Mal ausprobieren!

Mit Apps können wir so ziemlich alles verbessern: unser Essverhalten, unseren Schlaf, unseren Sport. Und jetzt auch unseren Sex.

Es gibt Cyber-Toys, Apps und Pornos, die das Liebesleben revolutionieren wollen. Die "G-Balls"-Liebeskugeln sollen zum Beispiel per Handyverbindung und einer App meine Vagina stärken. "Pearl" und "Onyx" ist ein Spielzeug, das Cybersex über große Distanzen ermöglicht. Der Virtual-Reality-Sexfilm "Cock in the Shell" verspricht hingegen, Computer-Sex so lebensnah zu machen, als wäre an live dabei.

Ich will alles mal ausprobieren.

1. Die Liebeskugeln 

Es ist 8.45 Uhr, die digitalen Liebeskugeln rufen. Sie wecken mich mit einem Glockenspiel und schicken eine Nachricht hinterher: "Es ist Zeit für Dein Training", steht auf meinem Smartphone-Bildschirm. 

Ich greife mit noch halbgeschlossenen Augen neben mich und stöpsle das pinkfarbene Spielzeug vom USB-Stecker auf dem Nachttisch ab. Die Liebeskugeln sollen Sex durch Kegel-Übungen besser machen und die zugehörige App erinnert mich dreimal täglich daran, die Scheidenmuskeln zu trainieren.

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Ich lege mich also auf den Rücken, wie es die rothaarige Comic-Figur auf dem Smartphone vormacht, und schiebe das Spielzeug zwischen meine Beine. Übrig bleibt eine pinkfarbene Schnur zum Zurückholen, die als Antenne über Bluetooth mit meinem Handy kommuniziert. 

Je besser ich die Übung mache, desto höher fliegt ein gelbes Vögelchen auf meinem Display. "Magic Kegel" misst, wie stark meine Vagina ist – und merkt sich meine Fortschritte, so ähnlich wie ein Schrittzähler. Bei jeder Kontraktion vibriert das Toy, was sich sehr angenehm anfühlt. 

Das Training macht mit der App Spaß, werde ich ab sofort regelmäßig machen – und gucken, was passiert.

2. "Pearl" 

"Pearl" liegt schutzlos und weiß auf meinem Küchentisch, sieht aus wie eine ungeschälte Banane

Der Vibrator ist per USB-Kabel an meinen Laptop angeschlossen und blinkt in regelmäßigen Abständen rot auf. Während "Pearl" Strom aus meinem Computer zieht, schreibt mir Tinder-Jan: "Tut sich was bei dir?" 

Jan ist seit ein paar Wochen mein Liebhaber und will mitmachen. Er sitzt am anderen Ende der Stadt vor Skype und lädt das Gegenstück zu "Pearl" an seinem Laptop auf: "Onyx". Jetzt haben wir die digitalen Analogien zu Penis und einer Vagina. 

Tut sich was bei dir?
Jan zu Mira

Wenn ich also den Vibrator einführe, werden meine Berührungen an Onyx, die Taschen-Muschi, übertragen und umgekehrt, so, als hätten wir Sex – nur eben, dass ein paar Kilometer zwischen uns liegen. Bis es dazu kommt, müssen wir erst noch die Geräte zum Laufen bringen und Anleitungen lesen. Gar nicht so einfach, wenn man vor Aufregung kaum klar denken kann. 

Ich soll "Pearl" registrieren. Die Zahlen, die ich eintippen muss, wollen kein Ende nehmen. Erst danach kann ich die dazugehörige App aus dem Store laden und schalte Bluetooth ein. "Irgendwie verbindet das nicht bei mir", höre ich Jan über Skype fluchen. 

Ich fühle mich, als müsste ich einen Drucker einrichten.
Mira

Ich fühle mich, als müsste ich einen Drucker einrichten, verliere mich in Anleitungen und komme von der Hilfe-Seite des Herstellers zu Foren und Youtube-Tutorials. Die Lust weicht nach zwei Stunden leiser Verzweiflung, als die Meldung "Firmware Update Timeout fehlgeschlagen" auf dem Display des Handys erscheint. 

Jan kann zwar die Kontraktionen seiner Taschen-Vagina per iPhone steuern, doch mit "Pearl" scheint es sich nicht verbinden zu lassen. Trotzdem schmiert er etwas Gleitmittel in die Öffnung, verteilt den Rest auf seinem Penis, bis er hart wird, und stülpt sich die schwarze Dose mit dem weißen Silikonfutter über. 

Die zieht sich mechanisch zusammen und öffnet sich wieder. Was klingt, als würden hydraulische Roboter Kniebeugen machen.  "Es ist schrecklich!", ruft Jan. "Das fühlt sich an, als hätte ich 20 Kondome übereinander an und irgendwie tut es auch weh." 

"Pearl" brummt derweil etwas unmotiviert vor sich hin. Ich lasse ihn über die Klitoris gleiten, führe ihn dann ein – doch kann keine mit Jans Teil synchronen Bewegungen feststellen. Wir müssen wohl noch länger üben, bis sich das hier wie gleichmäßiger Sex anfühlt.

3. Der VR-Porno 

Jan schlägt vor, es mit einem Virtual-Reality-Porno zu versuchen. Wir einigen uns auf "Cock in the Shell". Ich sehe Jan über Skype, wie er sich eine weiße VR-Brille aufsetzt, "Onyx" noch immer auf seinem Penis.

Auch ich setze die Brille auf und hoffe, dass der Porno uns endlich dazu bringt, Spaß mit den Cybersex-Toys zu haben. Wie im Film "Ghost in the Shell", in dem es um menschliches Bewusstsein in einer Cyborg-Hülle geht, verbinden auch wir unsere Körper mit den Computern.

Eine Frau, aus deren Rücken schwarze Kabel kommen, beginnt, meinem virtuellen Ich die Hose aufzuknöpfen. Ich befinde mich in der Perspektive eines Mannes und die Frau beginnt, ihm einen zu blasen. Ich höre das laute Stöhnen der Darstellerin und ihre großen Pixelbrüste hoppeln vor meinen Augen auf und ab. 

Pixelbrüste hoppeln vor mir auf und ab
Mira

Mir wird schwindlig. Ich sehe mich im virtuellen Raum um. Da ist ein Bett und ein Fenster. Der Raum endet nach ein paar Metern im digitalen Nirvana. Die Handlung ist klassisch: Blowjob, Reiten, Anal. Die Darstellerin sagt, dass sie es mir besorgen wird. 

Irgendwie soll man auch die Bewegungen der Pornodarsteller mit den Toys synchronisieren können, doch dafür benötigt man vermutlich erst ein Informatik-Studium. Ich höre Jan über Skype im Hintergrund lachen und seine Onyx mechanisch arbeiten: "Das ist mir zu robotermäßig", sagt er. 

Auch ich bin weit davon entfernt, zu kommen, oder auch nur geil zu sein. Das hier ist viel zu technisch, viel zu gewollt, viel zu absurd mit all den Kabeln und hydraulischen Tönen, die die Bewegungen erzeugen. 

Wir nehmen die Brillen ab und geben auf. Frustriert und unbefriedigt schalten wir Skype aus und klappen die Laptops zu. 

Um zwei Uhr nachts steht Jan dann vor meiner Tür, live und echt. Halb verrückt vor aufgestauter Lust fallen wir zusammen ins Bett, ziehen uns die Kleider vom Leib und versinken in unseren menschlichen Körpern. 

Es fühlt sich unheimlich gut an. Er hält mich, ich spüre seinen Herzschlag und seinen Atem, rieche seine warme Haut. Sein Schweiß mischt sich mit meinem. 

Das ist Sex. Cybersex wird das niemals schaffen. 

Am nächsten Morgen wecken uns die Liebeskugeln mit sanftem Glockenspiel. Die einzigen Toys, die diese Woche wirklich was gebracht haben.  Der Sex mit Jan war besser als vorher. Mein Beckenboden ist stärker, dadurch spürte ich seinen Penis intensiver. 

Digitale Liebesspielzeuge, die menschliche Partner imitieren und Einsamkeit mindern sollen, bewirken bei mir leider das Gegenteil. Vielleicht machen Cybersex-Toys und Virtual-Reality-Sexfilme mehr Spaß, wenn die Technik weiter fortgeschritten ist. 

Bis dahin treffe ich mich lieber mit Jan. Wie ich ihn kennengelernt habe, schreibe ich übrigens im nächsten Teil meiner Kolumne.


Fühlen

Karolines Bekenner-Video: "Die Menschen denken, ich sei betrunken"

Karoline ist 20 und hat eine Friedreich-Ataxie. Diese genetische Krankheit ist vererbbar und führt dazu, dass die motorischen Fähigkeiten Stück für Stück abbauen. Nur 1500 Menschen sind in Deutschland davon betroffen. Die Friedreich-Ataxie zeigt sich üblicherweise sehr früh im Leben. Die Krankheit beginnt harmlos und wird oft jahrelang nicht erkannt. Fortlaufend entwickeln sich Störungen der Sensibilität, die anfangs unbewusst wahrgenommen werden. Die Erkrankung verschlimmert sich über die Jahre hinweg und führt in der Regel in den Rollstuhl und zum vorzeitigen Tod. Bis Karoline diagnostiziert wurde, musste sie erst sehr viele Ärzte aufsuchen.