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Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich zum ersten Mal den Begriff "dicke Eier" gehört habe: Ich muss so 13 Jahre alt gewesen sein. Ein Schulfreund beschwerte sich in der Mittelstufe darüber, nach dem Knutschen mit seiner Freundin an diesem Leiden zu kranken, er müsse zu Hause nun erstmal "Druck abbauen". Ich lachte, wünschte ihm viel Glück und hinterfragte für viele Jahre nicht, was ich da gehört hatte. 

Männliche Sexualität wird bis heute oft als etwas fast Unkontrollierbares und Animalisches verstanden, weibliche als etwas Zartes und Mysteriöses. Männer haben gefälligst zu wissen, wie ihre (angeblich nur eine) erogene Zone funktioniert. Sie stehen "unter Druck" wie eine Dampfmaschine. Frauen haben sich noch zu entdecken, dürfen experimentieren, ihre Lust ist etwas Kostbares. Männer sind immer kurz vor dem Explodieren.

2019 steht unser altes Bild von Männlichkeit aber auf dem Prüfstand. Nach #MeToo, Diskussionen um "alte weiße" und "toxische” Verhaltenszüge können wir Männer uns nicht mehr so sicher sein, dass die erlernten Weisheiten noch gültig sind. Auch und gerade beim Sex. Wie wohl die meisten bin ich aufgewachsen mit den Glaubenssätzen:

  • Männer wollen immer und können immer.
  • Glücklicherweise sind Männerkörper nicht "so kompliziert" wie die von Frauen.
  • Alles, was südlich der Hoden passiert, ist "super schwul".
  • Männer können sich nicht kontrollieren – kontrollieren als dominanter Part aber gerne alles, was im Bett passiert.

Doch wie verändert sich das Bild von männlicher Sexualität in einer Zeit, in der die klassischen Konzepte von Geschlechtern zur Diskussion stehen?

Lernen wir Männer unsere Körper anders kennen? Verändern sich auch unsere Bedürfnisse? 

Um das herauszufinden, wollte ich meine Recherche da beginnen, wo der Mann ganz bei sich ist: bei der Masturbation. Denn was Männer mit sich selbst machen, beeinflusst, wie sie mit sich umgehen - und was sie in ihre Beziehungen mitbringen. 20- bis 25-Jährige befriedigen sich übrigens ungefähr zehn Mal pro Monat, Frauen derselben Altersgruppe nur etwa einmal. (ZEIT

1 Schnell, schneller, männlicher Orgasmus

Weibliche Masturbation, berichtet bento-Autorin Helene Flachsenberg, wurde lange über den Mann gedacht: Ihnen wurden schlicht Gummipenisse verkauft, nicht Spielzeuge, die sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Frau orientieren. (bento)

Beim Mann ist es ähnlich: Einen Großteil der Toys, die mir zugeschickt werden, kann man weitestgehend als eine Art künstliche Vagina verstehen. "Masturbatoren" heißen diese Toys, es sind Kunststoff-Schläuche mit kleinen Öffnungen, die auf der Innenseite mit Wellen oder Noppen den Penis stimulieren.

So masturbieren deutsche Männer

Laut “Lustreport” des Toy-Herstellers Tenga haben 93 Prozent der deutschen Männer schon einmal masturbiert. Nur 50 Prozent der Männer haben aber schon mal ein Sextoy benutzt. Da Toys aber auch gemeinsam benutzt werden, ist davon auszugehen, dass die meisten Männer beim Masturbieren nach wie vor auf Handarbeit setzen. 

Beim Konkurrenten Fun Factory machen Männertoys nur ein Fünftel des Umsatzes aus, aber die Tendenz steigt: 2017 waren es nur 13 Prozent. 

Bei eis.de sind als Männertoys vor allem Penisringe und Masturbatoren nachgefragt. Da Penisringe eher beim Paarsex zum Spiel kommen, haben wir sie hier ausgeklammert.

Masturbatoren sind am ehesten das, was man heute mit männlicher Sexualität assoziiert: Effizient, mechanisch, peniszentriert, simpel. Orgasmen erreicht man damit schnell, aber wenig lustvoll. Könnte diese Art, wie Männer in ihrer Freizeit zum Orgasmus kommen, mitverantwortlich dafür sein, dass sie es im Bett zu egoistisch angehen? 

Laut einer US-Studie mit 20.000 Teilnehmenden haben nur 64 Prozent der Frauen einen Orgasmus beim Sex. Bei Männern sind es demnach 91 Prozent. Auch laut der aktuellen Tenga-Studie kommen nicht ansatzweise alle heterosexuellen Frauen regelmäßig. 38% der Frauen bevorzugten daher, so sagt es die Studie, Masturbation vor dem Sex mit einem Mann. 

Keine gute Zwischenbilanz für die Männer. Macht uns die Jagd nach dem schnellen Orgasmus egoistisch? 

2 Ausgeruht und experimentell

Doch es gibt Spielzeuge die ein ganz anderes Bild von männlicher Sexualität vermitteln: Zwar sind sie noch immer peniszentriert, aber ergänzt um Vibrations- und Wärmemotoren. Rein-Raus funktioniert hier nicht, stattdessen wird man(n) dazu verleitet, sich fallen zu lassen und die Verantwortung für den Orgasmus aus der Hand zu geben.

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Für Männer, die es gewohnt sind, sich beim Sex für alles verantwortlich zu fühlen, ist das wirklich gewöhnungsbedürftig. Nur dazuliegen und dem rythmischen Surren der Motoren zuzuhören, erfordert Zeit, er ist nicht routiniert, nicht planbar. Der Weg zum Orgasmus fühlt sich so eher an wie ein planloser, entspannter Spaziergang – nicht mehr wie ein Sprint mit einer Ziellinie. 

Es gibt Frauen, die so ihre sexuelle Erregungskurve beschreiben. Bis jetzt war mir das immer fremd, doch je mehr ich mich auf das Experiment einlasse, desto besser gefällt es mir. Passiv sein ist im Zusammenhang mit Sexualität oft negativ besetzt. Aber passiv zu sein bedeutet auch, sich einzulassen auf das, was mit einem geschieht. Jemandem oder etwas die Chance zu geben, einen zu überraschen. 

„Das Ergebnis all dieser Technik macht immerhin Vorfreude auf die Zeit, in der wir Menschen nur noch Sex mit Robotern haben werden.“

Deshalb hätten Toys dieser Art vielleicht die Chance, der männliche "Womanizer" zu werden. Sie definieren männliche Sexualität anders: weniger aktiv, ausgeruhter, experimenteller. 

3 Kontrolle ist gut, Vertrauen besser

Passiv Sex zu haben ist für viele Heteromänner ja schon schwer genug. Noch komplizierter wird es aber, wenn zusätzliche Tabus und Denkbarrieren dazu kommen: Perineum, Prostata und Anus gehören zwar unbestritten zu den erogenen Zonen, aus Scham bleiben sie dennoch oft unberührt. Die analfixierte Stand-Up-Komikerin Ali Wong scherzte in ihrem Programm "Baby Cobra": 

„Männer haben Angst, dass es ihnen gefällt. Und wenn es ihnen gefällt, bedeutet das, dass sie schwul sind.“

Dass es immer noch ein Tabu ist, zeigt die Abwesenheit von Studien und Zahlen. Wie viel Prozent der (Hetero-)Männer haben wirklich passiven Analsex, lassen sich mit Toys penetrieren oder den Po lecken? Wie viele bekommen gezielte Prostatamassagen? 

Verlässliche und aktuelle Daten habe ich nicht gefunden. Eine Studie zum Sexualverhalten der Deutschen aus dem Jahr 2017 zeigte zwar, dass elf Prozent der Männer zwischen 25 und 29 Jahren passiven Analsex hatten – gefragt wurde allerdings nur nach dem mit Männern. Selbst das Studiendesign implizierte also, dass Analsex schwul ist. (Ärzteblatt)

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Insofern ist es schon ziemlich schade, dass es nie ein aufgeklärtes, männliches Äquivalent zu "Sex and the City” gab. Carl, Sam, Charles und Randy hätten in der Serie beim gemeinsamen Bier über solche Tabus reden können. Charles wäre das zwar fürchterlich peinlich gewesen, Sam hätte aber ungeniert über anale Erfahrungen referiert. Carl hätte das Gespräch in seiner Kolumne reflektiert und Randy hätte es einfach ausprobiert. Am Ende wäre dem Zuschauer klar geworden, dass die Angst vor einer erogenen Zone unberechtigt ist und sich niemand schämen sollte, die eigene Sexualität zu genießen.

