Ein Paar liegt zusammen im Bett, beide starren auf ihr Smartphone – kennt man. Technik kann der Intimität des Moments sehr im Weg stehen. Aber sie kann sie auch herstellen. 

Wir haben uns von einer Expertin erklären lassen, wie Technologie unser Sexleben verbessern kann.

Maya Magnat bei einem Vortrag über Sextech(Bild: Maya Magnat)

Maya Magnat ist 28, kommt aus Israel und ist sowohl Sex-Pädagogin als auch Performance-Künstlerin. Sie ist Fachfrau für Sextech, also Technologien, die entweder direkt oder indirekt mit dem Sexleben zu tun haben. Sie sagt: "Wir können Technologie nutzen, um neue Arten von Beziehungen zu erschaffen." Allerdings müsse man dafür lernen, gesund und bewusst mit der Technik umzugehen – denn sonst haben wir am Ende wieder die eben erwähnte Smartphone-Situation.

Maya hat uns auf der Medienkonferenz re:publica die Trends der Branche gezeigt – von den neuesten Pornovarianten bis zu Videospielen, die man mit der Vagina-Muskulatur steuert.

Sex-Toys

"Der Trend geht in Richtung Teledildonik", sagt Maya. Telewas? Der Begriff beschreibt Sextoys, die über ein Netzwerk entweder mit anderen Spielzeugen oder mit einer App verbunden sind. 

Sie können also:

  • Von einer anderen Person gesteuert werden. Dies ist bei Vibratoren oder Masturbatoren (eine Art Röhre, die Männer zur Selbstbefriedung benutzen können) der Fall, die über Wlan mit dem Internet verbunden sind. Ist man also beispielsweise in einer Fernbeziehung, kann der Partner aus der Ferne das eigene Spielzeug steuern.
  • Das, was gerade mit einem Toy passiert, auf ein anderes übertragen. Wenn also jemand mit einem Vibrator masturbiert, können die erfassten Bewegungen auf einen anderen Vibrator oder Masturbator übertragen werden.
  • Das Geschehen in einem Porno auf das eigene Toy übertragen, also beispielsweise als Vibration passend zur Action. Es gibt auch Spielzeug, das passend zu Stimmen oder Musik vibriert.

Wie sicher ist das?

Bei allen mit dem Netz verbundenen Spielzeugen ist allerdings immer die Frage: Was passiert mit den Daten? Dieses Thema ist im vergangenen Jahr der Firma hinter dem Paarvibrator "We Vibe" zum Verhängnis geworden. Ohne die Kunden zu informieren, hatte das Unternehmen die Nutzungsdaten gesammelt. Also wie oft das Gerät benutzt wurde und sogar welche Temperatur es maß, oder wie intensiv der Gebrauch war. (Heise Online)

Alle bisher vorhandenen Sextoys orientieren sich noch sehr stark am menschlichen Sexleben. Sie rekreieren quasi das Erlebnis, miteinander zu schlafen. "Dabei könnten wir uns technologisch auch davon lösen und ganz neue Erlebnisse erfinden, abseits von menschlichen Möglichkeiten beim Sex", sagt Maya. Bisher sei das aber nicht der Fall – alle Technik sei noch immer sehr menschenähnlich. Besonders offensichtlich ist das bei Sex-Robotern.

Sex-Roboter

Die Pornobranche arbeitet seit Jahren am perfekten Sex-Roboter. Inzwischen gibt es einige Modelle, die täuschend echt wirken, wie diese hier:

Allerdings kosten die Teile auch entsprechend viel Geld: Bei den oben gezeigten RealDoll-Puppen geht es bei gut 5000 Euro los. 

In der Zukunft sollen die Maschinen noch weiter entwickelt und mit künstlicher Intelligenz ausgestattet werden, sodass sie mit einem sprechen und reagieren können. 

Aber ersetzen sie dann auch eine menschliche Beziehung? 

So weit geht es nur in sehr wenigen Fällen, wie bei einem Mann aus Japan, der sich in seine maschinelle Partnerin verliebt hat (New York Times). Doch "dass manche Menschen sich in Objekte verlieben, hat nichts mit Technologie zu tun", findet Maya Magnat, "es wird immer passieren." Es gab immerhin auch die Frau, die den Eiffelturm geheiratet hat (FR), oder die Berlinerin, die ein Modellflugzeug liebt (Berliner Zeitung).

Doch auch wenn bei den meisten Menschen keine Liebesbeziehung zu Objekten entsteht: Die Wissenschaft hat eine Verhaltensweise identifiziert, die sie "Eliza Effekt" nennen. Bedeutet: Menschen tendieren dazu, Objekten menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Deshalb schreien wir auch manchmal einen Computer an, wenn er nicht so läuft, wie wir es wollen. Bei menschenähnlichen Maschinen liegt die Verbindung zu Emotionen also noch näher.

Apps und Plattformen

Um das Beispiel mit den ablenkenden Smartphones noch mal aufzugreifen: Oftmals ist Technologie nicht gerade gut für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Doch manchmal kann es diese auch bereichern. 

