Bild: Unsplash/ Maru Lombardo

Max* wird gleich zum ersten Mal Sex haben. Es ist Samstagmittag, ein B&B-Hotel in Stuttgart. Max kommt auf das Zimmer, dabei hat er zwei Pizzen. Anne wartet schon auf ihn. Sie ist 22 Jahre alt, hat blondes, mittellanges Haar. Max findet sie sympathisch, ihren Körper schön. Sie reden etwa eine halbe Stunde. Dann gehen sie nacheinander ins Bad, Zähne putzen.

Als Max wieder herauskommt, trägt er nur eine Unterhose. Nie zuvor hat eine Frau ihn so nackt gesehen. Sie setzen sich auf das Bett, Max legt sich auf den Bauch, Anne massiert ihn. Er kennt dieses Gefühl nicht. 

Hier erzählen wir seine Geschichte. Sie zeigt, was passierten kann, wenn religiöse Keuschheit und die Allgegenwärtigkeit von Sex in der Gesellschaft aufeinanderprallen. Sie zeigt, wie ein junger Mann daran fast zerbricht.

*Name geändert

Max zieht Anne die Kleidung aus. Als sie ihm in die Hose greift, bremst er sie, ihm geht das zu schnell. Die beiden schlafen miteinander, wie es richtige Paare tun, mit Küssen, Kuscheln und miteinander reden.

Der 30-jährige kennt Sex nur aus Filmen. Er ist überrascht, wie schnell er kommt. Zwei Stunden dauert das Treffen. Danach fühlt sich Max befreit: Es war ein schönes erstes Mal. 350 Euro hat er dafür bezahlt.

Er klingt glücklich, wenn er von seinem Treffen erzählt. Er redet das erste Mal über den gekauften Sex, über seine Pornosucht. Es fällt Max nicht leicht, seine Geschichte zu erzählen. Er überlegt sich seine Worte gut, zögert immer wieder, während er redet.

Max gehört der Pfingstgemeinde an, er ist konservativer Christ und in einem strenggläubigen Elternhaus aufgewachsen. In einer Gesellschaft, in der Sex omnipräsent ist, in der Pornos für jeden zugänglich sind, versucht die Pfingstgemeinde, ihre Mitglieder davon fernzuhalten: Sex vor der Ehe, Selbstbefriedigung gelten als Sünde. 

Pfingstbewegung

Die Pfingstgemeinden gehören zu der weltweiten christlichen Pfingstbewegung. Sie entstand Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA. Die meisten Pfingstkirchen und Gemeinden gehören zu den Freikirchen, das heißt, sie sind vom Staat unabhängig. In Deutschland hat die Bewegung insgesamt 300.000 Mitglieder). Im Zentrum des Glaubens steht der Heilige Geist und sein Wirken. Die Grundsätze der Pfingstkirchen sind streng: Praktizierte Homosexualität, außerehelicher Geschlechtsverkehr und Schwangerschaftsabbruch werden überwiegend abgelehnt (ZeitEvangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen).

(Bild: Unsplash/ Viliman Viliman)

Der Pastor an der Bibelschule drängt junge Paare, schnellstmöglich zu heiraten, erzählt Max. Niemand aus seiner christlichen Umgebung darf erfahren, dass er bei einer Prostituierten war – und seine nicht-religiösen Freunde aus der Uni sollen nicht wissen, dass er bis vor kurzem Jungfrau war.

Die Vorstellung, geliebt zu werden, ist mir fremd.

Aufgewachsen ist Max in einer mittelgroßen Stadt im Süden Deutschlands mit sechs Geschwistern, seine Eltern sind seit 36 Jahren verheiratet. In der christlichen Familie ist Sexualität ein Tabu-Thema. „Meine Eltern haben immer versucht, uns Kinder davor zu schützen“, erinnert er sich. Vor der "Bravo", vor Sexszenen im Fernsehen, auch davor, die eigenen Eltern nackt zu sehen.

Körperliche Nähe gab es selten: "Meine Mutter hielt mich als kleines Kind nie länger im Arm." Max‘ Vater zeigt seine Zuneigung durch Geld, bezahlt ihm den Führerschein und das Studium. Auch heute noch fühlt er sich unwohl, wenn ihn jemand lange umarmt. “Die Vorstellung, geliebt zu werden, ist mir fremd.“

In der Pubertät leidet er an schwerer Akne, zieht sich zurück. "Ich fühlte mich hässlich, abgelehnt." Die Akne verschwand, die Unzufriedenheit blieb: Er hat immer noch große Probleme, seinen Körper und sich selbst zu lieben.

Max flüchtet sich in die Welt der Hardcore-Pornos, ausgerechnet. Seit er 15 ist, ist er süchtig nach den Filmen und Selbstbefriedigung, erzählt er. Früher hat er sich jeden Tag zu Pornos befriedigt, an manchen Tagen schaute er bis zu fünf oder sechs Stunden. Auf seiner externen Festplatte liegen Hunderte Filme. Es ist ihm peinlich, darüber zu reden.

"Mein Fetisch sind Anal-Pornos im Doggy-Style", erzählt Max schließlich. Eine größere Distanz könne es beim Sex nicht geben – kein Augenkontakt, kein Zeichen, wie die Frau reagiert. Er weiß, dass die Filme Frauen zum Objekt machen. Auch deswegen hat er jedes Mal Schuldgefühle. Er will immer wieder aufhören. Im Gebet befreit er sich von der Last.

(Bild: Unsplash/ Priscilla Du Preez )

Max' Freunde, die nicht christlich sind, gehen am Wochenende weg, lernen Frauen kennen. Max bleibt zuhause: "Ich war nie der Typ, der sich auf den Partys wohlfühlt." Vor Gesprächen mit jungen, hübschen Frauen hat er Angst. Mit 19 hat er seine erste und bisher einzige Beziehung, die ein paar Monate hält. Der erste Kuss, Händchen halten, zu mehr kommt es nicht.