Doch sowohl die Serie als auch der entspannte Umgang mit dem Thema lassen auf sich warten. So ist es wenig überraschend, dass nur eine der angefragten Firmen auch Toys für die anale Zone schickte. Dabei ist die Analpenetration eine der wenigen Methoden, wie der Mann mal Penis Penis sein lassen kann – um Lust ganz anders zu erleben.

Einer der interessantesten Aspekte daran: Für die allermeisten Männer passiert Sex außerhalb ihre Körpers. Für die allermeisten Frauen passiert er innerhalb ihres Körpers. Für Heterosex sind bei beiden Partnern komplett unterschiedliche Vertrauens- und Machtverhältnisse gegeben.

Der Machtverlust ist eine Lehre, die in meinen Augen auch viele Geschlechtsgenossen mal gebrauchen könnten: Es ist okay, nicht immer alles unter Kontrolle zu haben. Jemand anderem zu vertrauen. Etwas mit sich machen zu lassen. Es fördert ungemein die Empathie.

Bis heute gilt es als schlechte Sache, wenn umgangssprachlich jemand oder etwas "gefickt" wurde. Diese Formulierung zeigt viel über das Verständnis von Sexualität und Macht. Aber spätestens, wenn heterosexuelle Männer anfangen, zu begreifen, wie schön das sein kann, könnte sich so einiges ändern am Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Oder, um es mit dem Sex-Berater Charlie Glickman zu sagen: "Mit Pegging können wir die Welt retten".  

Fazit: Die männliche Sexualität wird gleichzeitig über- und unterschätzt. 

Überschätzt, weil sie von vielen als kaum beherrschbare Macht gesehen wird (was übrigens Männern auch immer wieder als Rechtfertigung für übergriffiges Verhalten dient, aber das ist noch eine andere Geschichte). Unterschätzt, weil viele Spielarten der männlichen Sexualität komplett ignoriert werden, ganze Körperregionen ausgeklammert. Vom Hoden etwa haben wir noch nicht mal gesprochen, ebenso wie die Hersteller von Toys. Passivität wird von vielen Männern als gewünschte Spielart kaum erlaubt. 

Dabei ist ein Mann, der sich kennt, der weiß, woran er Spaß hat, der verschiedene Spielarten seiner eigenen Sexualität kennt, wahrscheinlich ein empathischerer Partner. Jemand, der mutig genug ist, Macht auch mal abzugeben. Der keine Angst vor Rollenwechseln hat, offen kommuniziert, was ihm gefällt, anstatt es sich einfach zu nehmen. Einer, der nicht bloß auf Effizienz geht und zielorientiert einen schnellen Orgasmus sucht. 

Männerkörper sind mehr als bloß Sexmaschinen. Sie hätten es verdient, nicht mehr als solche gesehen zu werden. Von der Welt - und von sich selbst. 

*Der Autor dieses Textes wollte den Artikel nicht unter seinem Klarnamen schreiben, um seine Privatsphäre zu schützen.  


Fühlen

Verniedlichende Psychotests: Niemand ist "depressiv wie I-Ah" oder "schizophren wie Christopher Robin"

"Aha", denke ich, "ich bin also wie der aufgedrehte Tiger." Zumindest behauptet das dieser Test, den ich gerade gemacht habe. Die Tiger-Figur "Tigger" aus Winnie the Pooh steht laut Test quasi für jemanden mit ADHS. Keine Überraschung, denn ich habe ADHS . Ich fühle mich trotzdem nicht gut damit. Denn was ich da sehe, ist das alte Klischee: der aufgedrehte Junge, der nicht stillsitzen kann. Es könnte ja so einfach sein. Ist es aber nicht.

Psychisch krank zu sein ist aus vielen Gründen schwer, ganz egal, ob es um Depressionen, Aufmerksamkeitsdefizite oder Schizophrenie geht.

Einer davon: Es ist nicht leicht, wirklich zu erklären, was mit einem passiert. Besonders, weil viele Menschen glauben, sie wüssten es. Erstens, weil sie ja auch schon mal traurig oder unkonzentriert waren. 

Und zweitens, weil viele von ihnen auch schon mal online irgendeinen Psychotest gemacht haben, der ihnen erklärt, dass sie zu "70 Prozent autistisch" seien.