Der Termin ist Pflicht – was macht das mit Schwangeren?

Eine Frau erfährt, dass sie schwanger ist. Sie fragt sich, ob sie das Kind bekommen soll. Egal, welche Gründe es für ihre Zweifel gibt, ob sie schon sicher weiß, dass sie das Kind abtreiben will, oder noch schwankt: Sie hat die Pflicht, sich beraten zu lassen.

Denn in Deutschland muss jede Frau vor einer Abtreibung bei einer staatlich anerkannten Stelle eine Schwangerschaftskonfliktberatung besuchen, zum Beispiel bei einer Einrichtung wie Pro Familia, bei der Diakonie, der Caritas oder dem Verein Donum Vitae. 

Erst wenn sie das getan hat, bekommt sie eine Bescheinigung ausgestellt, mit der sie bei einem Arzt oder in einer Klinik einen Termin für einen Abbruch vereinbaren kann. Wichtig dabei: Zwischen Beratungsgespräch und Eingriff müssen mindestens drei Tage liegen. 

Was in der Konfliktberatung genau passiert, regelt Paragraf 219 des Strafgesetzbuches. Darin steht: 

"Die Beratung dient dem Schutz des ungeborenen Lebens. Sie hat sich von dem Bemühen leiten zu lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen (...)." (Dejure

In dem Gespräch darf die Frau nicht dazu gedrängt werden, ihre Entscheidung zu ändern. Das wird im Schwangerschaftskonfliktgesetz beschrieben  (Juris).

Jetzt kein Kind

Es gibt Momente im Leben, in denen wünschen wir uns ein Baby. Und es gibt Momente, da passt das nicht. Was passiert dann?

In Deutschland können Frauen unter bestimmten Voraussetzungen abtreiben. Was dabei passiert, wie das geregelt ist und warum dieses Recht nicht selbstverständlich ist, darum geht es in dieser Reihe. Schreib uns hier, wenn du eine Frage hast, die in unseren Beiträgen unbeantwortet bleibt.

Eine ergebnisoffene Beratung also, die die Frau dazu ermutigen soll, das Kind zu behalten, sie gleichzeitig aber nicht bevormunden darf. Geht das überhaupt? Wie sieht die Wirklichkeit aus? Empfinden Schwangere, die mit der Entscheidung ringen, den Termin als Schikane? Oder als Hilfe? Fühlen sie sich bevormundet – oder unterstützt?

Wir haben drei Frauen gefragt, wie sie das Gespräch erlebten – und ob sie sich danach für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch entschieden. Die Erfahrungen, die sie schildern, sind sehr unterschiedlich und zeigen: Inhalt und Qualität der Gespräche hängen vor allem von der Beraterin oder dem Berater ab, der sie führt. Und ist damit vor allem eins: Glückssache.

(Bild: Daiga Ellaby/Unsplash)
Lea, 31

Ich war vor ein paar Monaten beim Frauenarzt, weil ich starke Unterleibsschmerzen hatte. Er machte einen Ultraschall und da sah ich es selbst: In meinem Bauch war ein Baby. 

Ich sagte dem Arzt, dass ich in den vergangenen Wochen Alkohol getrunken und Medikamente eingenommen hatte. Dass ich fürchtete, das Kind könne Schaden genommen haben und deshalb nicht sicher sei, ob ich es überhaupt bekommen wolle. 

Er ging darauf nicht ein, nannte mir nur den Entbindungstermin und beglückwünschte mich. Vor der Praxis brach ich zusammen.

Zu Hause erzählte ich meinem Mann von der Schwangerschaft und von meinen Bedenken. Auch er war dafür, dass wir uns zu einer Abtreibung beraten lassen. Wir haben schon zwei Kinder, die eineinhalb und dreieinhalb Jahre alt sind, er wusste nicht, wie wir das mit einem dritten Kind schaffen sollten. 

