Bild: Frederick M. Brown / Getty Images
Wie ich meinen Frieden mit "King of Queens" geschlossen habe.

Ein langweiliger Sonntagnachmittag, ich bin auf der Suche nach Beschäftigung. Es regnet, rausgehen ist keine Option. Ich rufe den Streaminganbieter meines Vertrauens auf, lehne Vorschlag für Vorschlag ab. Bis mich drei bekannte Gesichter anlächeln. Es sind Doug, Carrie und Arthur, Figuren aus der Sitcom "King of Queens". 

Zuletzt sah ich "King of Queens" vor sechs Jahren. Damals fühlte ich mich nach einer schlaflosen Nacht kurz vor der Verkündung meiner Abiturnoten sehr gut von der Serie unterhalten. Warum sollte es an diesem Sonntag anders sein?

Ich lache in Folge eins kein einziges Mal. Stattdessen habe ich Fragen. Zum Beispiel: Wieso sind Doug und Carrie überhaupt verheiratet? 

Und: Warum habe ich diese Serie damals eigentlich so gefeiert? 

Ich ermahne mich selbst: Die erste Folge ist schließlich häufig die seltsamste, also gebe ich den Heffernans noch eine zweite Chance. Bei Folge zwei wird mir fast übel. Doug befürchtet, dass seine Frau "fett" werden könnte. Er redet ihr ein, sie hätte bereits zugenommen. Sie beginnt eine Diät. Am Ende entscheidet Doug allerdings, dass sie perfekt sei, so wie sie ist. Wie gnädig. 

Nach Folge drei breche ich endgültig ab. Mr. und Mrs. Heffernan sind ein "Match made in hell". Die Art und Weise, wie mit der einzigen weiblichen Protagonistin umgegangen wird, stört mich. Ihr Ehemann reduziert sie permanent auf ihre Figur und gönnt Carrie den beruflichen Erfolg nicht.

Hat mir der Feminismus eine meiner Lieblingsserien verdorben? 

Offenbar. Auch wenn mein Erwachsenwerden ebenfalls etwas damit zu tun haben könnte. Mit knappen 18 sieht man Dinge anders als mit Mitte 20. Das ist nichts Neues. 

Aber was ich mich dennoch frage: Ich fand die Serie doch damals lustig – warum kann ich heute nicht drüber hinwegsehen, dass Doug Carrie auf ihr Aussehen reduziert? Mein politisch korrektes, feministisches, mitte-zwanzig-jähriges-Ich zur Seite schieben? In meinem Kopf gibt es doch diese positive, lustige Erinnerung. Warum spult mein Hirn nicht einfach an den Punkt zurück und setzt den Inhalt in den damaligen Kontext: vor Metoo, und zu einer Zeit, als Männer noch Sprüche wie "Frauen und Technik" machen konnten, ohne schief angeschaut zu werden? 

Ich selbst finde: Es ist ein Fehlschluss, Sexismus oder Rassismus im zeitlichen Kontext zu betrachten. 

Dass Menschen in Serien aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Herkunft diskriminiert werden, sollte nicht damit begründet werden, dass es damals so üblich war. Es ist ganz simpel: Das war eben auch damals schon falsch. 

Die freie Medienforscherin Nele Heise erklärt mir aber: Der zeitliche und gesellschaftliche Kontext sollte aus unserer heutigen Sicht durchaus eine Rolle spielen. Man könne beispielsweise darauf achten, ob sich eine Serie im Laufe der Zeit verändert habe. 

Ein Beispiel: "Modern Family". Während die ersten Staffeln nur so strotzen vor Geschlechterklischees, beschäftigen sich aktuellere Folgen mit dem "Women's March" und der Gleichberechtigung von Frauen. Das seltsame "King-of-Queens"-Gefühl bleibt so aus. Schließlich beweisen die "Modern Family"-Macherinnen und Macher mir, dass sie ihre Fehler einsehen, und daran arbeiten. 

Nele Heise

Arbeitet als Medienforscherin, Referentin für Digitale Medien und Kommunikation und als Autorin. War zuvor wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg im Fachgebiet Journalistik und Kommunikationswissenschaft.

Oder? Ist es nicht sehr kalkuliert, wenn Serien sich nur verändern, wenn sie damit eine gesellschaftliche Debatte bedienen?

"Das kann Kalkül sein, weil es natürlich immer um Einschaltquoten geht. Es kann aber auch das Feedback der Zuschauerinnen und Zuschauer sein – oder eine lange Storyline, die man im Blick hat", sagt Nele Heise. Außerdem gibt es Serien, die nicht erst auf gesellschaftliche Debatten gewartet haben, sondern Vorreiter waren. 

