Es gab sogar Hausaufgaben.

Bisher dachte ich, ich hätte ein gutes Verhältnis zu meiner Muschi. Kinky Talk und Gespräche über One-Night-Stands machen mir Spaß, ich habe keine Probleme damit, anderen meine sexuellen Bedürfnisse mitzuteilen. 

Aber wenn es die Möglichkeit gibt, mein Sexleben noch besser zu machen, bin ich sofort dabei. Also habe ich mich für einen "Handarbeitsabend" für Frauen angemeldet. 

An einem Freitagabend betrete ich das "Tutgut – Zentrum für Bewegung und Heilkünste" in einem Berliner Hinterhof.  Hier findet der Kurs über weibliche Sexualität und Intim-Massagen statt. 

Auf dem Dielenboden sind grüne und lilafarbene Sitzkissen im Kreis verteilt. Ich setze mich auf den letzten freien Platz und schaue mich um. 

(Bild: Franziska Schmalbach / bento)

Die beiden Workshop-Leiterinnen Iva Samina und Britta Kunze – beide sind Mutter, Tantra-Masseurin und Sexological Bodyworkerin, also eine Art Sexualcoach – wollen, dass sich jede von uns kurz vorstellt und sagt, warum sie hier ist. 

Die Kursleiterinnen Iva und Britta(Bild: Franziska Schmalbach/ bento)

Zwei lesbische Pärchen erzählen, dass sie ihr Liebesleben verbessern möchten. Eine Frau hat mit Mitte 20 noch keine sexuellen Erfahrungen gemacht und möchte an ihrer Angst vor Berührungen arbeiten. Eine Tantra-Lehrerin, die sonst nur Männer massiert, will ihre Scheu vor dem weiblichen Körper verlieren und in Zukunft auch Frauen verwöhnen. 

Der Rest der Gruppe (dazu gehöre ich) möchte vor allem eins: (noch) besseren Sex haben

Der Schlüssel zu erfülltem Sex ist eine gute Verbindung zum eigenen Schoß.
Britta, Kursleiterin

Iva greift das auf und sagt: "Nur wenn ihr mit euch selbst und auch mit eurem Körper gut vertraut seid, könnt ihr selbstbewusst mit eurer Sexualität umgehen." Doch genau da liege das Problem: Unser Wissen stamme entweder aus dem Aufklärungsunterricht in der Schule – oder aus Pornos.

So richtig gute Quellen sind das nicht, das sehe ich ein. Und fühle mich ertappt, als Iva sagt, dass die Begriffe Vulva und Vagina häufig verwechselt werden. 

Ich muss gestehen: Auch mir war lange nicht klar, dass die Vulva der Teil des weiblichen Geschlechts ist, der äußerlich zu sehen ist – vom Venushügel über die Klitoris, die äußeren und inneren Geschlechtslippen bis zum hinteren Ende des Scheideneingangs. Und erst nach dem Scheideneingang die innenliegende Vagina beginnt.

Warum ist uns dieser Teil des Körpers mir eigentlich so unbekannt? 

Jetzt soll jede von uns eine Stelle unseres Körpers nennen, mit der wir unzufrieden sind und eine, die wir mögen. Iva nennt das "leuchten". So richtig leuchten will bei mir gerade nichts und das geht fast allen so: 

  • Die Brüste zu klein, zu groß oder asymmetrisch. 
  • Der Po ist zu flach.
  • Der Bauch ist zu dick.
  • Die Vulva ist zu dunkel. 

Niemand von uns ist wirklich zufrieden mit sich. "Danke Werbung, danke Gesellschaft," denke ich. 

Mehr Selbstliebe ist der Schlüssel zu einer bewussten Lust.
Iva, Kursleiterin

Iva erklärt, welche Übungen uns helfen können, diese Komplexe abzulegen: der eigenen Vulva und anderen Körperteilen Komplimente machen, den Körper neu entdecken, sich Gutes tun. 

Sie selbst stand eine Weile lang jeden Morgen vor dem Spiegel und machte ihrem Busen eine Liebeserklärung.

Ich stelle mir vor, wie ich vor dem Zubettgehen meine Vulva inspiziere und lobe. Und muss grinsen, weil ich schon die Vorstellung seltsam finde.

(Bild: Franziska Schmalbach/ bento)

Nun suchen wir Worte für das weibliche Genital: Vagina, Scheide, Muschi, Mumu, Fotze, Pussy. Etwas ausgefallener: Blume, kleines Universum, Spalte. Und: Yoni. Ein altindisches Wort, das den weiblichen Schoß beschreibt und ihn als energetisches Zentrum der weiblichen Lust verehrt. 

Die Tantra-Lehrerinnen Iva und Britta finden das Wort prima und uns  Teilnehmerinnen geht es genauso. Auch die anderen Bezeichnungen finden  alle ok. Nur "Fotze" und "Scheide" kommen nicht gut an. "Scheide finde ich am schlimmsten", sagt Britta, "Die Scheide für das Schwert des Mannes."

