ich keine Ahnung, wie ich mich geben sollte. Herrisch konnte ich nicht sein. Ich wollte, dass er mir zuhörte, auch wenn ich leise sprach, darum hatte ich ihn vorher gebeten.

Wir trafen uns in der ruhigsten Bar, die ich kenne. Man musste klingeln, saß in Separées und die Gefahr, jemanden zu treffen, war gering. Ich ließ ihn 20 Minuten warten, in denen er mir ein Getränk aussuchen durfte. Als ich mich setzte, zitterte er vor Aufregung. Und er hörte ganz genau hin, während ich sprach.

Mehr über ​Mira Orlova

Sie ist 26 und kommt aus St. Petersburg. Und sie hat Fragen: Wie beeinflusst das Internet unsere Dates? Sind wir durch Apps wirklich freier geworden – oder nur freizügiger? Haben wir alle bald Roboter-Sex? In ihrer Sexkolumne will sie die Einflüsse des Internets auf unser Liebesleben diskutieren. Weil es in ihren Geschichten um echte Erlebnisse mit anderen Menschen geht, heißt Mira eigentlich anders. Safety first!

Er war groß, hatte blaue Augen und war extrem gut angezogen. Wir unterhielten uns eine Stunde lang und einigten uns darauf, es miteinander zu versuchen. Er wollte mein treuer Diener werden.

Als ich an diesem Abend nach Hause ging, war ich glücklich und wahnsinnig aufgeregt.

Er schrieb mir jeden Morgen direkt nach dem Aufstehen. In der Mittagspause fragte er mich, was er essen darf. Er kaufte für mich ein, putzte, wenn ich mit Freundinnen unterwegs war und schickte mir Bilder davon. Dann bedankte er sich dafür, dass er sauber machen durfte. Ich saß in der Bar, öffnete diese Nachrichten – und ich wurde derart erregt, dass ich Angst hatte, man würde mir etwas anmerken. 

Jeden Abend schickte er mir seinen Standort zu, fragte, ob er ausgehen dürfe, oder ins Bett gehen und schlafen soll. Oft las er mir am Telefon ein Stück aus "Venus im Pelz" vor oder lernte ein Gedicht auswendig. Wenn er einen Fehler machte, wurde er bestraft, indem er nicht ausgehen durfte. Manchmal versohlte ich ihm auch den Hintern.

In der Strafe lag für ihn die Belohnung. Sie machte ihn glücklich, schrieb er mir jeden Tag. Denn er konnte alle Verantwortung an eine Frau geben, die er begehrte. Er fühlte sich geborgen.

Sex hatten wir nie, weil es ausschließlich um das Spiel ging. Es klingt vielleicht seltsam, aber das Gefühl, dass ein Fremder sein Leben und seinen Alltag in meine Hände legte, war eines der umwerfendsten Gefühle, die ich jemals hatte.

 Ich war in einer Art Rausch.

Irgendwann wurde mir das Ganze jedoch zu viel. Nach zwei Monaten voller neuer, intensiver Momente, in denen ich Grenzen austestete und mich selbst auf eine ganz andere Art kennenlernte, wuchs mir die Verantwortung über den Kopf. Jeden Tag sollte ich Entscheidungen treffen und mir Strafen ausdenken. Die Zeit und Nerven, die ich investieren musste, wurden mir zu viel.

Außerdem hatte ich Anton zuvor ebenfalls bei Tinder kennengelernt. Er gefiel mir. Und er wollte mich besuchen kommen. 

Wie das ausging und was mit Severin geschah, erfahrt ihr in der nächsten Kolumne.


Gerechtigkeit

Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer, die libysche Küstenwache feuert Schüsse ab
Das sind die, die Europa gerade im Küstenschutz ausbildet

Mitglieder der libyschen Küstenwache haben am Dienstag Schüsse abgefeuert – während vor ihnen Flüchtlinge im Wasser trieben. Das berichten jetzt übereinstimmend mehrere NGOs, darunter "Ärzte ohne Grenzen" und die deutsche Hilfsgruppe "Jugend rettet".

Mehrere Schnellboote, die das Emblem der libyschen Küstenwache trugen, umkreisten demnach zwei Flüchtlingsboote. Die Schüsse wurden laut Augenzeugen in Richtung der Boote und die in Luft abgefeuert, mehrere Flüchtlinge sprangen panisch ins Wasser.