Für sein BWL-Studium zieht Max nach Augsburg. Mit 25 ist er zum ersten Mal richtig verliebt, in eine Online-Bekanntschaft. Nach ein paar Wochen ist alles vorbei, gesehen haben sie sich nie. 

Während viele seiner christlichen Freunde mit 20 heiraten, bleibt Max allein. Er leidet, aber spricht mit niemandem, auch nicht mit seinen Kommilitonen. Dabei ist er nicht allein: Absolute Beginner, so nennen sich Menschen, die älter als 20 sind und noch nie Sex hatten. Das trifft auf sechs Prozent aller 25-jährigen Männer zu und auf drei Prozent der gleichaltrigen Frauen, schreibt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Viele von ihnen sind einfach sehr schüchtern, bei anderen kommt das religiöse Umfeld dazu – wie bei Max.

"Mir ist mein Glauben sehr wichtig, er gibt mir Halt in meinem Leben", sagt er. Doch auch wenn er jeden Tag in der Bibel liest, verzichtet er nicht aus religiöser Überzeugung auf Sex vor der Ehe. "In der Bibel steht nirgends wörtlich, dass Sex vor der Ehe verboten ist."

Ich will dazugehören. Ich will endlich wissen, worum es dabei geht, mich als Mann fühlen.

Anders ist es mit gekauftem Sex: "Das war nichts, was ich mit meinem Glauben zu 100 Prozent vereinbaren konnte. Es war eine riesige Überwindung, die größte Angst, der ich je im Leben begegnet bin." Ob Gott ihm verzeiht? Max zögert.

Irgendwann beendet Max sein Studium, fängt an, zu arbeiten. Zeit vergeht. Ende vergangenen Jahres ist er für längere Zeit krankgeschrieben. Er denkt nach. Sein 31. Geburtstag steht an. "Ich hatte mich vielleicht schon aufgegeben. Ich wusste nicht, ob ich jemals eine Freundin finden würde", sagt er. "Ich will einfach nicht länger Jungfrau sein", beschließt er dann. "Ich will dazugehören. Ich will endlich wissen, worum es dabei geht, mich als Mann fühlen." Und er will von den Pornos wegkommen.


Er meldet sich in einem Forum für Sexarbeiter an, fragt, ob Prostituierte sich auf Jungfrauen einlassen. "Ein 08/15-Programm im Bordell wollte ich nicht", sagt Max. Ein schönes, junges, begehrtes Mädchen soll es sein. Eine, von der er glaubt, sie im echten Leben niemals haben zu können. Eine, die freiwillig als Escort arbeitet.

Schließlich schreibt ihn Anne an. Sie tauschen Nummern. Anne schreibt, dass er nett und süß aussieht. Eine Woche lang schicken sie sich täglich Nachrichten, Fotos und Sprachnachrichten. "Sie nahm mir meine Ängste und sagte, dass sie mir zeigen möchte, wie Sex geht." Max will keinen Sex kaufen, sondern die "Erstes-Mal-Erfahrung"

Für Max ist Anne fast eine Kurzzeit-Freundin, er sieht sie weniger als Escort, sondern als Mensch. Er sagt ihr, dass sie ihm Feedback geben soll und "nicht so tun, als wäre ich der geilste Liebhaber überhaupt" – so gewinnt Max langsam Vertrauen.

(Bild: Wesley Quinn)

Nach dem Treffen ist Max glücklich. "Mein Selbstbewusstsein war total gesteigert", erzählt er. "Ich habe noch nie in meinem Leben mehr Mut aufgebracht."

Den Sex hat er sich ganz anders vorgestellt – eben wie in den Pornos. In denen Männer ewig können und Frauen sofort laut stöhnen. Dieser Leistungsdruck ist auf einmal weg. Anne lobt ihn sogar: "Sie meinte, dass ich gut lecken kann." Für das Treffen hat Max studiert, wie das mit der weiblichen Anatomie und Lust ist, wie Sex funktioniert – und, wie man Frauen leckt.

Am Morgen nach dem Treffen besucht Max den Sonntagsgottesdienst. Er fühlt keine innere Last, kein schlechtes Gewissen. "Es hat sich nicht angefühlt, als hätte ich etwas Falsches gemacht." Ausgerechnet im Gottesdient merkt er: Frauen sind für ihn nicht mehr ein geheimnisumwobenes Etwas. 

Seinem Ziel, eine Freundin zu finden, ist er nähergekommen, glaubt Max. Die Blockade ist gelöst, die Furcht, eine Frau zu berühren, ist verschwunden. Auch seine Angst, beim Sex den Ansprüchen der Frau nicht genügen zu können, hat sich gelegt. "Klar bin ich noch Anfänger. Aber ich muss nicht perfekt sein."

Seit einem Monat hat er keine Pornos mehr geguckt oder sich selbst befriedigt. So lange hat er das seit 15 Jahren nicht mehr durchgehalten. Mittlerweile ist er 31 Jahre alt. Er kann sich nun vorstellen, Frauen anzusprechen. Nicht auf Dating-Apps, die sind ihm zu oberflächlich, und in der Disco fühlt er sich immer noch unwohl.

Stattdessen möchte Max einen Tanzkurs besuchen, erzählt er. Dort möchte er lernen, sich zu lieben, ein neues Körpergefühl zu bekommen und mit Frauen zu reden. "Ich werde nicht aufgeben, werde meinen Ängsten weiterhin begegnen. Ich will und werde eine Freundin suchen und finden."


Gerechtigkeit

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