"Es ist unangenehm und widerlich."
Kathleen, 29, fragt:

Ich bin in meiner Firma in einer hohen Position und arbeite deswegen eng mit meinem Chef zusammen. Wir sind für das Personal verantwortlich, leiten Meetings und machen Geschäftsreisen. Wir gehen auch schon mal Abendessen.

Doch für ihn ist diese Beziehung eine andere als für mich: Er macht mich auf sexistische Weise an. Es ist unangenehm und widerlich.

Hilfe!

Jeder hat mal Angst und Stress. Jeder fühlt sich mal hilflos, machtlos, überfordert. Wenn Freunde, Eltern oder Geschwister nicht weiterhelfen können, wollen oder sollen – dann melde dich bei uns. Die Psychologin Kathrin Hoffmann beantwortet in der Serie Über-Ich für bento ausgewählte Fragen, die wir anschließend veröffentlichen. Dabei ändern wir selbstverständlich alle Namen von Betroffenen.

Im Flugzeug sagt er beiläufig, er brauche dringend eine Massage und zwinkert mir dann zu. Er will, dass ich ihn massiere!!! 

Unter dem Tisch drückt er seinen Oberschenkel an meinen. Gestern fragte er mich, ob ich Sport treibe, ich hätte Beine wie eine Tänzerin. 

Ständig will er für einen Gefallen eine Gegenleistung, zum Beispiel: gemeinsam ausgehen. Im Hotel sagte er: Schade, dass wir nicht auf derselben Etage schlafen. Im Aufzug oder in einer Warteschlange berührt er mich an verschiedenen Stellen.

Es ist unangenehm und widerlich
Kathleen

Ich sage nichts, weil ich weiß, dass ich meine Position damit gefährde. Gleichzeitig würde ich meinen Chef gern fragen, ob er aufhören könnte, sich wie ein sexistisches Arschloch zu benehmen. #MeToo! 

Er ist 30 Jahre älter, steht kurz vor der Rente und hat drei Kinder. Sollte ich das Gespräch suchen? Oder diesen Mann einfach aushalten, weil er eh in einigen Jahren geht – und ich dann aufrücke

Die Psychologin Kathrin Hoffmann antwortet:

Liebe Kathleen,

du steckst in einer wirklich unangenehmen Lage – es gibt wohl keinen Zweifel, dass dein Chef grenzüberschreitend ist und sich dir gegenüber anzüglich äußert und verhält. Und klar ist auch, dass dich das ärgert und es absolut angemessen wäre, ihn zur Rede zur stellen oder dich gänzlich von ihm fernzuhalten.

Mehr Notfälle? Hier:
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Letzteres ist das durch die enge Zusammenarbeit in deiner Position aber nicht möglich. Und auch das Zur-Rede-Stellen birgt natürlich das Risiko, dass dein Chef gekränkt reagiert und dir, deine weitere Karriere betreffend, nicht mehr wohlgesonnen ist. Und genau aus dieser Angst heraus, hältst du diese unangenehme Situation aus. Aber die Frage ist: Wie lange noch? 

Du musst dir zunächst mal klar darüber werden, wie sehr dich die ständigen Grenzüberschreitungen belasten:

  • Wie reagierst du, wenn dein Chef dir wieder zu nahe gekommen ist? Welches Gefühl entsteht? 
  • Wie lange dauert es, bis du dich wieder entspannt fühlst und die Situation verdaut hast? 
  • Merkst du schon länger anhaltende Beschwerden (zum Beispiel Verspannungen, Magenbeschwerden, innere Unruhe, Schlafstörungen)? Das wäre ein deutliches Zeichen dafür, dass der innere Konflikt zu einem hohen Stresspegel beiträgt und dich langfristig krank macht. Deshalb ist es wichtig, dass du dich dieser Situation stellst und einen Weg findest, mit diesem Konflikt umzugehen. 

Mach dir klar, dass du jederzeit die Freiheit hast,  dir eine neue Stelle zu suchen, wenn dich die Situation zu sehr belastet. Nur du selbst kannst entscheiden, wie wichtig genau  dieser Job für dich ist und ob es sich lohnt, dich mit deinem Chef weiter auseinanderzusetzen.

Was kannst du möglicherweise aus dieser schwierigen Situation lernen? Welche Einstellung wäre für dich hilfreich? Was würdest du einer Freundin raten, die sich in einer solchen Situation befindet? Wie wirst du in zehn Jahren über die Situation denken? 

Was kannst du aus dieser schwierigen Situation lernen?
Kathrin Hoffmann

Wenn du dich grundsätzlich für deinen Job entscheidest, bleibt dir nichts anderes übrig, als eine andere Haltung zu deinem Chef zu entwickeln und ihm mit noch mehr innerer Distanz und Selbstbewusstsein zu begegnen.

Das kann zum Beispiel bedeuten, Kommentare von ihm einfach zu ignorieren. Aber auch öfter mal selbstbewusst, jedoch nicht angreifend, zu kontern, wenn es dir zu weit geht. Auf den Wunsch nach einer Massage könntest du sagen: "Damit kann ich nicht dienen, das zählt nicht zu meinen Qualifikationen."

Bei einem zweideutigen Kommentar kannst du auch mal provokativ nachfragen, wie er das genau meint bzw. was er damit sagen möchte. Ich könnte mir vorstellen, je weniger er dich verunsichern kann und je mehr du ihn abprallen lässt, desto weniger Lust bereitet es ihm, und desto seltener wird sein anzügliches Verhalten.

Allein mit dem Chef im Büro: "Kommentare ignorieren"(Bild: Unsplash)

Bei körperlichen Grenzüberschreitungen solltest du definitiv sofort reagieren und eine ganz klare Grenze setzen. Dein Chef befindet sich in einer Machtposition und er nutzt sie ganz offensichtlich aus. Keiner kann sagen, wie weit er gehen würde, aber du kannst für dich entscheiden, wie weit du ihn gehen lässt.

Versuche, immer bei dir zu bleiben, dein Gefühl und deine Körperreaktionen ernst zu nehmen und nicht deine innere Haltung zu verlieren. Du bist wertvoll und du darfst dich schützen!

Alles Gute für dich!

Deine Kathrin


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