Bild: Grenz / cc by-sa
"Unser aktuelles Projekt ist ein Roboter, der stundenlang lecken kann"

Der Sexroboter der Zukunft klingt im ersten Moment eher wie ein Zahnarztinstrument. Der "Nekropneum Fuckenbrust Neckhammer 40k" zischt, saugt und hämmert. Nichts an der Maschine erinnert an die animierten Sexpuppen, die man sonst aus Fernsehdokus kennt. Überall schauen Drähte heraus, der Roboter steht einsam im rot beleuchteten Eck eines Darkrooms.

Genau so soll es sein, sagt Johannes Grenzfurthner. Wichtiger als die Optik sind ihm die Funktionen. Der österreichische Künstler baut mit seiner Gruppe "monochrom" seit etwa 15 Jahren Sexroboter und Maschinen, die neue Lust versprechen. Nebenher bastelt das Kollektiv noch Roboter, die Cocktails mixen. 

Johannes Grenzfurthner mit der Schauspielerin und Sängerin Chase Masterson auf dem Cocktail-Roboter-Festival Roboexotica.

(Bild: Grenz / cc by-sa)

An diesem Wochenende zeigte Grenzfurthner mehrere seiner Maschinen im NRW-Forum Düsseldorf. Beim "Meta Marathon"-Festival ging es 42 Stunden lang auf Symposien, in Ausstellungen und Kunst-Installationen um die Zukunft. Hauptattraktion für viele waren jedoch die beiden Sexroboter aus Österreich. Wer wollte, durfte sie ausprobieren.

Wie werden wir in Zukunft mit Robotern leben? Und wie kommt man eigentlich auf die Idee, auch mit ihnen ins Bett zu gehen? Wie sieht guter Sex mit Maschinen aus?

Solche Fragen stellt sich Grenzfurthner regelmäßig, seine Vorträge und Kunstwerke sind weltweit bekannt, vor allem aber in den USA. Das US-Magazin "BoingBoing" bezeichnete ihn einmal als "Leitnerd" der Nerdkultur. Wir haben ihn am Rande des Festivals in Düsseldorf angerufen und mit ihm über Leckvorrichtungen, konservative US-Christen und das Patriarchat gesprochen.

Wer ist Johannes Grenzfurthner?

Johannes Grenzfurthner, 43, wurde bekannt als Gründer und Mitglied des Künstlerkollektivs "monochrom" aus Wien. Die Gruppe veranstaltet das Festival "Arse Elektronika", das bis 2015 jährlich in San Francisco stattfand. Die Themen, um die es dabei geht, sind dieselben, die auch Grenzfurthner oft beschäftigten: Technologie, Sexualität – und alles dazwischen. Das Interview mit ihm fand anlässlich des Festivals "Meta Marathon" im NRW-Forum Düsseldorf statt, bei dem der Künstler einen Darkroom mit Sexrobotern eingerichtet hatte.

Herr Grenzfurthner, wie wird man eigentlich zum Sexroboter-Experten?

Ich beschäftige mich als Teil des Künstlerkollektivs monochom seit mehr als zehn Jahren mit Sexrobotern. Wir organisieren eine Veranstaltungsreihe zum Thema Technologie und Sexualität namens Arse Elektronika und dabei tauchte das Thema immer wieder auf. Persönlich arbeite ich mich aber schon viel länger daran ab.

Als ich 1988 das erste Mal einen Computer mit Modem nutzen durfte, suchte ich sofort nach Pornobildern. Damals war ich 13. Ich glaube, das passiert immer. Schon die Höhlenmenschen malten rituelle Vulven und Penisse an ihre Wände.

„Sex und Werkzeuge sind einfach die Grundlagen unserer Spezies.“
Johannes Grenzfurthner

Was haben Maschinen, was Menschen nicht haben?

Bei allen Robotern gibt es immer zwei Ebenen: Das, was echte Maschinen machen können und das, was wir uns gerne vorstellen. In unserer Fantasie sehen Roboter immer wie C3PO aus. Dabei ist jeder Geldautomat eigentlich ein Roboter. Wir haben ständig damit zu tun.

99 Prozent unserer Vorstellungen drehen sich aber um humanoide Roboter, also um Menschen, die wie wir Menschen sein sollen. Dabei ist das ja Quatsch. Wenn bei Peugeot in Frankreich so ein Roboter neue Autos zusammenbaut, muss er nicht lächeln können.

Bild eines Roboter-Konzertes des Künstlers Keiichiro Shibuya in Düsseldorf.

(Bild: NRW-Forum)

Und Sexroboter?

Im Fernsehen werden immer Real Dolls gezeigt wenn es um Sexroboter geht, also Gummipuppen. Das sieht toll aus, funktioniert meist aber nicht so gut. 

„Unsere Sexmaschinen sind das genaue Gegenteil. Sie sehen nicht aus wie Menschen, aber sie können eine bestimmte Sache einfach verdammt gut.“
Johannes Grenzfurthner

Unser aktuelles Projekt ist ein Roboter, der stundenlang lecken kann. Menschen wären danach völlig verzweifelt, weil sie nicht speziell dafür gemacht sind. Die Maschine braucht höchstens mal neue Batterien.

Sind Sexroboter am Ende einfach ein Versuch, mit Tausenden Stunden Bastelarbeit das Vorspiel abzuschaffen?

Ich bin da nicht so pessimistisch. Wir nutzen eben gerne Werkzeuge. Das ist bei Tinder nicht anders. Jeder, der die App nutzt, versucht, sich etwas bestimmtes zu ersparen. Ich habe meine Freundin bei Tinder kennengelernt. Denn auch wenn ich unglaublich gerne rede, fällt mir das Ansprechen immer noch schwer.

Der Sexroboter "Nekropneum Fuckenbrust Neckhammer 40k", den Grenzfurthner zusammen mit Thomas Kranabetter und Christian Schüler gebaut hat, auf dem "Meta Marathon"-Festival.

(Bild: Grenz / cc by-sa)

Ihr jüngster Roboter hat riesige, dicke Brüste und einen großen, knallharten Dildo – nehmen Sie Ihr Publikum eigentlich ernst oder machen Sie sich darüber lustig?

Beides. Wir machen uns natürlich lustig über unsere Fantasien. Die Puppe ist ein Frankenstein aus Sextoys. Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass sie eine Vagina als Hals eingebaut hat. Alle Teile sind aus Online-Sexshops, der Vibrator war einer der billigsten, den ich finden konnte. Die Hydraulik ist unglaublich laut. (Grenzfurthner zischt wie eine Dampfmaschine) Aber wir haben auch neue Funktionen eingeführt. Hinter dem Vibrator ist eine Leckvorrichtung.

Also der erste Unisex-Sexroboter!

Das weiß ich nicht sicher. Es wird viel in den Kellern dieser Welt gebaut. Aber ja, könnte schon sein. Die meisten Sextoys sind klare Nachbildungen: Entweder von einzelnen Körperteilen wie dem Penis oder von debil lächelnden jungen Frauen, die man aufblasen kann. Nicht besonders originell, aber passt zum Patriarchat. Auch Sexmaschinen sind oft einfallslos.

Woher kommt das?

Die meisten sind teure Auftragsarbeiten für die Pornoindustrie oder das Werk von privaten Bastlern. Es gibt ein eigenes Genre für "Fickmaschinen". Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine unglaublich spannend Welt von Bastlern, die sich und ihren Partnern etwas besonders schenken wollen.

Die sind oft weird. Ich kenne ein christliches Paar aus den USA. Sie hatte Probleme in der Ehe und er baute ihr eine Maschine. Als sie sich trennten, wollte er die Maschine auf Ebay loswerden. Aber nur an andere christliche Paare. Unfassbar komisch! Ein anderer Mann, den ich durch meine Arbeit kennengelernt habe, hat zehn Jahre am perfekten Buttplug für sich gearbeitet. Zehn Jahre! Aber jetzt hat er ihn.

Der deutsche Pornostar Schnuggie91 (rechts) küsst einen Sexroboter auf den Mund. Das Modell ähnelt den "Real Doll"-Puppen.

(Bild: dpa)

Stört es Sie nicht, manchmal vielleicht einfach der Kunst-Freak für teure Digitalkonferenzen zu sein, damit die Medien am Ende wenigstens über Sexroboter berichten?

So sehe ich das nicht, und meine Kollegen sicher auch nicht. Es überrascht mich, wie aufgeregt oft noch berichtet wird. Aber das gehört halt dazu. Sexualität ist immer noch ein emotionales und höchst politisches Thema.

„Im Prinzip ging es in der ganzen Migrationsdebatte der letzten Jahre ja um Sex.“
Johannes Grenzfurthner

Wem gehört der weibliche Körper? Wer beschützt unsere Frauen? Diese rechte Rhetorik, die einerseits so verklemmt ist und sich andererseits manisch an Sexualität abarbeitet, ist für mich viel obszöner als unsere künstlerische Arbeit.

Bei Ihrer jüngsten Ausstellung wurde ganz aufgeregt über einen "Darkroom" berichtet (bento), in dem die Besucher zwei Ihrer Sexroboter ausprobieren durften. Wissen Sie eigentlich, wie viele das Angebot genutzt haben?

Einer. Ein junger Typ hat einem Roboter einen Blowjob gegeben. Das hat mich überrascht. Ansonsten sind meistens die Frauen offener, gehen sofort ran, fassen die Maschinen neugierig an.

„Die Männer halten sich zurück. Ich glaube, viele von denen haben die Urangst, ersetzt werden zu können.“
Johannes Grenzfurthner

Die denken nicht an lustvollen Sex, sondern ihren eigenen Arbeitsplatz in der Fabrik. Roboter sind für sie keine Utopie mehr, sondern eine Bedrohung. Darum geht es ständig: Wer leistet mehr? Dabei sind die Maschinen ja nicht Schuld am außer Kontrolle geratenen Kapitalismus. Das ist immer noch der Mensch.


Fühlen

Warum ich nur noch 31 Klamotten habe – und wie das geht
Und warum mir Shoppen trotzdem noch Spaß macht.

Meine Freundin und ich misten ihren Schrank aus. Da ist ja das Preisschild noch dran, denke ich. "Die Hose hatte ich nicht ein einziges Mal an", sagt sie. Warum kauft sie denn so viele Klamotten?, denke ich, verkneife mir aber die Frage. Ich kenne schließlich die Antworten:

Nur mal zum Anprobieren bei Zalando bestellt und vergessen zurückzuschicken. War im Sale. Hatte die eine bei Instagram auch. Hab so was ähnliches in der Vogue gesehen. Sieht aus wie das eine Kleid von Michael Kors, das mir zu teuer war. Ich wollte nach dem Shoppen nicht mit leeren Händen nach Hause gehen. Dachte, dafür gibt es sicher mal einen Anlass. Dachte, es steht mir. Dachte, ich nehme noch ab. Sieht doch ganz okay aus und kostet nur 30 €.

Jahrelang habe ich auch so gelebt. In meinem alten Kinderzimmer steht bis heute ein Kleiderschrank voller Kaufsünden und Sachen, die eine Freundin mir angedreht hat.