Bild: Unsplash
Wir haben zwei Paare getrennt von einander befragt.

Metoo, Aufschrei, gläserne Decken oder Gehaltslücke: Diskussionen über Sexismus und Gleichberechtigung sind Alltag geworden, zumindest in den Medien. Vor allem junge Menschen lernen heutzutage früh, sich damit auseinanderzusetzen. 

Und das, obwohl sie das Problem vielleicht noch gar nicht wahrgenommen haben. In der Schule lernen Mädchen und Jungs gemeinsam, Männer und Frauen studieren, sie bewerben sich für die gleichen Stellen. Junge Menschen wachsen heute meist in dem Bewusstsein auf, dass Gleichberechtigung wichtig und Sexismus unerwünscht ist. Sie wissen, welche Fehler sie vermeiden wollen – auch in Beziehungen.

Trotzdem – oder gerade deswegen? – geraten junge Frauen und Männer deswegen immer wieder aneinander. 

Wir haben zwei Paare gefragt, warum sie beim Thema Sexismus und Gender häufig streiten. Alle wollten anonym bleiben.

Luisa, 31, und Simon, 34, wohnen seit zwei Jahren in Frankfurt in einer gemeinsamen Wohnung.

Luisa:

Ich bin mit der Überzeugung aufgewachsen, dass ich alles machen und erreichen kann, was Männer können. Über Gleichberechtigung habe ich lange gar nicht nachgedacht.

Relevant wurde das für mich erst, als ich angefangen habe zu arbeiten. Ich arbeite in einer Werbeagentur und trug schnell viel Verantwortung. Aber ich muss mir auch immer wieder dumme Sprüche anhören. Mein Chef wollte beispielsweise, dass ich ihn zu einem wichtigen Gespräch begleite. Zwei meiner Kollegen haben dann gewitzelt, er wolle ja nur was Junges, Blondes. 

Das hat mich so wütend gemacht. Zuhause rege ich mich darüber auf,  auch über meine Chefs. Viele von ihnen sind Männer und, leider, eine Katastrophe. Wirklich, das sind Luftpumpen. 

Ich kann eigentlich verstehen, dass Simon sich angegriffen fühlt, wenn ich dann so über Männer rede. Wenn er sowas über Frauen sagen würde, würde ich ausrasten. Vielleicht vergesse ich manchmal, dass er nicht meine beste Freundin ist, sondern ein Mann. Er sagt dann, ich übertreibe oder: "Du steigerst dich da rein."

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Mich erinnern solche Sätze an Leute wie meinen Kollegen. Der glaubt, Sexismus gebe es nicht. Eine Vorgesetzte nennt er aber "Hexe", nur weil sie etwas durchsetzungsstärker ist. Ich finde, sie ist sachlich und direkt. Wäre sie ein Mann, würde mein Kollege sie wahrscheinlich cool finden. Wenn ich am Telefon etwas bestimmter spreche, macht er auch dumme Witze.

Ich finde schon, dass viele Männer da ziemlich ignorant und unreflektiert sind. 

Simon würde sowas zwar nie zu einer Frau sagen. Aber, wenn er mich nicht ernst nimmt, werde ich natürlich super emotional. Obwohl ich weiß: Im Grunde ist er ja auf meiner Seite.

Simon:

Luisa wird bei dem Thema schnell emotional und polarisierend. Es eskaliert fast immer. Sie bringt meiner Meinung nach auch schon eine gewisse aggressive Grundhaltung mit.

Ihre Chefs sind fast alle männlich und sie hält nicht viel von ihnen. Wenn sie sich in Rage geredet hat und nicht so gut drauf ist, sagt sie Sachen wie: "Männer haben nichts drauf." Ich bin ja auch ein Mann und muss dann mal dagegenhalten. Dann will ich sie einfach nur ein bisschen ärgern und sage: "Du steigerst dich da rein."

Ich arbeite im Aktienhandel und meine Kollegen sind zu 95 Prozent Männer. In meinem Freundeskreis ist das auch kein Thema. Vielleicht kann ich deswegen nicht so gut nachempfinden, wie sie sich fühlt.

Aber ich glaube, wir können gar nicht anders über das Thema reden. 

Vielleicht weil wir zwei verschiedenen Gruppen angehören – wir kommen einfach nicht aus unserer Haut.
Simon

Wir sind auch einfach sehr unterschiedliche Typen. Sie erzählt gern viel, ich nicht. Mich würde die Arbeit nie so emotional mitnehmen wie sie. Wenn ich nachhause komme, will ich mich damit nicht mehr beschäftigen. Ich kann mir auch nichts Schlimmeres vorstellen, als 15 Minuten über ein Thema zu diskutieren, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Und es kehrt ja immer wieder. Was soll ich dazu noch sagen?

Wenn es wirklich so schlimm ist oder sie einschränkt, kann sie wechseln.

Ein – nicht ganz ernst gemeintes – Video zeigt, wie die Welt aussähe, wenn Männer wie Frauen behandelt würden:

Miriam, 31, und David, 34, sind seit sieben Jahren ein Paar und wohnen seit zwei Jahren zusammen.

(Bild: imago/ Westend61)
Miriam:

Sobald ein Gespräch auf  das Thema Frauen kommt, streiten wir. Ich habe lange hormonell verhütet und als ich damit durch war, begonnen, meinen Körper ganz anders wahrzunehmen. Das Gerede über PMS und Eisprünge ist David irgendwann auf die Nerven gegangen. Interesse daran hat er nie gezeigt. 

Ich finde, als Mann, der mit einer Frau zusammen ist – und vielleicht ja mal Töchter hat – kann man sich dafür mal interessieren. Dazu gehören ja auch andere Themen wie Verhütungsmethoden, Geburt und so. Schließlich lebt die Hälfte der Bevölkerung damit und es herrscht auf beiden Seiten noch so viel Unwissen. David verdreht dann schnell die Augen, er findet, ich dramatisiere.

Manchmal übertreibt er es aber auch und steckt mich in so eine Schublade.

Ich kann kaum ein Thema mehr ansprechen, in dem das Geschlecht auch nur genannt wird, ohne dass er genervt ist.
Miriam

Wir haben beispielsweise über Heiraten und Namensänderung gesprochen. Ich will meinen Namen behalten, er seinen auch. Er meint dann aber, ich mache das aus Prinzip, weil ich als Frau nicht nachgeben will, wie die meisten. Das ist Quatsch, das hat damit gar nichts zu tun. Ich dachte dann, sollen die Kinder meinetwegen seinen Namen tragen. 

Da habe ich gemerkt, dass ich in diese Rolle zurückfalle: Als würde ich ihm irgendwas schulden, weil normalerweise die Frau den Namen abgibt. Das hat ihn wieder aufgeregt, er fand das übertrieben. Am besten, man wirft eine Münze.

David:
Sie will emanzipiert sein, aber erwartet zum Beispiel, dass ich ihr einen Heiratsantrag mache.

Die meisten Frauen in meiner Umgebung sind selbstbewusst und unabhängig, genau wie Miriam. Aber manchmal bin ich auch verwirrt: Sie will emanzipiert sein, fällt dann aber in Klischees zurück und erwartet zum Beispiel, dass ich ihr einen Heiratsantrag mache. Ich fühle mich da selbst in eine Rolle gedrängt, auf die ich vielleicht keine Lust habe.

Ein großes Streitthema war der Name nach der Hochzeit. Sie will ihren Namen unbedingt behalten, was ich ja ok finde. Aber dann erzählt sie, dass die meisten Frauen ja immer noch die Namen ihrer Männer annehmen. Jedes Thema wird zum gesamtgesellschaftlichen Diskussion, da habe ich keinen Bock drauf. Wir können über alles reden, aber als zwei Menschen und nicht nur als Mann und Frau. Ich fühle mich dann, als müsste ich mich rechtfertigen oder die Fehler aller vorangegangenen Generationen von Männern wieder gut machen.

Gleichberechtigung ist für mich, dass es keinen Unterschied macht, welches Geschlecht jemand hat – oder Hautfarbe, oder was auch immer.

Aber Miriam überthematisiert dieses Frausein. Ich finde andere Themen viel wichtiger, Umweltschutz zum Beispiel. Wenn sie selbst Ungerechtigkeit erlebt, sexistische Kommentare, dann würde ich ihr sofort helfen. Ansonsten ist das für mich einfach uninteressant.


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