Bild: Larissa Rehbock
Ein Freier erzählt, warum er mit künstlichen Frauen schläft – und was daran schwierig ist.

Als Patrick* das erste Mal Sex hat, ist er 28 Jahre alt. Die Frau, die vor ihm auf dem Bett liegt, heißt Miku. Miku besteht aus einem Kunststoff-Gummi-Mix. Miku ist eine Sexpuppe. Ihre Augen sehen nicht Patrick an, sondern starren an die Decke.

Patrick ist trotzdem angetörnt. Miku hat alles, was ihm gefällt: große Brüste, eine schlanke Taille, einen kurvigen Hintern und ein asiatisches Gesicht. Er küsst sie ein paar Mal auf den Mund, dann führt er seinen Penis in sie ein. So schildert er es im Gespräch.

Für sein erstes Mal ist er ins "Bordoll" in Dortmund gefahren, den einzigen Puppen-Puff in Deutschland. 

Vor etwa zwei Jahren hatte die Besitzerin Evelyn Schwarz die Idee dazu. Ursprünglich führte sie ein herkömmliches Bordell mit echten Frauen, doch das gestaltete sich immer schwieriger. "Anfang 2017 konnte ich keine Dienstleisterinnen mehr finden, wir waren nur zu zweit", sagt sie. Da habe sie sich an eine Reportage über Sexpuppen in Japan erinnert. Sie bestellte die ersten beiden Puppen – zwei Jahre später sitzen zwölf von ihnen auf den Sofas des "Bordoll" und warten auf Kunden. 

Patrick ist einer von ihnen. Das erste Mal kam er im Mai 2018 ins "Bordoll" und war seitdem vier weitere Male hier. 300 Kilometer fuhr er dann von Mannheim nach Dortmund, um Sex mit einer Puppe zu haben, 80 Euro pro Stunde hat er sich das kosten lassen. 

An seinen ersten Besuch erinnert sich der heute 29-Jährige noch genau. Als er klingelte, öffnete ihm eine der Hausdamen die Tür und führte ihn in den Aufenthaltsraum, erzählt er. In der Ecke brannte ein Kamin, vier Puppen saßen auf den Sofas, auf einem Fernseher lief ein Porno. "Die Atmosphäre war überraschend locker", sagt Patrick. "Die Hausdame vermittelte mir das Gefühl, dass die ganze Situation etwas völlig Normales ist."

Patrick sagt von sich selbst, er sei ein zurückhaltender und schüchterner Typ. Frauen anzusprechen, fällt ihm schwer. Er habe nie jemanden auf den üblichen Wegen kennengelernt. In ein normales Bordell zu gehen und mit einer Prostituierten zu schlafen, kann er sich nicht vorstellen. "Dafür fehlt mir der Mut und die Lockerheit." 

Auch die Fahrt ins Bordoll hat ihn Überwindung gekostet, sagt er. Doch ganz allein mit der Puppe in einem Zimmer zu sein, entspanne ihn. "Man kann alles in Ruhe ausprobieren. Eine Puppe hat keine Erwartungen an den Sex, das nimmt den Druck", sagt Patrick.

„Es gibt keine peinlichen und unangenehmen Situationen.“
Patrick

Er müsse auch keine Gegenleistung bringen oder sich unter Druck gesetzt fühlen, eine gute Performance zu bringen.

(Bild: Larissa Rehbock)

Er möge es, dass er die Puppen vor dem Sex schon mal anschauen und berühren dürfe. "Ich kann wählen, ob sie weiche oder feste Brüste haben soll. Persönlich mag ich gerne die weichen, das ist realistischer", sagt Patrick. Auch die Art der Vagina kann er auswählen. "Die fest verbauten fühlen sich deutlich besser an." Andere Puppen haben sogenannte Vagina-Inserts, die ausgetauscht und leichter gereinigt werden können.

Mit den Puppen dürfen die Kunden fast alles tun, was sie wollen. Verboten ist es allerdings, sie in Positionen zu bringen, die auch für einen echten Menschen unmöglich sind, da das Material einreißen und die Puppe kaputt gehen kann. "Trotz aller Sorgfalt sieht man den Puppen an, dass sie in Gebrauch sind. Deswegen tauschen wir sie nach etwa einem halben Jahr aus", sagt Evelyn Schwarz.

(Bild: Larissa Rehbock)

Patrick hatte sich schon vor seinem Besuch überlegt, welche Stellungen er mit Miku ausprobieren möchte. "Ich wollte sie so richtig rannehmen", erzählt er.

Wie kann es sein, dass Patrick sich nicht traut, eine Frau anzusprechen, aber uns so offen von seinen Sexerlebnissen erzählt? "Es ist schön, dass man sich mal mitteilen kann. Und dass jemand Interesse an meinem Leben zeigt", antwortet er. Ohne Partnerin habe er für intime Gespräche keine Vertrauensperson.

Neben Männern wie Patrick, die noch keinerlei sexuellen Erfahrung haben, sind es vor allem Ehemänner, die das "Bordoll" besuchen, sagt Besitzerin Evelyn Schwarz. "Diese Männer erzählen mir häufig, dass sie ihre Frau lieben, aber im Bett mehr Abwechslung wollen und Sexfantasien mit Puppen haben." Das Geschäft mit den Puppen laufe gut. Bis zu 15 Kunden am Tag begrüßen die Hausdamen im "Bordoll".

Patrick gefällt allerdings nicht alles am Sex mit Puppen. Auch wenn er noch keinen Geschlechtsverkehr mit einer Frau hatte, kann er sich den Unterschied vorstellen:

„Es fehlen die Zärtlichkeiten und alles, was vor und nach dem Akt passiert. Das ist ja auch schön und wichtig. Denke ich zumindest.“
Patrick

Sex mit Puppen sei für ihn deshalb eher eine Art von Masturbation. Und masturbieren könne er auch weitaus günstiger. Mittlerweile habe er eine eigene Puppe zu Hause in Mannheim. Sie ist einen Meter groß und wiegt zwölf Kilo. Die Größe war letztlich eine Preisfrage: Etwa 1000 Euro zahlte Patrick für die kleine Puppe – für eine Doll in Lebensgröße müsste er das Doppelte hinlegen.

Einen Namen hat Patrick ihr nicht gegeben: "Ich habe nicht oft Sex mit ihr, dafür ist sie einfach zu klein. Mir reicht es, sie zu berühren und zu drücken."

(Bild: Larissa Rehbock)

Seine Vorliebe für Puppen möchte er nicht als einen Fetisch beschreiben, dafür sehe er die Sache viel zu kritisch, sagt er. Er könne auch ohne Sex-Dolls zufrieden leben. Dass er Sex mit Puppen hat, weiß keiner, nicht einmal sein bester Freund. Zu groß sei seine Angst, ausgelacht zu werden. 

„Von einigen würde man bestimmt als Freak abgestempelt.“
Patrick

Tatsächlich ist das Geschäft mit den Puppen umstritten. 

Anfang 2019 forderten beispielsweise Frauenrechtsorganisationen in Schweden Gesetze gegen Sexpuppen und Sexroboter. Sie ermutigten Männer dazu, Frauen beim Geschlechtsverkehr wie Objekte zu behandeln und zu erniedrigen, so die Argumentation (Expressen).

Es gibt jedoch auch Befürworter. Eine Sondierungsumfrage unter Sexualtherapeuten, die von der Siegmund Freud Universität in Wien durchgeführt wurde, ergab, dass die meisten der Befragten den Sexpuppen einen therapeutischen Nutzen zutrauen (US National Library of Medicine). Andere Experten sehen in den Attrappen eine Chance für Menschen mit sexuellen Störungen, ihre Neigungen auszuleben, ohne jemanden zu verletzen (The Atlantic).

Für Patrick ist erst mal kein sechster Besuch im Bordoll geplant: 

„Es hat mich total gereizt, mit einer Puppe zu schlafen – trotzdem ist das kein echter Sex. Glücklicher bin ich durch die Besuche nicht geworden.“
Patrick

*Patrick heißt eigentlich anders, möchte hier aber anonym bleiben. Sein echter Name ist der Redaktion bekannt.


Fühlen

Warum es wichtig ist, die eigenen Eltern zu enttäuschen
Eine Enttäuschung ist nicht nur negativ. Im Interview erklärt Michael Bordt, warum.

Das falsche Outfit, der falsche Job, die falsche Partnerin? Wenn Kinder erwachsen werden, treffen sie mehr und mehr eigene Entscheidungen. Nicht immer sind es die, die ihre Eltern sich für sie gewünscht hätten.

Doch die Eltern manchmal zu enttäuschen, ist zwar unangenehm – aber auch wichtig, sagt Michael Bordt.