Ein paar Beispiele:

  • Dating-Apps sind nicht besonders neu. Aber sie tragen dazu bei, dass Gleichgesinnte miteinander in Kontakt kommen. "Sie erleichtern es, Menschen mit den selben Vorlieben und Interessen zu finden", sagt Maya.
  • Hat man bereits einen Partner, können wiederum andere Apps helfen. Zum Beispiel "Desire" (iOS, Android). Die App gibt den Partnern verschiedene Aufgaben. Die reichen von "Sag dem anderen, was du an ihm oder ihr erotisch findest" bis zu größeren Herausforderungen, wie Sex an einem öffentlichen Ort. Spielchen wie dieses öffnen laut Maya Magnat die Kommunikation: "Obwohl wir überall mit dem Thema Sex konfrontiert sind, fühlen sich die meisten Menschen unwohl, über Sex zu sprechen", sagt sie. Dabei sei dies die wichtigste Voraussetzung für guten Sex.
  • Eine weitere Empfehlung von ihr ist "OMG Yes", eine Plattform, mit der Menschen mehr über den weiblichen Orgasmus lernen können. An einer digitalen Vulva lässt sich das Ganze dann auch gleich ausprobieren.
Technologie kann ein Startpunkt sein, um die Kommunikation in Gang zu bringen.
Maya Magnat
Mehr Vielfalt bei Pornos

Die meiste Sex-Technologie wird von Männern entworfen. So ist es auch beim Porno. Maya wirbt deshalb für mehr Feminismus in der Branche: 

Es ist vielleicht einfacher, ein Video bei Pornhub zu gucken, aber komplexere Pornos verbessern das Sexleben.
Maya Magnat

Ihre Favoriten:

  • Make Love Not Porn. Die Erfinderin Cindy Gallop gilt als Galionsfigur des feministischen Pornos. Auf ihrer Seite können Privatmenschen Videos hochladen. Echter Sex statt Inszenierung und unrealistische Rollenbilder – das ist hier die Devise.
  • Beautiful Agony. Hier werden Menschen beim Orgasmus gezeigt – allerdings nur von den Schultern aufwärts. Die Videos sind zum Teil witzig, zum Teil berührend und in jedem Fall sehr heiß. Es zeigt, wie sehr alle unsere Sinne zur Erotik einer Situation beitragen. 
  • VR Porno. Im Bereich Virtual Reality passiert gerade sehr viel. Mit einer VR-Brille auf dem Kopf erlebt man die Sexszenen aus Perspektive der Darsteller. Vernetzte Toys können das Erlebnis noch verstärken. "Es macht sehr viel Spaß", sagt Maya, "In einem anderen Körper zu stecken und verschiedene Persönlichkeiten einzunehmen, kann richtig toll sein." Allerdings ist die Vielfalt der Körper – ähnlich wie beim normalen Porno – kaum vorhanden. Die Darsteller sind meist weiß und entsprechen oft unrealistischen Körperidealen. Außerdem gibt es im Bereich VR noch keinen feministischen Ansatz. 
  • Um das Porno-Erlebnis noch weiter zu intensivieren, gibt es inzwischen auch Ganzkörperanzüge, die verschiedene Berührungen und Stimulationen auf den Körper übertragen.

In Deutschland ist die feministische Pornoproduzentin Erika Lust sehr erfolgreich. Wie man einen guten Sexfilm dreht, hat sie uns hier erklärt:

Videospiele

Bisher sind die meisten Sexspiele eine Nachahmung von Online-Strategiespielen, in denen man verschiedene Aufgaben erfüllt und dann Sexszenen nachspielt.

Doch es gibt auch interaktivere Varianten. Beispielsweise "Perifit". Hierbei wird ein spezieller Controller in die Vagina eingeführt. Wenn die Frau nun ihre Beckenbodenmuskulator zusammenzieht, bewegt sich in der dazugehörigen App ein Schmetterling durch Hindernisse hindurch. Letztendlich ist dieses Spiel natürlich eher ein Muskel-Training – aber auch das wirkt sich am Ende auf das Sexleben aus.

Wer hat wann wie oft mit wem Sex? Und wann überhaupt zum allerersten Mal? Manche geben damit an, andere hüllen sich in Schweigen.

In unserem Quiz erfährst du, was bei den Deutschen im Bett wirklich läuft – und wie dein Sexleben im Vergleich dazu dasteht:

Die Daten stammen aus folgenden Studien:


Art

Kunst für alle, die nicht in Schubladen denken
Curated by Girls

Es gibt diese großen Worte, die sich so schwer mit Leben füllen lassen: Feminismus, Identität, Homosexualität oder Trans-Erotik. Diese Worte schaffen meist eher Distanz als Nähe, findet die Französin Laetitia Duveau und stellte sich die Frage: Was stellen wir uns eigentlich darunter vor?

Ihre Antwort: die Künstlerplattform Curated by GIRLS. Dort zeigt sie: Vielfalt kennt keine Regeln, keine Ideale, keine Langeweile. In jedem Projekt steckt die Frage: Wer sind wir? Wer wollen wir sein? Und wie gehen wir mit der Identität von uns und anderen um?