Bild: Toa Heftiba/Unsplash
Eine Expertin und ein Experte zeigen, worauf es wirklich ankommt.

Wir tindern, wir matchen, wir daten, wir lieben. Durch das Internet ist Sex quasi immer nur einen Klick entfernt. Als Teil der Generation Y sind wir aufgeklärt, potenzielle Sexpartnerinnen und -partner gibt es überall. Wir können so viel über Sex reden wie wir möchten und alles tun, was wir wollen – wenn es beide wollen. Trotzdem sagt man jungen Menschen immer wieder nach, sie hätten deutlich weniger Sex als die Generation ihrer Eltern. Das geht zum Beispiel aus mehreren US-amerikanischen Studien hervor. (Archives of Sexual Behaviour, Vol. 46, 8Archives of Sexual Behaviour, Vol. 46, 2The Atlantic

Obwohl es solche umfangreichen Studien für junge Menschen in Deutschland nicht gibt, titeln Medien hier ähnlich. Die Bild schreibt zum Beispiel: "Millenials haben so wenig Sex wie seit fast 100 Jahren nicht". 

Die aktuelle und repräsentative Studie "Freizeit-Monitor 2019" legt nahe, dass es sich dabei um ein gesamtgesellschaftliches Phänomen handeln könnte. Alle Menschen in Deutschland hätten demnach weniger Sex als noch vor fünf Jahren. 52 Prozent der Deutschen hätten mindestens einmal pro Monat Sex – vor fünf Jahren seien es noch 56 Prozent gewesen, vor neun Jahren 57 Prozent. (Freizeit Monitor, FAZ). 

Und wieder wird der Untergang des Sex prophezeit.

"Deutsche verlernen das Genießen" (MDR), "Tote Hose in Deutschlands Betten" (Ärzte Zeitung). Ob es sich hierbei aber tatsächlich um einen Langzeittrend handelt und wir wirklich immer seltener miteinander schlafen, ist nicht klar erkennbar. Und auch nicht, was es aussagt, wenn sich der Unterschied auf wenige Prozentpunkte beläuft.

Aber wäre es überhaupt schlimm, wenn wir seltener miteinander schlafen? Und wäre es etwas Schlechtes, wenn wir weniger Sex hätten als die Generation unserer Eltern?

Aus dem Unterschied von vier Prozent innerhalb der Studie des "Freizeit-Monitor 2019" seit 2014 solle man jedenfalls keine zu großen Schlüsse ziehen, meint die Diplom-Psychologin Nele Sehrt. Außerdem spiele die Qualität von Sex eine viel größere Rolle als die Quantität. Ist vielleicht die Zufriedenheit größer geworden? Das sei doch die viel wichtigere Frage, findet Nele.

Nele Sehrt ist Diplom-Psychologin und Sexualtherapeuthin. Sie leitet eine Praxis in Hamburg.

(Bild: Claudius Pflug)

"Viele Paare denken, etwas ist nicht in Ordnung, wenn sie nicht ständig Sex haben. Wir laufen dieser märchenhaften Vorstellung hinterher, dass es den einen Partner gibt, bei dem alles immer richtig läuft. Den gibt es nicht."

Dass mehr Sex nicht automatisch zu mehr Zufriedenheit in der Partnerschaft beiträgt, haben Forscher der US-amerikanischen Universität Carnegie Mellon herausgefunden. 

Dafür wurde das Sexleben verheirateter Paare untersucht. Während die eine Hälfte der Paare genauso oft Sex hatte wie zuvor, schlief die andere Hälfte doppelt so oft miteinander. Bei einigen der Paare aus letzterer Kategorie nahm das sexuelle Verlangen sogar ab. Grund dafür könnte allerdings gewesen sein, dass die Paare verpflichtet gewesen seien, öfter miteinander zu schlafen als sie eigentlich wollten, mutmaßten die Forscherinnen und Forscher. (Carnegie Mellon UniversityScienceDirect)

Was junge Menschen heute von älteren Generationen unterscheidet, ist das Aufwachsen mit Internet und Social Media. Dort können wir uns ständig mit Anderen vergleichen. Auf Instagram sehen wir perfekte Körper, glückliche Singles und noch viel glücklichere Paare. 