Gemeinsam gingen wir zum Termin. Ich erzählte der Beraterin von meiner Angst, das Kind könne wegen der Medikamente und des Alkohols behindert sein. Mein Mann sagte, er sei mit der Situation überfordert. Unsere beiden kleinen Kinder schlafen nachts schlecht, er wisse nicht, wie es mit einem dritten gehen sollte. 

Bild: Kevin Gent/ Unsplash
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Wir haben schon zwei Kinder, wie sollten wir es mit einem dritten schaffen?
Lea

Die Beraterin meinte eigentlich nur, sie könne gar nicht viel dazu sagen. Wir bekämen die Bescheinigung so oder so. Sie könne verstehen, dass wir Angst vor einer weiteren Belastung hätten, bei zwei kleinen Kindern sei ein drittes Kind eine Herausforderung. 

Sie zeigte auf ihren Fingernagel und erklärte, dass das Kind etwa so groß sei, wie dieser Nagel, also nicht sehr groß. "Ob es bei der Größe Gefühle hat, sei dahingestellt", sagte sie. 

Wir sollten es uns überlegen. Die Beraterin versuchte nicht, uns in eine Richtung zu drängen – aber ich hatte den Eindruck, dass sie nicht richtig zuhörte, unsere Bedenken nicht ernstnahm. 

Nach einer Dreiviertelstunde waren wir wieder draußen.

Die Beraterin sagte im Prinzip nur: Ich kann zu dem Thema nicht viel sagen.
Lea

Der Termin kommt mir im Nachhinein sinnlos vor, weil uns einfach gar nicht geholfen wurde. Ich hatte gehofft, dass die Beraterin uns Möglichkeiten nennen würde, wie wir, falls wir uns für das Kind entscheiden, mit der Belastung umgehen könnten. Welche Hilfe wir bekommen könnten – finanziell und bei der Betreuung. 

Mein Mann und ich überlegten tagelang. Wir entschieden uns erst für eine Abtreibung, dann dagegen, dann wieder dafür. Und dabei blieb es dann.

Er hatte zu viel Angst, dass wir das nicht schaffen, finanziell, aber auch im Alltag. Ich hatte Angst, dass er mich verlassen würde, wenn ich das Kind bekomme. 

Bei der Abtreibung war ich in der zwölften Woche. 

Danach hängte ich ein Ultraschallbild meines Kindes auf. Ich möchte es nicht vergessen. Im Nachhinein denke ich: Das war Leben in meinem Bauch, die Abtreibung Mord. Und frage mich zwischendurch, wie es gewesen wäre, wenn ich das Kind bekommen hätte.

Meine Bedenken, dass das Kind behindert sein könnte, nahmen weder die Beraterin noch der Frauenarzt ernst. Hätten sie das getan, würde es vielleicht noch leben. 

Anna, 30

"Ein Kind ist ein Geschenk. Kein Kind entsteht durch Zufall. Eine Abtreibung ist undenkbar, außer die Schwangerschaft entstand durch eine Vergewaltigung" – so dachte ich immer. 

Bis ich vor ein paar Monaten von meiner Ärztin erfuhr, dass ich in der siebten Woche schwanger bin. Das Herz des Kindes konnte ich auf dem Ultraschall bereits schlagen sehen. Ich sagte der Ärztin sofort, dass ich in meiner aktuellen Lebenssituation kein Kind groß ziehen könne. 

Ich hatte mich erst kurz vor der Schwangerschaft von einer Krebserkrankung erholt, ich war nicht mehr so belastbar, einfache Dinge wie der Haushalt oder das Einkaufen kosteten mich viel Kraft. Ich konnte nur in Teilzeit arbeiten und verdiente wesentlich weniger als vor meiner Krankheit. 

