Wir haben jemanden gefragt, der es wissen muss.

Wenn sich Menschen näher kommen und miteinander schlafen, wird es für Heinz-Jürgen Voß interessant. Denn ist Voß Sexualwissenschaftler und arbeitet an der Hochschule Merseburg. Dort werden Studiengänge wie "Angewandte Sexualwissenschaft" oder "Sexologie" angeboten.   

Auf der Suche nach der Frage: "Wie wird der Mensch besser im Bett?", haben wir mit ihm über One-Night-Stands, Sex in Beziehung und sexuelle Erfahrungswerte gesprochen.

Herr Voß, wie wird der Mensch besser im Bett?

Sexualität ist ein Prozess. Das bedeutet, dass man natürlich ein Stück weit erst mal Wissen benötigt und üben muss. Menschen müssen also durchaus Erfahrungen sammeln.

Dabei testen Menschen oft ihre Grenzen aus – ist es einfach eine Typ-Frage, ob mir das leichter mit vertrauten Personen oder mit Fremden fällt?

Sich zu entwickeln bedeutet stets, dass wir Grenzen austesten. So ecken Kleinkinder immer wieder an und werden darauf hingewiesen, was anderen Kindern wehtut oder was einfach in der Gesellschaft nicht legitim ist.

So ist es auch in der Sexualität. Auch hier testen wir aus, was wir und was andere mögen. Dabei übertreten wir zuweilen – ungewollt – Grenzen und benötigen ein gutes Umfeld, das uns auf diese Grenzverletzungen hinweist. Seine Grenzen erkennen und aussprechen zu können, wenn wir etwas nicht mögen, baut auf einer guten sexuellen Bildung auf.

Wie uns die Gesellschaft prägt, spielt dabei aber auch eine Rolle.
Heinz-Jürgen Voß

Wie wir dahin kommen, ist unterschiedlich – manche lassen sich lieber in der Anonymität fallen – Stichwort One-Night-Stand –, andere in der Vertrautheit.

Wie uns die Gesellschaft prägt, spielt dabei aber auch eine Rolle: Schwule Männer wurden durch die gesellschaftliche Kriminalisierung darauf getrimmt, raschen und anonymen Sex zu suchen - und das geht selbstverständlich auch in Vorlieben und sexuelle Fantasien mit ein.

Wobei kann ich denn die besten Erfahrungen sammeln? Bei One-Night-Stands oder in Beziehung?

Beides ist möglich: Ein Sexleben in einer Beziehung, in der man sich ausprobiert und durch Vertrautheit sexuell fallen lässt, kann genauso erfüllend sein, wie ein aktives Ausleben durch One-Night-Stands.

Man kann nicht sagen, was besser ist. Es geht zu allererst darum, dass Sexualität und Intimität gelebt werden.

Aber in One-Night-Stands ist die Erfahrung einmalig. Entwicklung der eigenen Sexualität ist dabei doch ziemlich schwer.

Mit One-Night-Stands kann sich auch eine Vertrautheit ausbilden. Diese Unruhe, diese Aufregung, die man vor allem vor dem ersten Mal hat, kann weniger werden. Man kennt sich irgendwann mit solchen Situationen aus. Die Leute können sich in diesen Situationen mehr und mehr fallen lassen. Ähnlich wie in einer längerfristigen Beziehung.

Das ist auch ein Ausdruck der sexuellen Sozialisation. Der Mensch erlangt durch Erfahrungen eine Kompetenz im sexuellen Umgang. Er weiß ob er langsam oder schnell vorgehen kann, wann eine Situation lustvoll ist und wann nicht.

Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß

(Bild: Thomas Tiltmann)

Bedeutet mehr Sex mit unterschiedlichen Menschen, mehr verschiedene Techniken zu kennen?

Das ist nicht unbedingt der Fall. Mit einer unbekannten Person Sex zu haben, bedeutet gewiss etwas Neues. Aber, um neue Techniken und neue Erfüllung gewinnen zu können, muss man sich stets auch auf den anderen Menschen einlassen können.

Einfach die Quantität des Sexes zu erhöhen, verändert nicht die Qualität.
Heinz-Jürgen Voß

Das ist in unserer aktuellen, sehr sexistisch geprägten Gesellschaft nicht unbedingt der Fall. Da zählt für zahlreiche der sich als heterosexuell einordnenden Männer, dass sie sich eine Frau 'klarmachen' wollen. Daraus ergibt sich aber für keine der beteiligten Personen ein bedeutender Erfahrungszuwachs.

Mehr Techniken ergeben sich erst dadurch, dass man sich auf sich und seine eigenen Bedürfnisse einlässt und ebenso auf die der anderen Person(en). Einfach die Quantität des Sexes zu erhöhen, verändert nicht die Qualität.

Was tun, wenn jemand das Gefühl hat, sein „sexuelles Vokabular“ nicht mehr zu erweitern – egal, ob in einer Beziehung oder in One-Night-Stands?

Stets etwas Neues zu suchen, kann darauf hindeuten, dass man im falschen Bereich sucht. Möglicherweise entspringt die eigene Unzufriedenheit gar nicht dem sexuellen Bereich. Vielleicht stimmt etwas nicht im Job oder in anderen Bereichen des eigenen Lebens.

Eine klare Antwort für alle gibt es hier aber nicht.
Heinz-Jürgen Voß

Aber auch sexuell kann man sich durchaus vielfältig auf die Suche nach neuen Ufern machen: Wie wäre es, auch auf Partnerinnen und Partner des eigenen Geschlechts zuzugehen? Gibt es vielleicht Orte oder Menschen, mit denen ich sexuelle Fantasien ausleben kann, die ich in meinem eigenen Umfeld nicht ansprechen kann? Oder finde ich sexuelle Erfüllung einfach bei einem Menschen, der mir schon lange nah ist und dem ich nah sein kann? Eine klare Antwort für alle gibt es hier aber nicht. Dafür sind Menschen zu unterschiedlich.

"Sensibilität ist hier besonders wichtig."

(Bild: Toa Heftiba/Unsplash )

Was bedeutet es für eine Beziehung, wenn einer sehr viel mehr Erfahrung hat als der andere?

Dabei kommt es wieder auf viele Faktoren an: Das gleiche oder andere Geschlecht, den Altersunterschied etc.

Sensibilität ist hier besonders wichtig. Die unerfahrenere Person darf sich nicht dauernd genötigt fühlen, die eigenen Grenzen zu überschreiten. Das sexuelle Tun sollte immer gleichberechtigt ausgehandelt werden. Das bedeutet, sich Zeit zu lassen und nichts zu erzwingen, was der Partner nicht möchte.

Gibt es "zu wenig" Sex? Und wenn ja, woran merkt man das?

Wenn der eigene Sex stets nur nach einem anstrengenden Arbeitstag in einer eng begrenzten Zeit stattfinden kann und dann auch dort nur die eigene Leistung zählt - dann ist das aus meiner Sicht ein deutlicher Hinweis darauf, dass sexuell etwas verkehrt läuft.

Da könnte sich eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung lohnen.
Heinz-Jürgen Voß

Für Sex braucht man Zeit, Nähe oder Besonderheit. Aber der Alltag ist heute allgemein sehr getaktet. Das ist problematisch und versperrt sexuelle Zugänge – weil wir auf der einen Seite verlernen, im Moment zu leben, auf der anderen aber selten ausgiebig Zeit für Sexualität einplanen. Da könnte sich eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung lohnen – das wäre die sexuelle Revolution unserer Zeit.


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