Haben wir vielleicht weniger Sex, weil wir durch soziale Medien mehr auf unser Körperbild und den Vergleich zu anderen fixiert sind? 

"Ob da eine direkte Korrelation besteht, kann ich so nicht sagen, dazu fehlen aktuelle Studienergebnisse", meint Nele. "Aber wir befinden uns gerade sehr im Außen. Bei Instagram zum Beispiel sind wir häufig in einer Performance, in einer Leistung, und weniger im Fühlen." Sexualität solle aber gerade nicht mit Leistung und Performance assoziiert sein.

Gibt es überhaupt die richtige Menge an Sex? 

"Aktuell geht man davon aus, dass einmal pro Woche Sex ausreicht, um in einer Partnerschaft zufrieden zu sein", erklärt Nele. "Es gibt aber auch Menschen, denen Sex nicht so wichtig ist und deren Partnerschaften trotzdem super funktionieren."

„Eine Sollliste deprimiert nur. Man darf sich nicht vergleichen.“
Nele Sehrt

"Wenn man sich wohlfühlt und der Partner auch, dann ist es eigentlich ziemlich egal, was eine Studie dazu sagt", findet Nele. Genauso sei es bei der Selbstbefriedigung. "Bei der Sexualität gibt es einen emotionalen und einen genitalen Aspekt", erklärt die Sexualtherapeuthin. "Wer eher emotional ist, braucht das Gegenüber – egal ob beim Sex oder gedanklich bei der Selbstbefriedigung, beim genitalen Aspekt ist es eigentlich egal, wer dabei ist, weil es eben nur um die körperliche Befriedigung geht." Da sei jeder Mensch anders, meint Nele. Und One-Night-Stands würden nicht zu jedem passen. Auch für Singles gibt es also keinen Richtwert.

In Partnerschaften ist Sex aber auch ein Mittel, sich als Paar zu bestätigen, weil er in den Augen vieler zu einer glücklichen Beziehung dazugehört.

Auch das sei aber kein Muss, sagt Nele. Exklusiver Sex in einer Partnerschaft bedeute, mit einer Person etwas zu tun, was man mit anderen nicht macht. Es misst dem Partner oder der Partnerin eine besondere Position bei. Die müsse aber nicht in jeder Beziehung durch exklusive Sexualität begründet sein.

„Je sicherer man sich in einer Beziehung ist, desto weniger Sex muss man haben, um sich auf der Paarebene zu bestätigen.“
Nele Sehrt

Auch Autor und Paartherapeut Marc Rackelmann beobachtet in seiner Praxis, dass sich unser Verhältnis zu Sex ändert.

Marc Rackelmann ist Paartherapeut und Autor. In seinem Buch "Make Love. Das Männerbuch" beschäftigt er sich mit dem Thema der männlichen Sexualität und den Erwartungen, denen Männer insbesondere beim Sex ausgesetzt sind.

(Bild: privat)
„Wir müssen das Müssen loswerden. Es gibt eine große Bandbreite von Sex. Jeder Mensch sollte herausfinden, was das Richtige für ihn, sie oder als Paar ist.“
Marc Rackelmann

Als einen Faktor dafür, dass Menschen heute weniger miteinander schlafen, sieht Marc vor allem den erhöhten Freizeitstress. "Wir haben viel um die Ohren und werden auch immer anspruchsvoller, was unsere Freizeit angeht." Außerdem sei der Erwerbsdruck gestiegen. Dazu kämen immer mehr Ablenkungsangebote. Das Resultat aus all dem: "Es gibt kaum noch ungestaltete Zeit, in der wir nicht wissen, was wir tun sollen." Also auch wenige Freiräume für sexuelle Lust.

Verantwortlich dafür seien vor allem Streamingdienste und Social Media, mit denen wir uns jederzeit pausenlos beschäftigen könnten. 

„Streamingdienste sind nichts Verwerfliches. Aber sie bringen Paare nicht näher zusammen.“
Marc Rackelmann

"In einer Beziehung muss oftmals erst ein Raum geschaffen werden, in dem man sich zum Beispiel nach einem langen Arbeitstag wieder näherkommen kann", sagt der Therapeut. Viele gingen allerdings immer noch davon aus, dass das sexuelle Begehren immer so sein müsse wie in der Anfangsphase einer Beziehung oder bei einem One-Night-Stand. 

Marc begegnet aber auch immer mehr Menschen, die sich einer Art der Sexualität zuwenden, die er "Slow Sex" nennt. 

"Dabei wird versucht, den ganzen Druck aus der Sexualität zu nehmen. Es geht dann nicht mehr darum, auf einen Orgasmus 'hinzuarbeiten', sondern den Sex als solchen zu genießen, gemeinsam zu entspannen und sich von alten Vorstellungen, wie guter Sex auszusehen hat, zu verabschieden.“

Hat sich also vielleicht einfach die Art, wie wir Sex haben, verändert?

Die Bedeutung der Paarbeziehung ist in den vergangenen Jahren gestiegen, sagt Marc. Darauf lässt auch eine Studie der BZgA schließen, die herausgefunden hat, dass junge Studierende den meisten Sex in festen und monogamen Partnerschaften erleben und die Bedeutung von Treue und Dauerhaftigkeit in diesen Beziehungen zugenommen hat.

Und auch die Männer- und Frauenbilder haben sich geändert. 

„Wir sind anspruchsvoller geworden.“
Marc Rackelmann

Frauen würden ihre Wünsche heute klarer kommunizieren und ihre Sexualität besser kennen. "Dazu passt stereotyper Sex, wie man ihn von früher kennt, nicht mehr." Männer seien heute reflektierter und würden mehr Wert darauflegen, dass ihre Partnerin sich zu nichts genötigt fühle. Das Thema Konsens ist besonders nach der #MeToo-Debatte viel stärker ins allgemeine Bewusstsein getreten. Noch bis in die Neunziger war Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar. 

Nun bewegen wir uns auf ein Idealbild zu, in dem Sex allen beteiligten Spaß machen sollte, Männer keine omnipotenten Sexmaschinen und Frauen keine gefügigen Objekte sind.

Einfacher mache das die Situation aber nicht, gibt der Therapeut zu bedenken. Eine "neue" Sexualität brauche auch Zeit sich zu entwickeln. "Wir wollen nicht mehr die Standardsexualität von früher, aber wie sieht die Sexualität aus, die wir beide heute leben wollen?" Das sind Fragen, mit denen sich viele auseinandersetzen müssen.

Einerseits sei es gut, dass wir heute einen größeren Wert auf Qualität statt auf Quantität legen. Andererseits bestehe die Gefahr, dass es zu einer neuen Norm führe, sagt Marc: "Kann und muss Sex wirklich jedes Mal wahnsinnig besonders und befriedigend sein? Wer so große Erwartungen hat, setzt sich unter Druck und das macht einen entspannten Sex schwierig."


Gerechtigkeit

"Kultur" statt "Rasse" – wie Rassismus wieder salonfähig wurde und woran man ihn erkennt
Ein Gespräch über Vorurteile und ihre gesellschaftliche Akzeptanz.

Rassismus hat sich verändert: Wo früher – wissenschaftlich falsch – mit Anatomie und Genen argumentiert wurde, wird heute über Kultur- oder Religionszugehörigkeit gesprochen, um ganzen Bevölkerungsgruppen bestimmte Eigenschaften zuzusprechen. 

Die Ungleichheits-Forscherin Aylin Karabulut, 26, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Duisburg-Essen und forscht zum Thema Rassismus in der Schule. Wir haben mit ihr über den neuen Rassismus gesprochen – und was er für unsere Gesellschaft bedeutet.