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Wo ist eigentlich dieses "Ich", von dem alle immer reden?

Unser Innenleben ist häufig eine kompliziert Kiste. Eine Seite in uns will Job und Sicherheit, die andere Freiheit und Möglichkeiten. Ein Teil will die Beziehung retten, die andere sie beenden. Wir fühlen uns geborgen in der Vorhersehbarkeit alter Freundschaften und gleichzeitig davon erdrückt. 

Und jedes Mal, wenn wir an Weihnachten zu unseren Eltern fahren, fragen wir uns: Warum ändert sich hier eigentlich nie was, wenn ich doch so anders geworden bin?

"Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm' nur viel zu selten dazu", sang Udo Lindenberg vor zehn Jahren gemeinsam mit Jan Delay. Eigentlich stammt der Satz vom österreichisch-ungarischen Schriftsteller Ödön von Horvàth. Nachempfinden können ihn sicher viele.

Wir sind Kinder, Freunde, Partnerinnen und Partner, Mütter oder Väter, Kolleginnen oder Kollegen – und überall ein bisschen anders. 

Wir erfüllen Rollen, die andere uns zuweisen. Was, wenn sich diese widersprechen? Und welche davon bin wirklich "Ich"?

Das habe ich Eric Lippmann gefragt. Lippman ist Professor für Angewandte Psychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und Autor des Buchs "Identität im Zeitalter des Chamäleons".

In meinem Abi-Jahrbuch stand in dem Bereich, wo andere etwas über mich schreiben konnten: "immer so entspannt". Meine Familie würde wahrscheinlich lachen, wenn sie das liest. Zu Hause gehe ich schnell an die Decke, obwohl ich gar nicht so bin. Oder doch?

Die Aussage "So bin ich" ist schon der falsche Ansatz. Eher würde ich sagen: "So verhalte ich mich." Verhalten ist immer auch abhängig vom Kontext. Der Soziologe Erving Goffmann schrieb schon in den Fünfzigerjahren: "Wir alle spielen Theater." Wie Schauspieler im wahren Leben nehmen wir nicht nur eine, sondern viele soziale Rollen ein.

Zu Hause bin ich immer die kleine Schwester, die Tochter und das jüngste Kind. Warum werde ich dort wahrscheinlich nie aus dieser Rolle rauskommen?

Weil wir Verhaltensmuster schon in unserer Kindheit lernen. Das ist wie beim Sport oder Autofahren: Die Bewegungen führen wir irgendwann nicht mehr bewusst aus. Es bilden sich so was wie neuronale Autobahnen im Gehirn, die bestimmte Reaktionen vorgeben. Da reicht ein Schlüsselreiz und das alte Muster wird aktiviert.

Die ersten Jahre eines Menschen sind prägend. Schon hier bilden sich neuronale Muster, aus genetischen Informationen und vor allem aus Erfahrungswerten. Umlernen ist dabei grundsätzlich schwieriger als Neulernen. Das ist wie im Dschungel: Es braucht einiges an Risikobereitschaft und Absicht, um einen bestehenden Pfad zu verlassen und stattdessen einen neuen zu ebnen.

Wie schaffen wir das trotzdem?

Dafür müssen wir unsere Muster erkennen und wissen, was sie auslöst. Beispielsweise zu Hause: Es gibt einen Schlüsselreiz – der Vater fragt einmal zu viel, ob Sie jetzt mehr Geld verdienen, die Mutter, ob Sie wirklich keinen Hunger haben –, der Wut oder negative Emotionen in Ihnen auslöst. Diesen Schlüsselreiz müssen wir herausfiltern, uns eine alternative Reaktion zurechtlegen und diese beim nächsten Mal anwenden. Wir nennen das "Problemlösungsgymnastik".

Klingt wie eine schlechte Angewohnheit ablegen: Nikotinkaugummis statt Zigarette, Karotte statt Schokolade.

Nur, dass hier andere Personen beteiligt sind. Ob wir eine soziale Rolle mit neuem Verhalten abstreifen können, hängt einerseits davon ab, wie viel Anerkennung wir für die neue Rolle bekommen. Wenn andere negativ reagieren, fallen wir eher in alte Muster zurück. Und es hängt davon ab, wie starr die anderen in ihren eigenen Rollen verharren.

Kann ich beschließen, ganz anders zu sein als bisher?

Ich kann mich nie nur alleine definieren, sondern brauche die Bestätigung der anderen. Das ist wie im Beispiel mit dem Theater: Für eine Rolle brauche ich immer eine Konterrolle. Ohne Kunden kann ich kein Verkäufer sein. Ich kann mir selbst Führungsqualitäten zusprechen, aber ob ich Führung übernehme, hängt davon ab, ob andere sie mir einräumen. Mein Umfeld muss meine Rolle bestätigen und sozusagen mitspielen.

Bin ich das oder sind das die anderen?

(Bild: Mikail Duran/Unsplash)

Woher muss ich überhaupt wissen, wie ich sein will. Das ist ja schon schwierig genug.

Richtig. Identität ist ein Prozess, der sich über das Leben bildet und variiert. Sie setzt sich aus fünf Säulen zusammen: soziale Beziehungen, Beruf, Leiblichkeit sowie Werte und Normen. Zu den äußeren Stimmen kommen innere dazu: eine ängstliche, eine forsche, eine introvertierte und so weiter. Das kann man sich vorstellen wie bei einer Konferenz, an der ja auch unterschiedliche Menschen teilnehmen. Je nach Situation und Aufgabe machen bestimmte Stimmen mehr, andere weniger Sinn. Je mehr unterschiedlichen Kontexten wir uns aussetzen, desto besser lernen wir im besten Fall, die Stimmen passend einzusetzen.

Was, wenn sie sich zu sehr widersprechen?

Was Menschen normalerweise krank macht, ist das Gefühl des Ausgeliefertseins. Wenn sie das Gefühl haben, sie wirken nicht mehr auf ihr Ziel hin und können ihre Rolle nicht kontrollieren. Das ist dann ein Widerspruch. Sie wollen etwas, dem sie nicht näherkommen. Oder, wenn etwas von ihnen gefordert wird, das für sie keinen Sinn macht.

Ein anderes Beispiel: Ich glaube, ich habe keine Freunde, die mich als introvertiert bezeichnen würde. Ich mich auch nicht. Als ich angefangen habe zu arbeiten, habe ich mich plötzlich eher zurückgezogen verhalten und dachte: Vielleicht bin ich doch anders. Gibt es zwischen all meinen Rollen einen festen Kern, ein festes "Ich"?

Es gibt auf diese Frage in der Psychologie verschiedene Antworten. Ich vertrete einen systemischen Ansatz: Wir sind viele. Der Kontext entscheidet, wie ich mich in ihm verhalte. Wenn ich häufig dem gleichen Umfeld ausgesetzt bin, können tiefe Muster entstehen, die ich stärker als Teil meines Selbstbildes wahrnehme.

Wir sind viele.
Eric Lippmann, Professor für angewandte Psychologie

Ich bin also nicht, sondern ich reagiere nur?

Natürlich bestimme ich die Situation auch mit. In der Regel will ich mich funktional verhalten, sodass ich ein bestimmtes Ziel erreiche – das ist meistens Anerkennung oder Bestätigung. Was in einer Situation funktional ist, bewertet jeder Mensch anders. Das hängt auch mit den Erfahrungen zusammen, die ich schon gemacht habe. Bekam ich auf bestimmtes Verhalten positive Reaktionen, werde ich mich wahrscheinlich häufiger so verhalten und umgekehrt.

Wir ziehen heutzutage öfter um, reisen mehr, wechseln häufiger unsere Jobs und Partner. Im Netz können wir Parallelidentitäten aufbauen, uns in beiden Welten immer wieder neu erfinden. Kommen wir uns damit näher oder verlieren wir uns?

Ich sehe da Chancen und Gefahren. Einerseits besteht die Chance, jene Kontexte zu entdecken, in denen ich am meisten Belohnung erfahre und mich am besten entfalten kann – mir also näher zu kommen. Andererseits besteht die Gefahr, dass ich mich zwischen zu vielen Möglichkeiten und Rollen verzettele und mein Potenzial gar nicht ausschöpfe. Durch soziale Medien kann es auch passieren, dass sich digitale und reale Identität zu sehr unterscheiden – wie manage ich diesen Unterschied? Partnerschaftsportale haben gezeigt, dass das Enttäuschungspotenzial hier groß ist.

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Gerechtigkeit

ORF unter Beschuss: Welchen Druck junge Journalisten in Österreich spüren
"Es gibt tatsächlich Tendenzen, die an Viktor Orbán erinnern, als er anfing, Ungarn umzukrempeln."

Zwei Menschen sitzen sich gegenüber, einer stellt Fragen, der andere beantwortet sie: ein klassisches Interview. Eigentlich ist dabei leicht zu erkennen, dass es sich bei den Antworten des Befragten um seine eigene Meinung handelt und nicht um die des Interviewers oder des Senders. Trotzdem fühlte sich die Moderatorin der österreichischen Sendung "Kulturmontag" vergangene Woche offenbar dazu verpflichtet, sich von dem kurz zuvor ausgestrahlten Interview mit Jan Böhmermann zu distanzieren. Der Grund: Böhmermann hatte den Zustand der österreichischen Politik und den Umgang mit dem kritischen Journalisten Armin Wolf angeprangert. (SPIEGEL ONLINE)

Diese in vielen Augen fragwürdige Distanzierung befeuert eine öffentliche Debatte, die in Österreich schon lange brennt: Darüber, ob und wie sich die Regierung aus der konservativen ÖVP und der rechten FPÖ in journalistische Berichterstattung einmischt.

"Der ORF distanziert sich von den provokanten und politischen Aussagen Böhmermanns." 

Dieser Satz löste am Montagabend bei vielen Zuschauerinnen und Zuschauern Unverständnis aus – und auch bei Böhmermann selbst. Er schrieb dazu auf Twitter: