Hannah war mein erstes Tinderdate. Sie war 19, also ein paar Jahre jünger als ich und ihr Bild gefiel mir sofort. Sie sah nachdenklich, ja fast traurig aus und war dabei unglaublich schön. Während meiner dreijährigen Beziehung mit Anna hatte ich die App, die jede Menge unkomplizierten Sex verspricht, nicht ausprobiert. 

Aber mittlerweile war ich etwa drei Monate von Anna getrennt, hatte nach einigen schlimmen Wochen viel auf Partys geknutscht und ein trashpornomäßiges Sexdate gehabt. 

Wer ist Finn?

Finn heißt eigentlich anders, möchte hier jedoch anonym bleiben. Er ist Anfang 20, kommt aus Süddeutschland, fühlt sich aber in der Welt zuhause. Er schreibt gerne über Liebe und Sex und im Moment vor allem über seine Erlebnisse als Single nach einer langen Beziehung – das Thema seiner bento-Kolumne.

In Hannahs Profilbeschreibung konnte ich sehen, dass wir etwa die gleichen Interessen hatten. Schreiben, Reisen, Comedy. Also fragte ich sie nach einem Date

Wir trafen uns in einer verrauchten Kneipe und aus einem kurzen Mal-schauen-Date wurde ein langer Abend. 

Hannah war perfekt. 

Sie hatte das perfekte Gesicht: warme, große Augen, strahlend weiße Zähne, braune Haare und Lippen, bei denen Angelina Jolie blass vor Neid würde. Wir verbrachten Stunden damit, übers Schreiben zu diskutieren, oder uns als Moderationsduo in unsere eigene Late-Night-Show zu träumen. 

Als ich Hannah nach unserem zweiten Date zum Abschied küsste, war ich euphorisiert. Konnte es sein, dass ich mit meinem ersten Tinderdate gleich den absoluten Glücksgriff gelandet hatte? 

Hannah war in vielen Dingen genau das Gegenteil meiner Exfreundin. Nicht so egozentrisch, rachsüchtig und verletzend, aber auch weniger temperamentvoll und leidenschaftlich. Kein Alles-oder-nichts-Teufelsengel, sondern eher das brave Mädchen von nebenan. 

Wir lagen auf ihrem Bett, küssten uns und meine Hand wanderte langsam in ihre Hose.

Wir sahen uns inzwischen fast täglich, doch mit dem ersten Sex ließen wir es langsam angehen. 

Hannah war noch Jungfrau und wollte noch etwas warten. 

Ich konnte das gut verstehen, denn ich weiß noch, wie gestresst ich bei meinem ersten Mal war. 

Den perfekten Moment kann man nicht planen, eines Abends aber wusste ich, dass es heute so weit sein würde. Wir hatten den ganzen Tag zusammenverbracht, waren im Kino, hatten Cocktails getrunken und viel gelacht. 

Wir lagen auf ihrem Bett, küssten uns und meine Hand wanderte langsam in ihre Hose. 

Ich mag das erste, langsame und tiefe Eindringen beim Sex. Gerade nach einem langen Vorspiel.

Ich spürte ihre Aufregung und ihren schnellen Atem an meinem Hals. Ich legte meine Hand in ihren Nacken, küsste sie erst auf den Mund und wanderte mit meinem Mund langsam über ihre Brüste und ihren Bauch hinab und begann sie zu lecken. Hannah stöhnte leise und als sie richtig feucht war, fragte ich, ob sie bereit sei. Hannah nahm zwar die Pille, auf ein Kondom wollten wir trotzdem nicht verzichten. Sicher ist sicher. 

Ich mag das erste, langsame und tiefe Eindringen beim Sex. Gerade nach einem langen Vorspiel. Fast wie ein vorläufiger Höhepunkt

Wir sind bei "unserem" ersten Mal zwar nicht gekommen, ich fühlte mich aber trotzdem wie auf dem Sex-Olymp. Nicht nur, weil ich gerade mit meiner Traumfrau geschlafen und sie dabei noch entjungfert, sondern auch, weil sich zum ersten Mal seit der Trennung Sex wieder wirklich gut und befreiend angefühlt hatte. 

Oft kam es mir aber so vor, als hätte jeder für sich Sex – nur eben zusammen.

Die Wochen danach waren sehr schön, wir waren oft unterwegs, vögelten uns durch Hotelbetten in Bordeaux und Hamburg. 

Oft kam es mir aber so vor, als hätte jeder für sich Sex – nur eben zusammen. Klar, es dauert immer etwas, bis man sich aneinander gewöhnt hat und den Sex richtig genießen kann. Doch bei Hannah hatte ich den Eindruck, dass sie Sex zwar mochte, es sie ansonsten aber nicht richtig berührte. 

Irgendwas hat gefehlt. 

Da war keine tiefe Verbindung, keine leidenschaftliche Zweisamkeit wie ich sie von Anna kannte. Vielleicht musste ich deshalb so oft an sie denken. Gäbe es eine Chance unsere Beziehung noch zu retten? Wollte ich das überhaupt? 

Ich kam mir undankbar vor. Da hatte ich die perfekte Frau gefunden und konnte mich trotzdem nicht auf sie einlassen. Wegen einer alten Beziehung, die mir vor allem sehr viel Schmerz eingebracht hatte. 

Ich habe das Hannah nie erzählt, aber ich glaube, sie hat es gespürt. Irgendwann auf dem Heimweg im Auto sagte sie auf einmal: "Es fühlt sich so an, als wären wir ein altes Ehepaar, das alles schon erlebt hat." Und genauso war es. 

Das Feuer war weg, bevor es so richtig gebrannt hatte. 

"Ich glaube, wir passen einfach besser als Freunde zusammen", sagte sie dann. 

Wir haben noch am gleichen Abend Schluss gemacht. Es war, als hätten wir die gesamte Beziehung wie einen Film im Schnelldurchlauf abgespult und wären jetzt am Abspann angelangt. Ich war nicht einmal besonders traurig oder aufgewühlt. Ich fühlte mich eher wie am Ende eines besonders schönen Urlaubs. 

Für eine neue Beziehung war ich anscheinend noch nicht bereit. Aber immerhin war jetzt der Weg frei, für großartigen und unverbindlichen Single-Sex. Dachte ich zumindest. 

Noch mehr Sexkolumnen:
1/12

Gerechtigkeit

Umwelt, Start-ups, Anti-Trump: So will China unsere Welt verändern
Was die Rede von Staatschef Xi Jinping bedeutet.

Der US-Präsident weiß, welches Land in Zukunft wichtig wird: