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Für 10 Cent pro Nachricht chattet Leonie, 22, mit fremden Männern.

Sonntagvormittag im Café. Ich freue mich über den Platz mit dem Rücken zur Wand: So kann niemand im Vorbeigehen einen Blick auf meinen Laptop werfen, auf dem ich gerade ein Foto von einem steifen Penis öffne. Und es wieder schließe.

Stattdessen konzentriere ich mich auf die Nachricht daneben:

  • "Ich möchte dich fühlen und spüren mit meinem Schwanz und du darfst und solltest auf mir reiten, er wartet drauf mein schatz.."

Ohne zu überlegen fange ich an, eine Antwort zu tippen. Ein bisschen Vorspiel zieht immer und zögert den virtuellen Höhepunkt hinaus. Schließlich werde ich pro Nachricht bezahlt.

Ich bin 22 und seit vier Monaten arbeite ich neben dem Studium für eine Webseite, die bezahlte Chats mit Männern anbietet. 

An jeder Nachricht verdiene ich zehn Cent. Am Wochenende gibt es einen kleinen Bonus.

Alles fing mit einer dieser Facebook-Werbeanzeigen an.

"Arbeit von Zuhause, wann immer du willst". Normalerweise scrolle ich nur genervt weiter. Aber ich war frustriert von der erfolglosen Suche nach einem Onlinejob und wollte mir während eines Auslandsaufenthalts etwas dazuverdienen. Ich klickte auf den Link.

Moderatoren für Erotik-Chat gesucht.
Facebook-Anzeige

Also Sexarbeit? Ich hatte einige Monate zuvor in einem feministischen Podcast eine Folge zu dem Thema gehört. Sexarbeiterin Ilan Stefani erzählte von ihrem Buch "Lieb und teuer". Über die Einsamkeit der Kunden und darüber, wie das Thema selbst unter Feministinnen krass polarisiert. Ich war mir selbst nicht sicher, wo ich stand. Verbot oder nicht? Und ich fragte mich:

Wie fühlt es sich wohl an, mit virtuellem Sex Geld zu verdienen?

Ich füllte das Bewerbungsformular aus. Kaum Angaben zu mir selbst, stattdessen sollte ich Antworten für Muster-Chats formulieren. Es fühlte sich komisch an, so explizit über Sex zu schreiben, ich schämte mich ein bisschen vor mir selbst.

Muss da jetzt "feucht" oder "geil" drin stehen? Was die Person, die meine Bewerbung liest, wohl von mir denkt?

Ich brauchte länger als gedacht. Aber es klappte.

Ich wurde zum "persönlichen Skype-Training" eingeladen.

Pünktlich und ein bisschen aufgeregt saß ich zum ausgemachten Termin vor meinem Computer und wartete auf meinen "persönlichen Coach". Er war nett, normal und erklärte mir kurz die beiden goldenen Regeln des Chats: kein Copy-Paste und mindestens eine Frage pro Nachricht.

Danach antworteten wir gemeinsam auf 50 Nachrichten. Es war seltsam zu wissen, dass er mitlas, während ich von "Blasen" und "Lecken" schrieb. Manchmal gab er Tipps: "Geh gerne auch auf das Foto ein, dass er dir geschickt hat!" oder "Du kannst auch erstmal mit Smalltalk anfangen." 

Ich wurde ehrgeizig, gab mir Mühe beim Schreiben. Prompt lobte mich der "Coach" für meine "wirklich schönen Formulierungen und die gute Rechtschreibung".

Ich bekam den Job und stieg ein in die Welt der Sex-Chats.

Das Geschäftsmodell funktioniert so: Meine Kunden legen sich Profile an, mal mit Foto mal ohne, in denen sie Angaben zu Beziehungsstatus und sexuellen Vorlieben machen. Dann kaufen sie Guthaben und dürfen damit Nachrichten verschicken.

Wie viel sie pro Nachricht zahlen, weiß ich nicht. Auch nicht, wie die Seite für sie aussieht. Mein Moderatorinnen-Zugang schleust mich direkt in eine Unterhaltung, das Drumherum bleibt mir verborgen.

Das Problem der Seitenbetreiber: zu wenige Frauen.

Darum gibt es Fake-Profile, hinter denen Menschen wie ich stecken. Melde ich mich an, schlüpfe ich in ihre Rollen. Ich bin zwischen 18 und 80 und habe Namen, die an Schüler-VZ erinnern: Zoe77, KittyKat und Nachttiger. Die Profile sind realistisch und sehr unterschiedlich.

Für den schüchternen Tommy007 bin ich Katia, Lehrerin und im Bett gerne zärtlich. EAT_MY_DICK, steht dagegen auf SM. Für ihn werde ich zur Top-Managerin und schreibe Dinge wie: "Ab sofort wirst du alles tun was ich sage! Knie dich hin, Sklave!"

