Bild: Matt Quinn/Unsplash
Über Verhütung hat er sich nie viele Gedanken gemacht.

Donnerstagmorgen, 9 Uhr. Vorlesungen um diese Zeit würde Tim schwänzen, aber heute hat er einen wichtigen Termin. Er sitzt auf einem Hartplastikstuhl im Wartebereich des Zentrums für sexuelle Gesundheit in Bochum und will wissen, ob er HIV-positiv ist oder andere Geschlechtskrankheiten hat. "Das habe ich lange vor mir hergeschoben", sagt Tim.

Tim ist 26, heterosexuell und schläft gerne mit Frauen, die er nicht so gut kennt. Manchmal sind das One-Night-Stands, mit einigen trifft er sich öfter. Häufig parallel mit mehreren. Ein Kondom benutzt er nur, wenn seine Sexpartnerin darauf besteht. "Das machen die wenigsten", sagt er. 

Was sexuell übertragbare Infektionen (STI) angeht, ist er sich weder über seinen noch den Status der Frauen sicher.

Was sind STI?

STI (sexually transmitted infections) oder STD (sexually transmitted diseases) sind sexuell übertragbare Infektionen. Das sind Krankheiten, die auch oder hauptsächlich durch Geschlechtsverkehr übertragen werden. Dazu zählen zum Beispiel HIV, Hepatitis B, Syphilis, Gonorrhö und Chlamydien.

Tim redet offen über sein Sexleben. Er weiß, dass er "unvorsichtig" war, wie er selbst sagt. Deshalb möchte er nicht erkannt werden und Tim ist auch nicht sein richtiger Name. 

Dabei gibt es viele Tims in Deutschland, männliche wie weibliche. Mehr als jeder Vierte hatte schon einmal ungeschützten Sex mit einer Zufallsbekanntschaft, ergab eine vom Verband der Privaten Krankenversicherung in Auftrag gegebene Studie (PKV). Ein Risiko besteht aber auch dann noch, wenn man den Partner schon kennt.

„Oft lassen die Frauen beim zweiten oder dritten Mal Sex das Kondom weg, weil ich mich als vertrauenswürdig erwiesen habe.“
Tim

Gedanken über Infektionen macht sich Tim vor oder beim Sex nicht. Nur danach schleichen sich manchmal Sorgen ein. Einmal packt ihn die Angst, ohne besonderen Grund: Direkt nach dem Sex rennt er ins Bad und hält seinen Penis unter den Wasserhahn. "Ich habe irgendwo gelesen, dass das eine erste Maßnahme nach einem HIV-Risikokontakt ist", sagt Tim. Tatsächlich rät zum Beispiel die Aidshilfe dazu, etwa bei einem Kondom-Unfall. Ein sicherer Schutz ist das aber längst nicht. 

Jetzt sucht Tim Gewissheit. 

Die erste Schwierigkeit: Einen Arzt seines Vertrauens hat er wegen einiger Umzüge nicht. Beim Urologen war er ohnehin noch nie. "Das ist eher was für alte Säcke", findet der Student. Die meisten Gesundheitsämter bieten lediglich einen HIV-Test an. In seiner Nähe findet Tim dann das Zentrum für sexuelle Gesundheit, das kostenlos und anonym auch auf drei weitere Geschlechtskrankheiten testet. 

Den Termin macht Tim per Mail aus. Zwei Wochen muss er darauf warten. Heute fahren wir zusammen mit der U-Bahn zum Gesundheitszentrum. Die Frau am Empfang sieht Tim an, wie nervös er ist, und beruhigt ihn lächelnd. Einmal durch den Gang, hinten links ist das Sprechstundenzimmer. Die Tür ist zu. Also weiter durch den Gang in den offenen Wartebereich. Dort sitzt Tim nun und redet, vor allem wohl um sich selbst zu beruhigen.

„HIV kann eigentlich nicht sein.“
Tim

Dann müsste er sich ja bei einer Frau angesteckt haben, und die seien doch am seltensten betroffen. Mit den meisten habe er auch über HIV gesprochen. Und einige würden Blut spenden, da falle das doch auf. Was andere Krankheiten angeht, ist Tim sich nicht so sicher. 

