Bild: Vince Fleming / Unsplash

Er ist so einfach, dieser Witz. "Loch ist Loch" steht über dem Bild eines Bagels und eines Donuts. Es ist eine aktuelle Werbung des Discounters Lidl. Ich muss schmunzeln, denn es ist ein guter Spruch für zwei ähnlich geformte Backwaren. Doch leider hat er auch einen sexistischen Hintergrund – meist wird er von Männern in abfälligen Gesprächen über Frauen verwendet. Hauptsache Sex gehabt, alles andere interessiert nicht. Die Frau wird auf die Vagina reduziert, reines Sexobjekt. Klassiker.

Muss ich deshalb jetzt gegen die Donutwerbung sein, weil ich Frau und Feministin bin? Oder darf man auch mal über platte Witze lachen? 

Unter kritischen Artikeln zur Lidl-Werbung sammeln sich zunächst Kommentare von Männern. Tenor: Der Trubel ist völlig übertrieben. Kennt man auch aus Kommentarspalten zu #MeToo-Debatten. 

Doch es sind – ebenfalls wie bei #MeToo – auch einige Frauen dabei, die sich über die Aufregung aufregen. Sie distanzieren sich von den "Feministinnen" und schreiben Dinge wie "Ich bin auch eine Frau und finde das nicht schlimm". Sofort 40 Likes, vielen Männern gefällt das. 

Wie so oft frage ich mich: Sollten Frauen nicht zusammenhalten? Oder müssen wir den Kampf gegen Klischees und für Gleichberechtigung nicht gleich bei jedem blöden Witz ausfechten?

Einfach drüber lachen – oder lieber nicht?

Ich wollte wissen, wie das die Frauen sehen, die sich in den Kommentaren zu unserem Artikel über die Kritik an dem Werbespruch beschwert haben – also habe ich sie angeschrieben. Das sind ihre Antworten:

  • Svenja, 23, schreibt mir: "Ich bin ein Mensch der grundsätzlich fast alles lustig finden kann. Solche Anspielungen sind für mich vollkommen in Ordnung in der Werbung. Ich weiß nicht, wieso man sich von Werbung attackiert fühlen sollte. Damit ist schließlich niemand persönlich gemeint, sondern es dient einfach der Unterhaltung. Mal einen – wie viele finden – "sexistischen" Witz zu reißen, da ist doch nichts Verwerfliches dabei."
  • Gabie, 48, findet: "Es gibt weitaus wichtigere Themen, als eine plumpe Bagelwerbung als frauenfeindlich zu deklarieren. Es ist lediglich ein dummer, inhaltsloser Spruch – genauso könnte man Schwanz ist Schwanz sagen. Was sich wirklich ändern sollte, ist Gewalt an Frauen, ungleiche Bezahlung, oder dass Frauen von manchen Männern als Freiwild gesehen werden. Selbst, wenn ich nackt durch die Gegend rennen würde, hätte niemand das Recht, mich anzutatschen. Einen derben Witz zu reißen, ist hingegen einfach Humor, der nicht jedem passt. Humor ist eben immer individuell. Und nur nebenbei: Frauen, die sich über Sex oder Männer unterhalten, sind mindestens genauso direkt und derbe wie Männer."
  • Melly, 24, ist der Meinung, die Werbung sei weder lustig noch unlustig: "Ich finde es einfach schade, dass in allem etwas Negatives gesehen wird. Ich habe eine Werbung gesehen, die zwei leckere Bagels zeigt und darüber der Spruch mit dem Loch. Ich sehe nichts Verwerfliches darin. Ja, es ist ein blöder Spruch, der für andere Dinge benutzt wird. Das verstehe ich. Ich habe selbst schon sehr negative Erfahrungen mit frauenverachtenden Männern gemacht. Aber nur weil ein Spruch für einen bestimmten Zwecke verwendet wurde, heißt es nicht, dass das so bleiben muss. Man kann seine Bedeutung doch auch abändern – und ihn damit lustig machen."

Ich muss an etliche Unterhaltungen auf Partys denken, in denen jemand einen altbackenen Satz über Männer oder Frauen rausgehauen hat und wir darüber gelacht haben. Weil ich mich selber nicht mit stumpfen Strukturen identifiziere, mein Gegenüber meiner Annahme nach auch nicht und wir zusammen ruhig mal Mist reden können – finde ich. Ist das also dasselbe?

Nein, findet Stevie Schmiedel. Sie ist promovierte Genderforscherin und leitet den Hamburger Verein "Pinkstinks", der sich gegen Sexismus und Stereotype in der Werbung einsetzt. 

(Bild: Pinkstinks)

Ich habe sie gefragt, was sie von der Bagelwerbung hält. 

Stevie, der Satz "Loch ist Loch" reduziert normalerweise Frauen zum Sexobjekt – hier geht es aber um Backwaren. Ist es dann so schlimm?

Stevie Schmiedel: "Der Witz funktioniert ja nur, weil wir ihn auf die sexuelle Ebene übertragen und weil wir den Schenkelklopfer schon ewig kennen, ihn mögen und uns die Anspielung bildlich vorstellen. Der Spruch selber wäre nicht schlimm, wenn in dieser Welt Männer und Frauen gleichberechtigt wären. Aber sexistische Witze funktionieren immer, weil sie sich über jemanden stellen. Die meisten Frauen, die es gewohnt sind, über sexistische Witze zu lachen, sehen die Machtstrukturen dahinter nicht."

Schadet es also der Sache, wenn Frauen öffentlich zeigen, dass sie so etwas lustig finden?

"Wir erleben es oft, dass Marketingagenturen sagen: Die Kampagne wurde doch von Frauen entworfen, die fanden es auch witzig – dann kann es ja nicht sexistisch sein. Als es vor mehr als 100 Jahren um die Einführung des Frauenwahlrechts ging, waren viele Frauen dagegen, wählen zu gehen. Es musste ihnen erst erklärt werden, dass es ihnen zusteht. Viele Frauen stellen sich auf die Seite der Männer und sehen die eigene Diskriminierung nicht. Denn sich gegen die Strukturen aufzulehnen, bedeutet oft auch den Entzug von Liebe oder Anerkennung: Man gilt schnell als Spaßbremse oder als anstrengend."

Kannst du dann verstehen, dass viele Frauen mitlachen? 

"Komplett. Es ist immer anstrengend, sich gegen den Mainstream zu stellen. Viele haben auch ihre Karriere so bestritten, haben zusammen mit Männern über andere Frauen gelacht, dies aber selber gar nicht gemerkt. 

Und: Es gibt natürlich auch viele Menschen, die sich über die Zusammenhänge von Macht und Diskriminierung noch nicht so viele Gedanken gemacht haben. Wie auch? Das Thema wird beispielsweise an Schulen kaum vermittelt."

Dürfen Frauen über sexistische Sprüche lachen – Lidl aber nicht?

Aber kann man Humor nicht auch nutzen, um sich selbst zu ermächtigen? Schwarze Comedians können ja auch Witze über ihre Hautfarbe machen, warum sollten sich also Frauen nicht auch sexistischer Witze bedienen? 

"Klar. Ich kann Freundinnen 'Bitch' nennen, mit ihnen sexistische Witze machen oder auf den Schlampenmarsch gehen. Aber ich kann das nicht als Lidl machen, weil Lidl ein Unternehmen ist, das mit seiner Werbung Millionen von Menschen erreicht. Es aktiviert mit seinen Kampagnen bei den Menschen bestimmte Frames (automatische Assoziationen, die entstehen, wenn durch Sprache bestimmte Bilder im Gehirn abgerufen werden; Anm. d. Red.).

Wenn Lidl einen sexistischen Spruch macht, den man als solchen erkennt, dann ist das eine Abwertung von Frauen, weil Lidl als anonyme Marke für die Allgemeinheit spricht."

Was nehme ich also aus diesen Unterhaltungen mit? Nicht jeder blöde Witz ist ein Anlass, in Grundsatzdiskussionen zu verfallen. Aber es schadet auch nicht, ab und zu über die Strukturen nachzudenken, die überhaupt erst dazu führen, dass der Witz gemacht wurde. Ob ich am Ende über einen Loch-Witz lache, kann ich dann immer noch selbst entscheiden. 



Fühlen

YouTuberin Simone Giertz hat ihren Hirntumor in die Antarktis geschickt
Und teilt ein Bild davon auf Twitter.

Die YouTuberin Simone Giertz hat ihren Hirntumor ans Ende der Welt geschickt – in die Antarktis. Auf Twitter und Instagram teilte die junge Schwedin ein Bild davon. Giertz hatte ihrer Freundin Ariel Waldman, die in der Antarktis forscht, Teile ihres entfernten Hirntumorgewebes auf einem Objektträger mitgegeben.