Ich lerne, dass man Schamlippen mit "schämen" verbindet und dass das Wort Masturbation aus dem Lateinischen kommt und  "sich mit der Hand schänden" bedeutet. Wir beschließen, stattdessen ab jetzt von "Lustlippen" und "Selbstliebe" zu sprechen. 

Jetzt beginnt die erste Übung: Iva legt sieben Silikon-Vulven in die Kreismitte. Ich bin von der Vielfalt beeindruckt, vor allem, weil ich an die Porno-propagierte Milchbrötchen-Muschiform gewöhnt bin. Da ist alles aalglatt, nichts hängt raus. 

Und nun liegen da Vulven in allen Farben und Formen vor uns. Innere Lustlippen, die größer sind als die äußeren oder asymmetrisch, eine ziemlich große und eine eher kleine Klitoris. Mit kindlichen Neugier betasten und untersuchen wir die Mumu-Dummys.

(Bild: Franziska Schmalbach/ bento)

Dann wird eine Kiste mit den weinroten Übungsmodellen herumgereicht. Beim Selbstlieberitual-Training sollen wir unsere Selbstbefriedigungstechniken verbessern. 

„Viele Menschen gehen in die Anspannung, wenn es in Richtung Orgasmus und Erregung geht. Besser ist es, bewusst Atmung, Stimme und Bewegung einzusetzen, damit die Energie frei fließen kann.“, erklärt Iva.

Die tiefen durchdringenden "Ohs" und "Ahs", mit denen sie das demonstriert, sind sehr eindrücklich, aber auch ziemlich peinlich. Eine so bildhafte Präsentation, wie eine fremde Frau beim Sex klingt, ist mir dann doch zu persönlich. Etwas verschämt spiele ich weiter nach Anleitung an den weinroten Silikon-Lustlippen vor mir.  

(Bild: Franziska Schmalbach/ bento)

"Es muss eben nicht immer nur Finger rein und Klitoris stimulieren sein", sagt Iva und führt uns vor, wie man auch loslegen kann: Um sich auf die Berührungen einzustimmen, kann man die Vulva zuerst streicheln oder leicht beklopfen. 

Wir drücken an Venuslippen herum und fahren mit mehr oder weniger sanftem Druck mit beiden Daumen oder Zeigefingern auf und ab, machen kleine Kreise um die Klitorisperle und massieren den Schaft. 

Am besten finde ich den "Skifahrer", bei dem die Finger die Unebenheiten von Schaft und Klitoris entlangfahren. Nicht zu hastig, versteht sich, es gilt immer noch, sich in Langsamkeit zu üben. 

Wir müssen weg davon, uns einfach Penetrieren zu lassen – und hin zum aktiven Empfangen.
Britta, Kursleiterin

Britta empfiehlt uns, nicht einfach nur das altbekannte Rein-Raus-Spiel zu praktizieren. Ich verstehe, was sie meint, glaube aber, dass die Zeiten vorbei sind, in denen eine Frau steif wie ein Brett da liegt und an England denkt. 

Die Beckenschaukel soll eine "Übung für mehr Präsenz und Sensitivität im Beckenraum" sein und uns dabei unterstützen, dass wir uns "im Liebesspiel bewusst nehmen können, was wir gerade brauchen", wie Iva sagt.

Ich liege also mit den anderen Teilnehmerinnen auf dem Dielenboden und verlagere mein Becken so bewusst wie möglich vor und zurück, nach links und rechts. 

Sich beim Sex zu bewegen ist natürlich nichts Neues, aber ich nehme mir vor, es beim nächsten Mal bewusster zu tun.

"So könnt ihr besser steuern, welche Punkte stimuliert werden," erklärt Iva, während sie selbst den Tanz mit dem Becken vorführt. Auf der zweiseitigen Anleitung, die jede Teilnehmerin mit nach Hause nehmen darf, ist all das nochmal ausführlich aufgelistet. 

Der dreistündige Kurs ist vorbei, die Gruppe erschöpft – aber auch viel entspannter als zu Beginn der Veranstaltung. Wir räumen gemeinsam die Kissen und Utensilien auf und unterhalten uns darüber, was wir nach dem heutigen Abend anders machen wollen. 

Bei mir sind das drei Dinge. Ich möchte:

  • anfangen, meine vermeintlichen Makel zu akzeptieren,
  • mehr Zeit im Bett verbringen (egal, ob allein oder zu zweit) und
  • ergebnisoffener sein. 

Tiefgründige Zwiegespräche mit meiner Yoni werde ich keine führen, ihr bestimmt auch nicht täglich Komplimente machen. Doch die Hausaufgabe, meinen Körper nach erogenen Zonen abzusuchen, werde ich auf jeden Fall erledigen. Es gibt da bestimmt noch einiges zu entdecken.


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