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Sie hatte viel über Indien gelesen, über die Vergewaltigungen, über sexuelle Übergriffe. Über traditionelle Rollenbilder und arrangierte Ehen. So ungefähr hatte Ute Wiemer, 24, sich Indiens Gesellschaft nach ihrem Bachelor in Philosophie und Volkswirtschaftslehre vorgestellt. Als sie vor mehr als einem Jahr für ein Praktikum bei "Fairtrade“ in das Land kam, fand sie eine andere Kultur. Eine die sich längst nicht mehr in solch enge Schemata zwischen Vergangenheit und Moderne zwängen lässt.

In den Clubs von Bangalore traf sie gebildete und selbstbewusste junge Frauen, die Tinder benutzen, um Männer kennenzulernen. Frauen, die ungeniert über Sex sprechen. Und über das, was sie wollen. Und wenn diese "Alpha Frauen“, wie Wiemer sie nennt, eines wissen, dann das.

Unter anderem wollen sie offenbar Sextoys: Immer wenn eine Frau aus ihrem indischen Freundeskreis ins Ausland fliege, erzählt Wiemer, müsse sie Sexspielzeug mitbringen. In Indien sei es recht schwierig, für Frauen an solche Produkte zu kommen – wenn man nicht gerade auf einen zwielichtigen Markt gehen möchte. Warum also keinen Sexshop für Frauen eröffnen?

Ute Wiemer beim Ted-Talk in Bangalore(Bild: Ted)

Was zunächst eine Gedankenspielerei war wurde Ernst, als sie ihren jetzigen Freund kennenlernte. Der Inder Balaji T.V. teilte nämlich die Idee. Als er für einen Job in Amsterdam war, kam er bei einem Gespräch mit Freunden darauf, Sexspielzeuge auch in Indien an die Frau zu bringen. Er hatte sich sogar schon den Markt für Erotikwaren angeschaut und erste Konzepte ausgearbeitet.

Zusammen gründeten sie dann "Lovetreats“ – den, nach eigenen Angaben, ersten Sexshop in Indien, der sich explizit an Frauen und Paare richtet. Typisch StartUp: Die Wohnung wurde provisorisch in Büro und Lager verwandelt. Für spezielle Aufgaben wie Design und Veranstaltungen haben sie freie Mitarbeiter engagiert, überwiegend arbeiten sie aber noch zu zweit. Anfang Oktober ging die Seite online.

Freunde und Familie hätten durchweg positiv reagiert, sagt Wiemer: "Vor allem die indischen Freunde finden das alles sehr spannend und sind begeistert von den Produkten.“

Erotische Skulpturen am Tempel in Khajuraho im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh(Bild: Flickr.com / Sankara Subramanian by-2.0)

Ein bisschen skeptischer betrachtet Ira Trivedi den Online-Shop. Für ihr Buch "India in Love: Marriage and Sexuality in the 21st century“ interviewte sie mehr als 500 Inder und Inderinnen zur sexuellen Revolution. Sie glaubt: Indische Frauen sind für "Lovetreats“ noch zu schüchtern. "Ich denke, es werden die Männer sein, die erst mal dort einkaufen“, sagt Trivedi. Der Internetauftritt sei angenehm neutral, das könne auch Männer ansprechen. Frauen zögen vielleicht später nach.

Laut Trivedi veränderte die Öffnung der indischen Wirtschaft in den Neunziger Jahren auch das Verhältnis zur Sexualität. "Mehr Materialismus, mehr Kapitalismus und der Zugang zu westlichen Medien. Das war zentral für die sexuelle Revolution in Indien.“

Damals kamen nicht nur Waren aus dem Westen; auch die Werbung in Indien passte sich dem westlichen Vorbild an. Auch in Indien gilt: Sex sells – aufreizende Bilder und Slogans verkaufen sich besser. All das habe das Interesse der Inder geweckt. Sexualität sei so immer mehr in die Öffentlichkeit gedrungen. Und trotzdem: So richtig unverkrampft ist der Umgang noch immer nicht. Das wird auch noch dauern, schätzt Trivedi.

Screenshot vom Online-Shop

So erfahren Schüler bis heute wenig über sexuelle Aufklärung an Schulen . Wiemer und ihr Freund interviewten im Vorfeld der Gründung überwiegend Inderinnen aus der urbanen Mittelschicht: Selbst diese gebildeten Frauen gaben an, ihr Wissen über Sex vorrangig aus amerikanischen TV-Serien und Pornos zu haben.

Auch deshalb will sich "Lovetreats“ um Aufklärung kümmern. In einem eigenen Blog werden Fragen beantwortet, die an Dr. Sommer erinnern: Wie benutze ich Gleitgel? Wie kann ich ein sexy Selfie schießen? Und: Tue ich meinem Partner mit einem Sexspielzeug nicht vielleicht weh?

Screenshot vom Online-Shop

Dass Sexspielzeuge bei Frauen in Indien noch nicht so verbreitet sind, hat aber auch noch einen anderen Grund: Viele von ihnen haben Angst, dass der Kauf schlicht verboten ist.

Ganz unbegründet ist diese Sorge nicht: Tatsächlich gibt es in Indiens Strafgesetz Abschnitte die "Obszönes“ verbieten. Nicht erlaubt sind demnach zum Beispiel obszöne Handlungen – das heißt im Klartext: Keine Liebesbekundungen in der Öffentlichkeit. Aber auch Lieder mit entsprechendem Inhalt und der Verkauf von obszönen Büchern oder sonstigen Produkten sind nicht erlaubt. Auch deshalb setzt "Lovetreats“ eher auf unschuldiges Design.

Die ersten Wochen seien ganz gut angelaufen, sagt die Deutsche Ute Wiemer. Die Vibratoren waren nach zwei Wochen sogar ausverkauft.