Laut einer aktuellen Schätzung der Weltgesundheitsorganisation stecken sich weltweit pro Tag mehr als eine Million Menschen mit Trichomonaden, Chlamydien, Gonokokken oder Syphilis an (WHO). 

Auch in Deutschland ist zum Beispiel die Zahl der Syphilis-Infektionen von 2010 bis 2017 kontinuierlich gestiegen. 2018 sank die Zahl zwar erstmals leicht wieder, blieb aber auf einem hohen Niveau. Das Robert Koch-Institut hat 7332 Fälle gezählt, im Vorjahr waren es noch 7476 (RKI).

HIV breitet sich ebenfalls weiter aus. Zwar haben sich laut RKI in Deutschland 2018 "nur" 2400 Menschen damit infiziert, 100 weniger als im Vorjahr. Die Zahl der Infizierten ist aber auf 87.900 gestiegen (RKI). Auch wenn Männer, die Sex mit Männern haben, weiterhin die größte Gruppe ausmachen, stecken sich jedes Jahr weniger von ihnen an. Bei Heterosexuellen dagegen steigt die Zahl, während die Angst weiter sinkt – und damit die Bereitschaft, zum Kondom zu greifen.

Urinprobe und Rachenabstrich im Röhrchen werden auf eine Infektion mit Chlamydien und Tripper untersucht.

(Bild: Johannes Hülstrung)

Tim wird jetzt ins Behandlungszimmer gerufen. Die Mitarbeiterin sei freundlich gewesen, erzählt er später. Sie hatte einige Fragen: Worauf möchten Sie sich testen lassen? "Einmal auf alles, bitte." Haben Sie Symptome? "Nein." Haben Sie schon mal einen Test gemacht? "Nein." Haben Sie Sex mit Frauen, Männern oder bei...? "Nur mit Frauen", sagt Tim schnell. Dann könne man einen Befall der Analregion also ausschließen. Wie sieht es mit aktivem Oralverkehr aus? In dem Fall werde zusätzlich zur Urinprobe noch ein Abstrich im Mund gemacht. "Na, dann machen wir das besser", sagt Tim.

Geduldig erläutert die Frau den Ablauf. Der Bluttest erkennt HIV und Syphilis. Um Chlamydien und Tripper zu diagnostizieren, gibt es die Urinprobe und den Rachenabstrich. Beides muss Tim selbst durchführen. "Wenn es im Labor schnell geht, kann ich Ihnen morgen schon schreiben: Alles bestens!", sagt die Frau. 

Schon am folgenden Nachmittag hat Tim die E-Mail auf seinem Handy. 

Nur leider steht dort gar nicht, dass alles in Ordnung ist. Er liest noch einmal. "Bitte rufen Sie mich an. Es ist nichts Schlimmes!" 

Am Telefon gibt es schnell Klarheit. "Bei Ihnen liegt eine Chlamydien-Infektion vor", sagt die Mitarbeiterin vom Gesundheitszentrum. "Ist das schlimm?", ist Tims erste Reaktion. Selten ist es jedenfalls nicht. Weltweit infizieren sich laut WHO 127,2 Millionen Menschen jährlich mit Chlamydien. Unbehandelt kann eine Chlamydien-Infektion Entzündungen auslösen, die mit der Zeit bei Frauen und bei Männern zu Unfruchtbarkeit führen können, teilt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit (BZgA). 

Behandelt wird mit einem Antibiotikum, eine Woche lang, morgens und abends beim Essen. Keine Milchprodukte, da das Calcium die Wirkung hemmt. Und keinen Sex, auch nicht mit Kondom. "Ein bisschen enthaltsam sein", nennt die Frau am Telefon das. Um das Antibiotikum zu bekommen, braucht Tim die Überweisung eines Arztes, mit dem das Zentrum für sexuelle Gesundheit kooperiert. "Der Überweisungszweck lautet A64", gibt sie ihm noch mit auf den Weg. Tim ist froh, dass er nicht "Ich habe Chlamydien" durchs Wartezimmer rufen muss. Er fühlt sich ein bisschen so geheimnisvoll wie James Bond, als er das Medikament abholt.

Bei WhatsApp schreibt Tim seinen Sexpartnerinnen der vergangenen sechs Monate, dass sie sich besser auch mal testen lassen sollten. Es sind sieben, keine von ihnen antwortet. 


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