Wann kommt endlich die erste Traumschiffkapitänin mit Kopftuch?

Schöne Exotin im Traumschiff oder geflüchteter Drogendealer im Polizeiruf: Rollen für Schauspieler, die nicht weiß sind, sind im deutschen Fernsehen oft einfach Klischees.

Jetzt gibt es eine kleine Revolution: Am Sonntag darf zum ersten Mal eine schwarze Kommissarin den Tatort-Mörder fangen: Florence Kasumba spielt in "Das verschwundene Kind“ die Kommissarin Anais Schmitz, an der Seite von Maria Furtwängler.

Mit einem deutschen Nachnamen und hoffentlich ohne Voodoo und Tanzeinlagen.

Okay, der Weg in die deutschen Wohnzimmer war hart. Kasumba musste einen Umweg über Hollywood nehmen. Erst nach ihrem Mega-Erfolg im Oscar-nominierten "Black Panther" bemerkte auch die deutsche Filmindustrie ihr Talent.

Aber wer ist eigentlich Schuld am Einheits-Kartoffelbrei im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen?

Wir haben mit jungen, schwarzen Schauspielern darüber gesprochen, was der neue Tatort für sie bedeutet – und was sich in der Filmindustrie endlich ändern muss.

Langston (Dogs of Berlin) kann sich die Figuren aussuchen, Thandi (Ballhaus Naunynstrasse) bekommt kaum Jobs und Jonathan (Mikel) schreibt sich seine Rollen manchmal einfach selbst.

Langston Uibel, 21: "Gebrochenes Deutsch ist nicht in meinem Repertoire"

Ich habe schon einmal mit Florence gedreht: da spielte sie eine Voodoo-Zaubererin. Ich hoffe, dass sie am Sonntag einfach eine deutsche Kommissarin sein darf.

Die Frage ist nämlich oft: Wie können wir dem Publikum erklären, dass der Schauspieler schwarz ist? Die Redaktionen denken oft, das Schwarzsein sei ein Hindernis zwischen Zuschauer und Geschichte. Die Figur darf dann entweder kein Deutsch sprechen – oder die Hautfarbe muss Thema des Films sein. 

Ich bin neulich als Altenpfleger besetzt worden. Die Hautfarbe war irrelevant. Als ich zum Dreh kam, sagte man mir: Da kam ein Anruf aus der Redaktion. Wir wollen, dass du gebrochenes Deutsch sprichst.

Ich meinte: Ich weiß nicht, was gebrochenes Deutsch ist. Ich spreche das nicht. Ist nicht in meinem Repertoire.

Ich spreche so was immer an. Manchmal reagieren die Leute dann mit: Oh, das war nicht so gemeint. Oder es wird geleugnet. Der Redaktion hätte ich gerne erklärt, dass es eine direkte Verbindung vom Rassismus auf der Straße unseres Landes und dem, was sie von mir verlangen gibt. Ich glaube, das ist vielen gar nicht bewusst.

Richtige Klischee-Rollen muss ich zum Glück nicht annehmen. Die Leute wollen mittlerweile mit mir als Person arbeiten, vielleicht weil sie mich näher kennengelernt haben. Und ich bin gemischt – nicht ganz dunkel. Ich kann mir vorstellen, dass das auch eine Rolle spielt.

Vergangenes Jahr habe ich in der ARD-Serie "Um Himmels Willen“ den Enkelsohn des Bürgermeisters gespielt, weil es kein Thema war, dass ich schwarz war. Ich habe das gemacht, weil es eine der größten Serien Deutschlands ist. Acht Millionen Zuschauer im Schnitt.

Das ist die Motivation, warum ich Schauspieler geworden bin: Ich will gesehen werden – und etwas am Bild verändern. Es gibt keinen besseren Schritt in diese Richtung, als 20.15 Uhr im Fernsehen zu sein. Es wird nicht alles verändern, aber ist ein Anfang. Es geht ja einfach darum, dass die Welt im Fernsehen so vielfältig aussieht, wie sie ist. Dass wir realistischer werden.

Als Kind hatte ich gar keine deutschen Idole. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum ich diesen Beruf gewählt habe. Vielleicht werde ich irgendwann selbst eines? Ab und zu bekomme ich schon Zuschriften von Kindern, die sagen: Ich wusste nicht, dass jemand wie ich auch Schauspieler werden kann.

Thandi Sebe, 29: "Ich pendele nach Südafrika, da gibt es mehr Jobs"

Ich habe eine Zeit lang mit meinem Ex-Freund Tatort geschaut: religiös, fast jeden Sonntag. Daher kannte ich auch das Gesicht von Florence Kasumba. Sie hat öfter mitgespielt: Aber immer als Flüchtling oder sowas. Daher finde ich es richtig gut, dass sie jetzt eine Hauptrolle hat. Und es ist echt fett, dass sie eine Glatze hat -  ich habe nämlich auch eine.

Für mich lief es als Schauspielerin in Deutschland aber nicht so gut. Letztes Jahr hatte ich nur zwei Jobs: eine Managerin aus Miami und ein Berliner Mädel. Ich frage mich dann, ob das an mir liegt – oder daran, dass es keine Rollen für schwarze Schauspielerinnen gibt.

Manchmal wird mir die Rolle einer „Tänzerin“ angeboten. Ich kann aber überhaupt nicht tanzen. Oft ist man auch die "Amerikanerin“. Darüber wird dann erklärt, warum ich schwarz bin. Bei vielen Rollen wäge ich ab: Kann ich das guten Gewissens spielen? Irgendwann muss ich solche Jobs vielleicht nicht mehr machen.

Ich pendele nach Südafrika, da gibt es mehr Jobs. Gerade arbeite ich in Kapstadt.

Hier werden super viele Serien gedreht, denn es ist günstig, das Licht ist super – und es gibt eine mega Vielfalt unter den Schauspielern.

Ich kenne schwarze Models und Schauspielerinnen aus aller Welt, die hierherkommen: auch aus Frankreich und Deutschland. Neulich habe ich hier mit einem asiatisch-französischen Schauspieler gedreht, der in Frankreich auch keine Jobs bekommen hat. Wir spielen dann Amerikaner oder Kanadier.

Fernsehen ist immer noch total wichtig, denke ich. Meine Oma guckt kein Netflix. Und nur dadurch, dass man schwarze Frauen auch in banalen, deutschen Fernsehproduktionen sieht, gewöhnen sich die Leute älterer Generationen langsam an Vielfalt. Im Mai drehe ich selbst auch einen Film für das ZDF. Da spiele ich zwar eine Südafrikanerin – aber ich spreche Deutsch.

Jonathan, 30: "Die wollen 'Schwarzer Hüne' oder 'rappender, bester Freund'"

Meine erste Rolle hatte ich am Staatstheater, da habe ich einen jungen Mann in Westafrika gespielt. Das Schöne war: Ich hatte viel Text, es war schon eine leitende Rolle. Ich war ein junger Mann, der in Armut lebt, aber sehr clever ist. Aber ich durfte kein Deutscher sein, hatte einen französischen Akzent, den ich erst mal beigebracht bekommen musste.

Ich bekomme oft Angebote, die mit meinem Schwarzsein zu tun haben. 

Wenn ich zu Castings eingeladen werde, dann oft für Rollen, bei denen in der Typbeschreibung "Schwarzer Hüne" steht oder "rappender, bester Freund".

Vor zehn Jahren hab ich ein Theaterkollektiv für schwarze Künstlerinnen und Künstler mitgegründet. Wir spielen und entwickeln Theaterstücke und seit kurzem auch Fernsehserien. Es ging um neue Perspektiven und darum, mal Dinge spielen zu dürfen, die sonst nie mit schwarzen Menschen besetzt werden.

Wir hatten viel positives Feedback von Kritikern. Aber wir haben uns lange um alles selbst gekümmert – von Requisiten bis Verträgen.

Manchmal bekomme ich nach einem Vorsprechen richtig viel Lob. Aber dann heißt es: Wegen der "Typfrage" habe es nicht gepasst. Wenn der Film rauskommt und ich sehe, wer die Rolle bekommen hat, ist das dann eine weiße Person. 

Am Theater habe ich schon mehrere Rollen abgelehnt. Einmal war es eine entwürdigende Rolle: wo das N-Wort im Titel und auch immStück immer wieder vorkam. Das war eine krasse Entscheidung: Ich brauchte eigentlich das Geld. Aber ich habe an die Jugendlichen gedacht, mit denen ich Theater-Workshops mache. Die hätten das Stück bestimmt angeschaut und wären von mir enttäuscht gewesen. Ich habe abgelehnt.

Ich mache aber bei solchen Angeboten nicht sofort zu, weil ich denke: Oft kann man sich einbringen, mit den Leuten reden. Manchmal kann man Rollen anpassen und im Spiel verwandeln.

Am Sonntag schaue ich den Tatort, obwohl ich das sonst nicht mache. Ich habe selbst auch schon mal als Kommissar vorgesprochen – solche Angebote sind bisher aber die Ausnahme. Das wäre schon eine tolle Rolle. Am liebsten würde ich mal einen Vampir spielen – aber einen deutschen! In einer Netflixserie oder so. Ich frag mich, warum da noch niemand drauf gekommen ist: junger, deutscher, schwarzer Vampir.

Viola Davis hat bei den Emmys mal gesagt: Das einzige, was schwarze Schauspieler und Schauspierinnen von allen Anderen unterscheidet ist: die Gelegenheit!


Today

So sehen Menschen vor und nach ihrer Morgenroutine aus

Der Wecker klingelt. Draußen ist es dunkel. Und kalt. Noch einmal snoozen, bis der Tag anfängt. Bis wir zur Uni, zur Arbeit müssen. Aber was passiert in der kurzen Zeit zwischen dem Aufstehen und Nach-draußen-gehen? Was machen wir, bevor wir uns der Außenwelt präsentieren? 

Es gibt Morgenmenschen, die diese Zeit genießen, extra früher aufstehen, um in Ruhe Kaffee zu trinken, zu duschen und sich zu pflegen. Und es gibt Morgenmuffel, die sich in kurzer Zeit hektisch ihre Kleidung überwerfen und nur schnell die Zähne putzen. 

Wir haben vier Menschen aus dem Bett geklingelt, sie vor und nach ihrer Morgenroutine fotografiert und mit ihnen gesprochen. 

Was bedeuten diese Minuten oder Stunden morgens für euch? Wie verändert es euer Auftreten und Selbstbewusstsein, euch morgens Zeit für euch zu nehmen? 

Mohamed, 24

Wischen, um die Veränderung zu sehen.