Ich bin ziemlich gut. Mehrere Männer markieren meine Fake-Profile als Favoritinnen und bleiben "noch ein bisschen wach" für mich, wenn ich sie darum bitte.

Aber so langsam kommen mir Zweifel.

Da ist dieser Ordner mit Fotos der Fake-Frauen: leicht bekleidet und in expliziten Posen: in Spitzenunterwäsche und mit gespreizten Beinen auf dem Bett, in Lederoutfit mit Peitsche. Manchmal sind auch nur Brüste oder ein Po zu sehen. Von anderen wiederum gibt es Fotos in voller Bekleidung beim Skifahren oder am Strand.

Ich soll die Bilder verschicken, wenn der Kunde danach verlangt. Aber wer die echten Frauen hinter den Bildern sind und ob sie wissen, dass ich sie fremden Männern in Chats schicke, weiß ich nicht. Ich verdränge den Gedanken lieber.

Und da ist die Selbstausbeutung. Ich verdiene zehn Cent pro Nachricht, an guten Tagen schaffe ich einen Stundenlohn von 6,50 Euro – viel zu wenig.

Ich bin Feministin - das mit diesem Job zu vereinbaren ist manchmal echt hart.

Ich frage mich: Warum fällt mir das chatten so leicht, obwohl ich nie konventionelle Pornos konsumiert habe? Warum gebe ich mir Mühe, mich in SH2000 hineinzuversetzen, der mich auf der "Motorhaube ficken will, bis unser Saft die Kühlerhaube runterläuft"?

Ich erwische mich dabei, wie ich beim Schreiben in die Rolle der naiven Frau falle, die darauf wartet von einem echten Mann verführt zu werden. Nichts funktioniert besser, um Gespräche am Laufen zu halten.

Zum Beispiel, als mir bigdick2 Fotos von seinem muskelbepackten Körper schickt, mit dem er mich "beschützen wird, wann immer nötig" und gleich hinterher ein Bild von seinem erigierten Penis. Ich gebe ihm mit "Ohs" und "Ahs" die Bestätigung, die er will.

Dabei finde ich solches Macho-Gehabe absolut abstoßend.

Ich ärgere mich über mich selbst und beschließe, im nächsten Chat auf Konfrontation zu gehen.

Kurze Zeit geht das überraschend gut. Ich chatte mit Bertoo und frage ihn, ob er mich beim Vorspiel oral befriedigt. Das sei leider nicht so sein "Ding", schreibt er.

  • Engelchen9 (also ich): "Wir sollten beide Spaß haben und dazu braucht es ein bisschen mehr Gleichberechtigung beim Sex, findest du nicht?"
  • Bertoo: "Das war doch nicht so gemeint meine süße. Ich würde alles tun damit du deinen spaß hast, das weisst du..  Sagst du mir was dir gefällt?!? <3"

Boom.

  • Bertoo: "Mein lieber Schatz; du hast mich mit der Erklärung, wie ihr Frauen "fühlt" so wach und jetzt geil gemacht, daß ich dich jetzt am liebsten fisten möchte als praktischer Ausgleich mit der Theorie zuvor! Hose runter und Beine breit! Willst du das auch?"

Na gut. Wenigstens meine Ausführungen zu Konsens scheinen gefruchtet zu haben.

Mit jedem Chat verstehe ich die Kunden besser: Normalos. Oft mit glücklichen Ehen, in denen es sexuell nicht mehr so läuft. Chatten ist für sie wie Pornos gucken, nur persönlicher.

Am meisten habe ich aber über mich selbst gelernt – und die Menschen um mich herum.

Die Chats gefallen mir manchmal sogar. Ab und zu wird beim chatten mein Gesicht ganz heiß. Vielleicht ist es mein eigenes, unterbewusstes Begehren, das mich mit einer solchen Leichtigkeit tippen lässt.

Manche meiner Freunde waren interessiert, andere waren skeptisch und hatten wenig Verständnis für meinen Job.

Oh, der erste Schritt in die Prostitution! Krass, dass du das machst. Stumpft man da nicht ab?
Mein Mitbewohner

Ich mag diese Situationen mittlerweile, in denen das Gespräch auf meinen Sex-Chat-Job kommt. Fragt jemand: Was schreibst du da?, antworte ich ehrlich. Mein Gegenüber lacht dann meist verlegen.

Ich habe gelernt, Sexualität ganz locker zu sehen.

Den Begriff "Dirty Talk" benutze ich nicht mehr: Er enthält mir zu viel Scham. Wenn ich in der U-Bahn chatte, vermischen sich Sex und Alltag. Ich finde das gut: Vielleicht sollte ich mich im Café demnächst nicht mit dem Rücken zur Wand setzen, damit die Menschen sich an Nacktfotos gewöhnen.

Pling. Mein "Coach" schreibt. "Die Chats sind am Überlaufen, kannst du einspringen?". Ich mache mich an die Arbeit. Nur noch 20 Nachrichten bis zum Wochenendbonus.


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