Daniela Schlütz, Professorin für Theorie und Empirie der digitalen Medien, nennt dafür Beispiele: Serien wie Marvel’s "Luke Cage", "Jessica Jones", oder die von 1993 bis 2018 produzierte Serie "Akte X". Die habe mit der "sachlichen Agentin Scully und dem esoterisch angehauchten Mulder" die herkömmlichen Geschlechterklischees zumindest ansatzweise hinterfragt. 

Einen anderen Typ Frau habe man auch in "Sex and the City" sehen können, sagt Nele Heise. Dabei handele es sich zwar nicht um eine besonders diverse Serie, dennoch sei sie "in der Art, wie über Sexualität gesprochen wurde, für die Zeit eine Messlatte". Sie habe verschiedene Typen von Frauen gezeigt. Business-Frauen, die sexuell empowered sind. Das sei bis dato keine Selbstverständlichkeit gewesen.

Daniela Schlütz

Ist Professorin für Theorie und Empirie der digitalen Medien an der Filmuniversität Babelsberg. Außerdem Studiendekanin im Fachbereich Medienwissenschaft. Habilitierte 2015 im Fach Kommunikationswissenschaft zum Thema "Quality-TV als Unterhaltungsphänomen".

Einige progressive Vorreiter gab es also, auch schon zu Carrie und Dougs Zeiten. Und eigentlich ist genau diese Beobachtung, wie sich die Frauenfiguren in Sitcoms, Dramaserien oder auch Crimestaffeln verändert haben, für mich schon der Schlüssel, mit "King of Queens" Frieden zu schließen. Weibliche Figuren in älteren Serien waren Hausfrauen, oder einfach "nur" Partnerin, Freundin, ohne Job. In neuen Serien haben sie Führungspositionen. Sie sind schlagfertig, ordnen sich nicht mehr unter, weisen Männern, die ihnen die Welt erklären möchten, die Tür. Klar, gerade die neuen weiblichen Figuren sind Vorbilder – aber eigentlich ist doch die geschaffte Entwicklung der vergangenen zwei Jahrzehnte das eigentlich bemerkenswerte.

Weibliche Figuren seien hinsichtlich ihres Charakters und ihres Aussehens facettenreicher und interessanter geworden, die Themen vielfältiger, sagt Daniela Schlütz. Rollen wie Jean Milburn aus "Sex Education" oder Annalise Keating aus "How To Get Away With Murder" bekämen wir immer häufiger zu sehen.

Dass wir es geschafft haben, dass sich weibliche Figuren von Carries zu Annalises zu entwickeln: Das hat Kraft und Mut gekostet. "Gesellschaftliche Debatten spiegeln sich natürlich auch in Serien inhaltlich wieder. Der Diskurs über Serien hat sich verändert – und #MeToo war sicherlich ein Anlass, sich Serien mit einem neuen Blick anzuschauen", sagt Nele Heise. Aber auch die sozialen Medien spielen eine wichtige Rolle: "Wir als Publikum hatten vor den sozialen Netzwerken kein wirkliches Sprachrohr, um den Serienmachern mitzuteilen, dass uns gewisse Sachen nicht gefallen."

Ich nehme mir vor: Wenn ich das nächste Mal über Carrie, Doug und Arthur stolpere, versuche ich es mit Episode vier. Und freue mich 22 Minuten lang darüber, dass eine Figur wie Carrie heute die Beziehung zu einem Doug wohl schon in Staffel eins beendet hätte. Und mindestens darüber werde ich einen Lacher verlieren.


Gerechtigkeit

Hey AfD, verklär mir nicht die DDR meiner Eltern!
Wie die AfD jungen Ossis ein DDR-Märchen erzählt – und damit leider Erfolg hat.

Zwei Menschen unterhalten sich. Björn Höcke drängelt sich dazu und findet es "unerträglich", dass man im heutigen Deutschland nicht mehr alles sagen könne. Dann doziert der Thüringer AfD-Chef, wie "gleichgeschaltet" heute Politik, Medien, Künstler und Kirchen seien – und sieht Parallelen mit der ehemaligen DDR. Schließlich empfiehlt er, die AfD zu wählen: das sei "wie eine friedliche Revolution mit dem Stimmzettel".

Die Szene ist Teil eines kurzen Comics, den Höcke im Thüringer Landtagswahlkampf verbreitet: