Sind Beratungen weiter möglich und genügend Arztpraxen geöffnet? Fragen und Antworten.

Isabel Otto, 31, kennt die Sorgen von Frauen, die ungewollt schwanger geworden sind. Sorgen, die jetzt, in der Corona-Krise, noch größer werden. Sie arbeitet in einer Beratungsstelle von Pro Familia in Stade, Niedersachsen. "Die Frauen kommen mit der Befürchtung, nicht mehr rechtzeitig einen Termin zu finden, oder überhaupt eine Klinik, die in der gegenwärtigen Situation noch Schwangerschaftsabbrüche durchführt", sagt Isabel Otto am Telefon zu bento.

Angst, nicht mehr beraten zu werden, Angst vor dem Jobverlust oder ums Finanzielle haben auch die Klientinnen von Berivan Güler, 31. Sie ist ebenfalls Beraterin und Psychologin bei Pro Familia, aber in Hamburg. "Viele sagen jetzt: Die Situation ist mir einfach zu unsicher, da erwäge ich eher einen Abbruch", erzählt sie ebenfalls am Telefon. 

Sind diese Ängste begründet?

Nicht, wenn man Isabel Otto fragt. Sie ist sich sicher, dass derzeit noch genug Praxen und Kliniken Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Trotzdem gibt sie zu bedenken: "Auch die Kliniken müssen Schutzmaßnahmen einrichten, sie können nicht zu viele Patientinnen auf einmal behandeln." Wartezeiten für einen Termin würden schnell etwas länger – für ungewollt Schwangere ein großes Problem. Die Pflichtberatung bei einer zertifizierten Beratungsstelle, anschließend drei Tage Wartezeit, dann eine gynäkologische Untersuchung und schließlich der Abbruch selbst: All das muss bis zur zwölften Schwangerschaftswoche geschehen. Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland im Strafgesetzbuch geregelt. Nur wer alle Vorgaben fristgerecht einhält, bleibt straffrei.

Es fehlt an Schutzausrüstung

Einen Aufwärtstrend bei Abbrüchen erkenne sie bislang nicht, sagt Alicia Baier, 28, Vorsitzende des Vereins "Doctors for Choice". Sie hätten allerdings mehrere Berichte von geschlossenen Frauenarztpraxen und Kliniken erreicht, die aufgrund der Corona-Krise keine Abbrüche mehr durchführten. "Der letzte Arzt, der in Niederbayern noch Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt hat, hat jetzt die Praxis geschlossen, weil er selbst zur Risikogruppe gehört. Und Niederbayern ist ein großes Gebiet", sagt sie am Telefon (Tagesschau, taz).

Alicia Baier ist Vorsitzende des Vereins "Doctors for Choice" und kennt die Bedenken der ungewollt Schwangeren in Zeiten von Corona. 

(Bild: privat)

Die Lage ist von Stadt zu Stadt, von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. In Berlin und Magdeburg würden einzelne Kliniken sogar Betten für Schwangerschaftsabbrüche freihalten, falls niedergelassene Ärztinnen und Ärzte ausfielen, sagt Alicia Baier.

Sind die Berichte über geschlossene Praxen also vielleicht nur Einzelfälle? Sussana Kramarz vom Berufsverband der Frauenärzte e.V. weiß darauf nicht wirklich eine Antwort. Sie könne nicht sagen, ob aufgrund der Corona-Schutzmaßnahmen nun weniger Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt würden, sagt sie am Telefon. Sie bestätigt aber, dass es in niedergelassenen gynäkologischen Praxen an Schutzausrüstung fehle. Außerdem würden Frauen, die den Verdacht haben, mit dem Coronavirus infiziert zu sein, sofort nach Hause geschickt.

Einen Termin für den Abbruch zu bekommen, ist für ungewollt Schwangere aber nicht die einzige Hürde, die in der Corona-Krise noch höher werden könnte. Die "Doctors for Choice" fürchten auch, dass es in Beratungsstellen zu Engpässen kommen könnte, heißt es in einer Pressemitteilung des Vereins.

Pflichtberatung per Video

Die meisten Landesverbände von Pro Familia bestätigen bento aber, dass sie weiterhin Beratungen durchführen, die vor einem Schwangerschaftsabbruch gesetzlich vorgeschrieben sind. Nur eine Einschränkung gibt es: "Wir bieten keine offene Sprechstunde mehr an, die Frauen müssen einen Termin machen und sich die Hände waschen, wenn sie hereinkommen", erklärt Kerstin Falk, Geschäftsführerin des Landesverbandes von Pro Familia Hamburg, am Telefon. Die Beraterinnen haben sich in zwei Teams aufgeteilt. Wenn in einem ein Corona-Fall auftritt und das Team in Quarantäne muss, springt das andere ein.

Normalerweise muss die sogenannte Schwangerschaftskonfliktberatung persönlich erfolgen, die ungewollt Schwangere muss sich ausweisen und bekommt einen Beratungsschein, den sie dann beim Schwangerschaftsabbruch vorlegen muss. Für viele könnte das jetzt schwierig werden: zum Beispiel für Schwangere, die zur Risikogruppe gehören oder selbst Verdachtsfall sind. Etwa 60 Prozent der Frauen, die eine Schwangerschaft beenden wollen, haben bereits Kinder (RKI/Destatis). Zurzeit sind Schulen und Kindergärten geschlossen, Kinder müssen zu Hause betreut werden – auch das kann eine zusätzliche Hürde sein, wenn Betroffene persönlich zur Beratung müssen.

In vielen Bundesländern wurde in den vergangenen Tagen und Wochen erlassen, dass die Beratung vorübergehend auch per Telefon oder Videocall erfolgen kann. Auch in Hamburg. Das sei aber noch nicht angelaufen, sagt Kerstin Falk. "Wir müssen jetzt klären, wie das genau laufen kann. Die Beratung am Telefon ist das eine, aber wie kommt dann der Beratungsschein zur Frau?"

Schwangerschaftsabbruch per Telemedizin – ein rechtlicher Graubereich

In Isabel Ottos Beratungsstelle in Niedersachsen wird die virtuelle Beratung bereits angeboten – allerdings nur per Video. So könnten sich die Frauen auch ausweisen, indem sie einfach ihren Personalausweis oder ein anderes Dokument in die Kamera hielten. Der Beratungsschein werde dann per Post verschickt. Für Frauen, die nicht wollen, dass andere aus ihrem Haushalt von dem Abbruch erfahren, ist aber auch das problematisch. In dem Fall werde der Schein in einem neutralen Umschlag ohne Absenderadresse verschickt, sagt Isabel – "und wir setzen auf das Briefgeheimnis". Für Frauen in dieser Lage bleibt die Beratung per Video oder Telefon trotzdem schwierig, schließlich könnten andere im Haushalt mithören. Eine Chat- oder E-Mail-Beratung will Kerstin Falk jedoch nicht einführen: "Wir müssen sicher sein: Reden wir mit der Person, um die es geht?"

Sogar der Gang zur Ärztin oder zum Arzt für den Abbruch selbst könnte aber womöglich vermieden werden. In Kanada und zehn US-Bundesstaaten sind Abbrüche bereits per Telemedizin möglich. Die ungewollt Schwangere bekommt das nötige Medikament per Post zugeschickt und wird von einer Ärztin oder einem Arzt per Telefon oder Video betreut. Bislang konnte eine Studie aus 2019 die Sicherheit dieser Methode bestätigen. 

In der Corona-Krise könnte Telemedizin für einige Frauen besonders hilfreich oder sogar notwendig sein. "In Deutschland befinden wir uns da in einem rechtlichen Graubereich", sagt Alicia Baier von "Doctors for Choice". Und: "Hier wünschen wir uns ein klares Signal von der Politik, weil man als Ärztin ja sonst immer mit einem Bein im Gefängnis steht."


Fühlen

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Paula hat eine Angststörung. Was die Corona-Vorsichtsmaßnahmen mit ihr machen und wie sie es schafft, einen Alltag aufrecht zu erhalten.

Triggerwarnung: In diesem Text werden konkrete Angst- und Panikzustände geschildert.

Jeden Morgen zwischen 7 und 8 Uhr klingelt Paulas* Wecker. Sie macht in ihrem Bett ein paar Entspannungstechniken und Yoga, dehnt sich und meditiert. Im Winter setzt sie sich danach manchmal während des Frühstücks vor ihre Tageslichtlampe. Sie zieht sich an, fährt in die Uni und schreibt an ihrer Masterarbeit. Seit sieben Jahren lebt Paula, 25, mit einer Angststörung. 2019 war sie deswegen für sechs Wochen in einer psychiatrischen Klinik. Ihr Morgenritual gibt ihr seitdem Struktur und Stabilität, wenn in ihr die Panik hochkommt.