Einige Wünsche überraschen selbst mich

Wer hat nicht schon davon geträumt, aus seinem Alltag auszubrechen? Mal jemand ganz anders sein. Etwas ganz anderes tun. Wenn es bei diesen Fantasien um Erotik geht, komme oft ich ins Spiel. Als passive – und aktive – Rollenspielerin in der kommerziellen Sadomaso-Szene.

Als Sexarbeiterin haben mich Kunden schon im Escort-Service gebucht, aber auch in anderen Bereichen der Branche, bei Gangbang-Partys zum Beispiel. Einige der interessantesten Begegnungen mit der menschlichen Psyche hatte ich allerdings an einem Ort, an dem traditioneller Geschlechtsverkehr eine eher untergeordnete Rolle spielt: einem BDSM-Studio.

Über unsere neue Kolumnistin Eva

Bücherwurm, Sonnenanbeterin, Kind der 90er. Lebt und liebt in polyamoren Beziehungen. Neben ihrem Hauptberuf arbeitet sie in Teilzeit als selbstständige Sexarbeiterin. Wie sie sich dabei fühlt und was sie so erlebt, ist das Thema ihrer Sexkolumne.

Ja, dem Geschäftsmann, der sich am Abend gern auspeitschen lässt, bin ich dort schon begegnet. Daneben bietet BDSM aber eine noch viel größere und breitere Spielwiese. Dort gehören Ausscheidungen nicht unbedingt in die Toilette, da erfordert eine Reitgerte kein Pferd und Handschellen keine Polizisten.

Ich treibe mich privat seit vielen Jahren in sehr bunten Kreisen herum, in denen "pervers" nicht als Schimpfwort gilt. Trotzdem überraschen selbst mich die Anfragen meiner Gäste manchmal.

Da war zum Beispiel der junge Mann: Er war allein damit zufrieden, zwei Stunden lang meinen Fußschemel zu spielen. Während ich – ihn sehr bewusst ignorierend – mein mitgebrachtes Buch las.

Als er ging, war er bester Laune und bedankte sich. Ich hatte ihn - abgesehen von einem Begrüßungskuss - nur mit den Hacken meiner Füße berührt. Auch hatten wir kaum ein Wort gewechselt, so war es in unserem langen Mailverkehr vereinbart.

Währenddessen wusste ich nicht recht, ob es mich eher langweilte oder amüsierte. Aber es war definitiv ein Erlebnis in Sachen Objektifizierung!

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Eine Stammkundin, um die 40, bringt in regelmäßigen Abständen eine ganze Kollektion selbstgenähter Ordenskleidung mit. Gemäß unserer Absprache befestige ich sie in ihrer schönsten Nonnen-Tracht rückwärts an unser Andreaskreuz und schlage ihr mit dem Rohrstock auf den Hintern.

Anschließend kuscheln wir üblicherweise lange, und wir diskutieren über diese spezielle und andere Fantasien. Zum Abschluss lecke ich sie sanft zum Orgasmus. Mich fasziniert der Kontrast zwischen Brutalität und Zärtlichkeit; deswegen freue ich mich immer, wenn sie einen Termin mit mir vereinbart.

Ein etwas älterer Herr genießt es, wenn ich ihn in ruhiger Atmosphäre und ohne konstruiertes Machtgefälle mit Nadeln piekse. Für mich persönlich eine Horror-Vorstellung, für ihn eine meditative Auszeit.

Ein Engländer, der mich ab und zu auf seinen Geschäftsreisen besucht, schätzt besonders meinen starken deutschen Akzent. Als böse Nazi-Aufseherin untersuche ich sowohl sein Hygieneverhalten als auch sein entartetes Sexualverhalten. Was andere wohl als No-Go bezeichnen würden, sehe ich als das was es ist: Ein Spiel für Erwachsene in dem erlaubt ist, was beide wollen.

Was all diese Menschen verbindet?

Eine Lust auf außergewöhnliche sexuelle Erlebnisse und Situationen. Meist können sie die aus diversen Gründen nicht privat ausleben: "Meine Frau würde das nicht verstehen." "Mein Freund findet das ekelig." "Ich finde einfach niemanden." Manche wollen diesen Bereich auch klar von ihrem restlichen Leben abgrenzen. Oder sie kommen zu mir, weil sie wissen: Ich verurteile sie nicht für ihre Phantasien.

Dabei ist mir – genau wie bei meinen Escort-Kunden – auch egal, ob jemand dick, haarig, alt und glatzköpfig ist, oder aus sonst einem Grund keine Chance hat, von Heidi heute ein Foto zu bekommen.

Welche Dinge für mich sehr wohl zählen und wie sich mein recht ungewöhnliches Bild von menschlicher Schönheit entwickelt hat, lest ihr in meiner nächsten Kolumne.

Beratung für Prostituierte

Du arbeitest als Prostituierte – und willst nicht mehr? Hier findest du Hilfe:

  • Ragazza unterstützt Frauen, die sich prostituieren und drogenabhängig sind.
  • Ban Ying setzt sich gegen Menschenhandel ein
  • Auch Hydra in Berlin hilft Prostituierten.

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Eva geht es gut als Prostituierte. Es geht auch anders


Gerechtigkeit

Schaut nicht weg: Das passiert jetzt in Syrien

Aya, 8, weint. Blutverschmiert fragt sie nach ihrem Papa. Sie sitzt auf der Liege eines Krankenhauses, wird versorgt – und hat Angst.

Aya aus Talbisa ist Opfer des Syrienkrieges. Sie wurde aus den Trümmern ihres Wohnhauses gerettet, Bomben hatten das Dach zum Einsturz gebracht (Al-Arabija).

Talbisa ist ein kleiner Ort zwischen den Städten Homs und Hama. Die Städte werden vom syrischen Regime kontrolliert, die Dörfer dazwischen gehören jedoch zum Gebiet der syrischen Rebellen. Beide Seiten kämpfen im Bürgerkrieg gegeneinander – Menschen wie Aya und ihre Familie leben zwischen den Fronten. Ihr Schicksal erinnert an den kleinen Omran Daqneesh, dessen Rettung Mitte August um die Welt gingen.