Ein Experten-Trio erklärt die Dos und Don'ts beim Sex-Chat.

In der kontaktarmen Corona-Zeit verlagert sich unser Leben in den virtuellen Raum - das gilt auch fürs Flirten und DatenDer Online-Dating-Markt boomt: Die Datingplattform Tinder beispielsweise vermeldete seit Beginn der Coronakrise stark steigende Mitgliederzahlen, Rekorde von bis zu drei Milliarden sogenannter Swipes pro Tag und vor allem: deutlich mehr und längere Chat-Gespräche. 

Mit Sexting durch die kontaktarme Coronakrise

Mit den Dates verlagert sich auch der Sex in den Chat. Der gute alte Dirty Talk per Text-, Foto- oder Video-Chat scheint als alternativer Lustgewinn in der Krise beliebt. Viele nutzen Cybersex oder das sogenannte Sexting (ein Kofferwort aus "Sex" und "texting") aktuell vermehrt und oft zum ersten Mal, wie Forscher in einer bislang unveröffentlichten Studie des "Kinsey Institutes" berichten. 

Doch wie beim Sex kann man auch beim Sexting schnell verkopfen: Wie starte ich einen erotischen Chat? Was schreibe (oder fotografiere) ich? Wie habe ich Erfolg, halte das Gespräch am Laufen, und wie verhindere ich, dass der andere mich als Perversling abstempelt und blockiert?

Dieses Experten-Trio sucht nach Antworten:

Theresa Lachner: "Erst mal vorsichtig vortasten"

(Bild: Paula Winkler)

bento: Was ist Sexting für dich?

Theresa Lachner: Knochentrocken runtergebrochen: erotisierende Kommunikation, meist per Smartphone. Sexy Fotos, gestöhnte Sprachnachrichten, "das würde ich jetzt gern mit dir anstellen"-Chats.

bento: Was sind deine Tipps fürs Sexting – beziehungsweise gibt es überhaupt ein "Richtig" und "Falsch"? 

Theresa: Ich würde schon sagen, dass man sich da an der Realität orientieren darf. Wenn ich niemandem auf offener Straße unkommentiert mein Geschlechtsteil hinhalten würde, sollte ich das auch nicht im Chat tun. Deswegen mein Tipp: Erst mal vorsichtig vortasten und schauen, ob die andere Person überhaupt in Sexting-Stimmung ist. Außerdem ist ein Mindestmaß an Vertrauen wichtig, dass gut mit den eigenen Daten, Bildern und Fantasien umgegangen wird. Mit jemandem, den man noch nicht gut kennt, vielleicht lieber Textnachrichten austauschen, als direkt Bilder zu verschicken, oder per Webcam zur Sache zu kommen.

bento: Sollten wir alle mehr sexten, in der Corona-Isolation und auch sonst?

Theresa: Nö, aber was wir auf jeden Fall sollten, ist, uns selbst daran zu erinnern, dass wir sexuelle Wesen sind – und wenn Sexting uns dabei unterstützt, fein. Momentan ist eine gute Zeit für sexuelle Weiterbildung. Aber egal ob analog oder digital: Lasst euch auf keinen Fall in irgendwas reinlabern, worauf ihr keine Lust habt!

Damian: "Beim Sexten die innere Wildsau rauslassen"

(Bild: Privat)

bento: Mit wem sextest du und wie steigst du in den Dirty Talk ein?

Damian: Ich sexte am liebsten mit Leuten, die ich noch gar nicht kenne. Dann kann ich mehr Fantasie einbauen. In der Schwulen-Welt haben wir generell viele Sex-Dates, und auch beim Chatten kommt man schnell zur Sache. Mein Standardintro in einen Sexting-Chat ist: 'Worauf stehst du?' oder 'Ich würde jetzt gerne mit dir...' und dann schaue ich, ob und mit was der andere einsteigt. Wichtig ist, die eigenen Vorlieben, aber auch die Tabus gleich zu Beginn des Gesprächs offen anzusprechen.

bento: Wie läuft so ein Sexting-Chat dann ab?

Damian: Ich stehe darauf, alle Teilabschnitte des Sex-Dates vorab genau zu beschreiben. Das baut Spannung auf und heizt an. Aber lasst euch mit den Nachrichten Zeit! Die heißesten Details sollten nicht zu schnell kommen und oft ist es auch gut, Passagen bewusst auszulassen – als weiterer Anreiz, sich dann auch wirklich live zu treffen. Am wichtigsten ist mir aber das Zusammenspiel. Aus meiner Erfahrung weiß ich, einer wird immer mehr zu sagen haben als der andere. Zum Sexten gehört auch, den anderen zu bestärken. 

bento: Was gibt dir Sexting persönlich?

Damian: Beim Sexting kann ich die innere Wildsau rauslassen. Klar gibt es rote Linien, oder es kommen Sachen, auf die man gar nicht steht. Aber ich finde, das muss nicht gleich das Gespräch killen. Ich versuche dann immer, den Kontext zu sehen und hole den anderen ab. Zum Beispiel so: 'Das ist jetzt nicht so mein Ding, das mache ich nicht! Aber das, was du vorhin geschrieben hast, das gefällt mir besser.'

Kim: "Es ist ein Unterschied, ob ich frage, oder Fantasien aufdränge."

(Bild: Valentin Schaaf)

bento: Euer Kollektiv heißt 'Antiflirting', seid ihr auch Anti-Sexting?

Kim: Wir sind nicht gegen Flirten und auch nicht gegen Sexting! Sondern gegen das, was wir 'Antiflirting' nennen. Anti-oder Nicht-Flirten ist, ohne die Zustimmung des oder der anderen sexualisierte oder beleidigende Inhalte zu verschicken, oft mit dem Vorwand: 'Ich bin ehrlich.' Aber so wie Sex ohne beiderseitiges Einverständnis kein Sex ist, ist das Versenden von erotischen Nachrichten oder Bildern ohne Zustimmung kein Sexting, sondern übergriffig oder sogar sexuelle Belästigung.

bento: Ihr sprecht von Tätern und Opfern von sexueller Belästigung im Netz. Wie werde ich zu einem von beidem?

Kim: Uns wird oft vorgeworfen, wir würden nur Frauen als Opfer darstellen und Männer verteufeln.  Das liegt aber nur daran, dass wir mehr Screenshots von Userinnen als von Usern bekommen – manchmal bis zu 100 pro Tag. Egal ob Mann oder Frau, die meisten von uns waren schon mal Täter oder Täterin beim Flirten. Täter bin ich immer dann, wenn ich die Grenzen des anderen überschreite, egal ob analog oder digital.

bento: Wie verhindere ich, beim Sexting zum Täter zu werden?

Kim: Indem man immer nach Consent fragt, anstatt die eigenen Fantasien aufzudrängen. Konkretes Beispiel: 'Mir ist langweilig wegen Corona, schick mir mal ein Bild von deinen Brüsten!', ist ein sexueller Übergriff. Hingegen: 'Hey, mir fehlt die Nähe in der Isolation, vielleicht hast du ja Lust, dich über sexuelle Fantasien auszutauschen?', ist eine respektvolle Frage, aus der sich 'Safe Sexting' super entwickeln kann. 


Gerechtigkeit

Kurven der Krise: Sieben Grafiken zeigen, wie Corona unseren Alltag verändert hat
Plötzlich geht es um Copy-Paste-Sex, Gemüsekisten und Youtube-Haarschnitte

Schulen versuchen plötzlich digitales Lernen, Universitäten starten Online-Seminare, Wohnungen werden zu Büros: Krisen erzwingen in einer Gesellschaft oft Veränderungen.

Als der Corona-Lockdown begann, wollte ich wissen, wie er unser Leben verändert. Unsere Gedanken, unser Verhalten, unseren Alltag. Internet-Suchbegriffe helfen dabei, sich ein Bild davon zu machen.

Unsere Suchanfragen zeigen, was uns wirklich interessiert

Die gesammelten Suchanfragen ganzer Länder oder Kontinente sind oft aussagekräftiger als das, was wir uns im Alltag womöglich selbst vormachen. Wir joggen mehr, wir suchen regionale Lebensmittel – aber wir interessieren uns auch für Copy-Paste-Sexting und oft mehr für Bastelanleitungen als für Nachrichten. 

Wie viele Anfragen genau zu den jeweiligen Themen bei Google auflaufen, verrät der Konzern leider nicht. Die Daten zeigen aber, wie sich das Interesse an bestimmten Themen verändert hat. Der Wert 100 steht dabei für das höchste bislang gemessene Interesse – fällt er in die Corona-Zeit, wissen wir also, dass es noch nie so viele Suchen zu einem Thema gab wie jetzt. Auch nachlassendes Interesse lässt sich nachvollziehen, zum Beispiel beim Thema Fitness. 

Sport wird wohl nie mehr so sein wie vor Corona. Fitnessstudios bleiben wegen der Infektionsgefahr bis auf Weiteres geschlossen. Ins Schwimmbad gehen fällt auch aus. Also weichen wir auf Joggen aus oder machen Yoga, wie man an der Häufigkeit der entsprechenden Google-Suchen sieht: