Hier erzählen sie, warum sie das machen – und wie sie damit klarkommen.

Heute wird zwischen uns nichts laufen – das ist uns allen klar. Es ist Sonntagabend, wir essen Curry und wollen einfach reden. Und obwohl es von Anfang an um Sex geht, liegt nicht diese besondere Stimmung in der Luft: Leah kommt in Jeans und Sneakers, sie hat ihr Nasenpiercing nicht eingesetzt. Philipp guckt oft auf sein Handy, das vor ihm auf dem Tisch liegt – er sieht mich nicht auf diese spezielle Art an. Heute trinken Leah und ich Yogitee statt Wein, wir legen die Füße hoch und denken nicht darüber nach, was die andere wohl drunter trägt.

Die Beziehungsweisen

In dieser Reihe reden wir mit Paaren, deren Beziehungen nicht "klassisch" sind: über Eifersucht und Sexpartys, über Geld und Liebe, über Konflikte und Geheimnisse.

Die Freundschaft zwischen Philipp, Leah und mir ist übers Internet entstanden und hat mit einem Blind Date begonnen. Denn wie Ben und ich treffen die beiden andere Paare zum Sex: zu Hause, auf Partys, in fremden Wohnungen. Heute will ich von ihnen wissen, warum sie das machen, was sie dabei fühlen und welche Abende sie am liebsten vergessen würden.

Wie hat das alles bei euch angefangen?

Leah: Wir haben von Anfang an sehr offen darüber geredet, dass wir nicht an dauerhafte Monogamie glauben. Auch wenn wir es mit anderen Partnern vorher nicht ausgelebt haben, hatten wir beide schon immer diese Vorstellung.

Philipp: Wir haben uns in einer Zeit kennengelernt, in der wir beide sexuell sehr aktiv waren und unseren Spaß hatten. Deshalb war das Thema Sex ziemlich präsent und wir haben schnell beschlossen, nach weiteren Möglichkeiten zu suchen.

War euch sofort klar, worauf ihr Lust hättet und wo ihr das findet?

Leah: Wir haben zuerst nach Clubs gesucht, die man ganz anonym besuchen kann. Dort wollten wir erstmal anderen Menschen beim Sex zuzusehen. Aber viele Berichte über Swingerclubs klangen furchtbar. Dann haben wir ein Portal gefunden, in dem man unkompliziert Leute mit ähnlichen Vorstellungen kennenlernen kann. Wir wollten erstmal online Kontakt aufnehmen, ohne direkt in einer krassen Situation zu landen. Und das hat gut geklappt.

Leah will direkt von den schönen Erfahrungen erzählen, die sie beide gesammelt haben. Sie erinnert sich mit einem Strahlen in den Augen an ihre ersten Dates. Aber mich interessiert auch, was schief gegangen ist auf ihrer Suche nach einem aufregenderem Liebesleben.

Am Anfang habt ihr ja aber nicht nur tolle Erfahrungen gemacht. Ich erinnere mich an die Erzählung mit dem Sex-Kino…

Leah: Oh ja, das war ganz schrecklich. Ein anderes Paar hatte uns das empfohlen, aber vermutlich wollten die uns verarschen. Wir sind in einem klassischen Sex-Kino gelandet, in dem sich die Gäste vergnügen können, während ein Porno läuft. Auf dem Flur gab es eine Kabine mit vielen Löchern in der Tür, durch die man sich befummeln lassen kann. 

Wir fanden es grauenhaft.
Leah

Philipp: Wir hatten zwei Freigetränke und wollten die an der Bar trinken – dort saßen wir in ganz normalen Klamotten. Irgendwann haben wir festgestellt, dass überall Männer hockten, die uns angeguckt und sich dabei selbst befriedigt haben, während auf einer Leinwand ein 60er-Jahre-Porno lief. Wir sind dann einfach nur raus. Es hat lange gedauert, bis wir das verarbeitet hatten. Das war einer der größten Abturner meines Lebens.

Das klingt wirklich furchtbar. Und dann?

Leah: Wir haben ein Paar kennengelernt, das eine exklusive Party in einem alten Loft veranstaltet hat. Alle Gäste wurden persönlich ausgewählt, eine sehr ästhetische Veranstaltung. Wir wollten dort einfach nur die Atmosphäre genießen und nichts mit anderen Leuten haben, aber dann kam es doch anders.

Bevor ihr das erzählt: Wie war denn der erste Moment auf der Party für euch? Was hattet ihr an und wie habt ihr euch dabei gefühlt?

Philipp: Leah trug Dessous, mein Outfit bestand aus Anzughose, Fliege und Hosenträgern – ansonsten war der Oberkörper nackt. Die ersten Minuten waren schon total strange. 

Man steht dort halbnackt mit seinem Sektglas in der Hand…
Philipp

Leah: Klar, man wird direkt mit nacktem Fleisch und vielen Körpern konfrontiert. Aber ich habe mich in meinem Outfit sehr wohl gefühlt und deshalb schnell entspannt. 

Die Situation war skurril, sie fühlte sich auch ein bisschen wie eine Geburtstagsfeier an, auf der man niemanden kennt. Als sich die ersten Gäste auf die obere Etage zurückzogen, war mein erster Gedanke: Ich bin zu nüchtern für das hier.

Wir haben kurz überlegt, einfach zu gehen.
Leah

Es fühlte sich an, als wären wir in einem Porno gelandet.

Was hat euch dazu gebracht, doch zu bleiben?

Leah: Wir haben noch etwas getrunken und uns darauf eingelassen. Ein Paar hat gefragt, ob wir mit ihnen auf eines der Betten gehen wollen. Dort hatten wir nebeneinander Sex mit dem eigenen Partner und haben nur zwischendurch die anderen angeschaut. Wir waren total vorsichtig und wussten gar nicht, was sich in so einer Situation gehört. 

Mittlerweile ist es oft so, dass wir es vorher absprechen – ganz unromantisch. Bei privaten Treffen läuft selten etwas beim ersten Mal und so kann man vorher klären, was sich das andere Paar wünscht.  

Wir wussten ja gar nicht, was sich in so einer Situation gehört und was die anderen erwarten.
Leah

Philipp: Wir waren völlig in den Sex vertieft. Als ich irgendwann aufgeblickt habe, habe ich festgestellt, dass um uns herum überall Leute waren, die uns angeguckt haben. Das war sehr ungewohnt, aber auch sehr anregend und ein neues, bislang unbekanntes Gefühl.

Für einen kurzen Moment sind wir alle still. Leah grinst Philipp an, weil sie sich gemeinsam an diese Situation erinnern. Ich denke an mein erstes Mal auf einer Party zurück – und daran, wie gut sich das anfühlte. Wie neu und wie aufregend.

Hattet ihr denn an diesem Abend auch noch Sex mit anderen Partygästen?

Philipp: Ja, später dann. Es waren drei Paare involviert und wir haben sozusagen reihum Partner getauscht. Ich habe aus dem Augenwinkel Leah mit einem anderen Mann gesehen, das war für mich erstmal komisch – aber ich habe dann einfach weitergemacht.

Ich wollte Philipp in diesem Moment gar nicht viel zusehen
Leah

Leah: Damals hatte ich noch Angst, eifersüchtig zu werden. Ich fand diese neue Welt total toll und habe befürchtet, uns beiden die Erfahrung kaputt zu machen, falls mir der Anblick doch zu viel wird. 

Und wie war es rückblickend mit der Eifersucht? Auch wenn ihr euch nicht dabei zugesehen habt, wusstet ihr ja, was ein Bett weiter lief…

Philipp: Als wir später im Taxi saßen, haben wir überhaupt nicht miteinander geredet, das hat erstmal jeder für sich verarbeitet. Am nächsten Tag haben wir dann aber sehr detailliert über alles gesprochen. Es hat uns total erregt, es war dieses typische Nachglühen. Inzwischen haben wir viel über uns selber gelernt und insbesondere über Eifersucht: 

Wir sind in sexueller Hinsicht ziemlich eifersuchtslos geworden.
Philipp

Wir gönnen uns gegenseitig mehr persönliche Freiheiten und diese Leidenschaft mit dem Neuen und Unbekannten.

Auf so einer Party ist der Übergang vom Gespräch zum Sex ja relativ einfach: Man ist sowieso schon halbnackt, überall stehen Betten herum. Bei privaten Treffen finden Ben und ich das immer viel schwieriger – ihr auch, oder?  

Philipp: Das ist immer die größte Herausforderung. Sogar mit euch beiden, obwohl wir uns schon so lange kennen – oft bekommt man es einfach nicht hin. Alle meinen, man wäre so erwachsen und erfahren beim Thema Sex, aber dann entsteht diese peinliche Situation. Wie steigt man ein? "Hände hoch: Wer will jetzt noch?“ ist ja nicht die elegante Art.

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Lass uns Freunde werden!

Leah: Das ist wie früher bei einem klassischen Date. Man sendet Signale und es liegt eine Spannung in der Luft, aber die Frage ist: Wer küsst zuerst? Bei vier Personen ist es noch schwerer: Wenn ich mit dem Typen flirte, heißt das ja nicht, dass seine Freundin auch will. 

Ich finde es aber auch nicht schlimm, wenn nichts läuft und man am Ende einfach eine schöne Zeit hatte. Manchmal wäre es auch total krampfhaft, wenn man einen lustigen Abend unbedingt in Richtung Sex drehen will.

Damit sich alle vorstellen können, wie es abläuft, falls man den Schritt schafft: Ihr macht einen Unterschied zwischen sexuellen Handlungen und tatsächlichem Geschlechtsverkehr. Wo liegt eure Grenze?

Leah: Wir haben am Anfang festgelegt, dass es nicht zur Penetration kommen soll, alles andere war erlaubt. Jetzt haben wir ein paar Jahre Erfahrung gesammelt und sind offener geworden. Wir haben erkannt, dass wir es als Lustgewinn betrachten, auch mit dem anderen Partner zu schlafen. 

Und es war tatsächlich wieder etwas ganz anderes, wieder ein weiterer Schritt. Es war so aufregend wie der erste Kuss mit einem anderen Mann oder einer Frau ganz am Anfang.

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Philipp: Das alles ist ja immer ein Entwicklungsprozess. Wir sind dabei sehr vorsichtig und testen nach und nach, ob ein weiterer Schritt die Partnerschaft belastet, ob er einen von uns persönlich kränken oder verletzen würde.

Ich bin beeindruckt, wie stark das Bedürfnis der beiden ist, sich gemeinsam weiterzuentwickeln. Aber ob Philipp auch für eine Erfahrung mit einem anderen Mann bereit wäre – obwohl das in diesen Viererkonstellationen so selten vorkommt?

Wo wir über Entwicklungen sprechen: Leah hat ja auch gerne was mit der anderen Frau. Philipp, kämen für dich eigentlich auch Männer infrage?

Philipp: Bislang gab es keine Situation, in der es mich gereizt hätte oder es zur Diskussion stand. Ich würde aber zumindest gerne mal einen anderen Mann küssen. Es ist immer noch so, dass sich meistens auch die Frauen küssen oder berühren – aber die Männer nicht. 

Warum ist das so? Sind wir einfach so erzogen und geprägt, dass wir es bei Frauen schöner finden? In meinen Augen ist das eine unnötige Beschränkung. Deshalb würde ich es für mich selbst gerne mal testen – auch wenn ich nicht weiß, ob es mir gefällt.

Ich werde oft gefragt, ob es in dieser Situation kein Problem mit Vergleichen gibt. Ob es uns verunsichert, wenn das andere Paar nackt besonders gut aussieht oder ein anderer Mann vielleicht besonders gut im Bett ist. Wie sind eure Erfahrungen damit?

Philipp: Natürlich gibt es Leute, die einen durchtrainierteren Körper haben oder besser bestückt sind. Da vergleicht man sich ganz automatisch und wird auch mal unsicher. Aber das geht vorbei – vor allem, wenn man sich bewusst macht, was für eine besondere Beziehung man führt, die das alles ermöglicht. 

*Leah und Philipp heißen eigentlich anders.


Gerechtigkeit

Seehofer überlegt, die Grenzen dicht zu machen

Drei Tage nach seinem Interview mit der "Bild"-Zeitung ("Der Islam gehört nicht zu Deutschland") stellt Horst Seehofer in einem neuen Interview weitere Richtlinien für sein Innenministerium vor. Die "Welt am Sonntag" hatte den CSU-Politiker zum Umgang mit Flüchtlingen und zum Thema Integration befragt.

Seehofers Haltung: Wenn Europa die Grenzen nicht dicht macht, dann muss Deutschland es notfalls an den Innengrenzen tun.