Vor allem aber  fragte ich mich: Was passiert mit dem Kind, wenn der Krebs wiederkommt und ich es nicht überlebe? Wie sollte ich das alles finanziell stemmen? Außerdem war ich erst seit wenigen Monaten mit meinem Freund zusammen. Was, wenn die Beziehung nicht halten würde? Und ich das Kind alleine großziehen müsste?

Die Ärztin sagte, sie sei gegen Abtreibung. Ich solle mich freuen, ein Kind sei ein Geschenk. Adressen oder Beratungsangebote bekam ich in der Praxis nicht.

Bei der Schwangerschaftskonfliktberatung bat mich eine Mitarbeiterin, Platz zu nehmen. Sie war Mitte 50, wirkte erfahren, kompetent. Ich erzählte ihr von mir, davon, wie ratlos und unsicher ich bin. 

Bild: Freestocks Org/ Unsplash
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Was passiert mit dem Kind, wenn der Krebs wiederkommt?
Anna

Sie erklärte mir, was ich selbst bereits gelesen hatte: Eine Abtreibung könne gesundheitliche Konsequenzen haben, etwa hormonelle Störungen, Kinderlosigkeit, psychische Langzeitfolgen wie Depressionen, Panikattacken. 

Ich erzählte ihr von meinen Gedanken über Alternativen zur Abtreibung, wie eine mögliche Adoption oder Pflegeeltern. Doch darauf ging sie nicht ein. 

Das Gespräch endete ziemlich abrupt. Sie gab mir die Bescheinigung und eine Liste von Ärztinnen und Ärzten und sagte: "Sie müssen gleich einen Termin ausmachen, weil sie ja schon in der zwölften Woche schwanger sind. Dann lassen sie die Abtreibung durchführen, denn das wollen sie ja, sonst wären Sie nicht hier." 

Ich sollte gleich einen Termin ausmachen.
Anna

Dann stand ich wieder vor der Beratungsstelle auf der Straße, und war genauso schlau wie vorher. 

Ich hätte mir gewünscht, dass die Beraterin auf mögliche Alternativen eingeht. Dass sie mir zeigt, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt, wenn ich mich für das Kind entscheide. 

Diese Hilfe fand ich online in einer Gruppe, in der sich Frauen austauschen, die ungewollt schwanger geworden sind. Dort konnte ich über meine Ängste sprechen, über Alternativen zur Abtreibung. Ich fühlte mich ernstgenommen. 

Ich entschied mich schließlich gegen die Abtreibung – und für das Leben des Kindes. Ich weiß noch nicht, ob ich das Kind nach der Geburt behalte, oder zur Adoption freigebe. Ich werde es davon abhängig machen, wie es mir gesundheitlich geht und ob die Beziehung mit meinem neuen Freund hält.

Ich will diesem unschuldigen kleinen Lebewesen eine Chance geben, egal ob es nun bei mir aufwächst oder bei anderen Eltern.

Marlene, 25 

Mein Mann wollte kein zweites Kind. Wir hatten gerade erst eines bekommen, ich musste deshalb meine Ausbildung abbrechen und wollte zum Ende des Jahres endlich eine neue anfangen. 

Deshalb war ich ziemlich überfordert, als meine Frauenärztin meine Vermutung bestätigte: Ich war  wieder schwanger, etwa in der vierten bis sechsten Wochen.  

Die Gynäkologin merkte, dass mein Mann das Kind nicht wollte. Sie gab uns eine Broschüre für die Schwangerschaftskonfliktberatung. Ich machte einen Termin aus. Schon das war mir total unangenehm. Ich hatte Angst, dass jemand denkt, wir begingen einen Mord, wenn wir abtreiben. Die Leute bei pro familia waren aber schon am Telefon total nett. Die Frau gab mir das Gefühl, dass es okay ist, darüber nachzudenken – sie verurteilte mich nicht.

Das Gespräch führte ein etwa 40-jähriger Berater mit mir und meinem Mann. Dass es ein Mann war, machte mir nichts aus. Er erklärte uns, wie der Abbruch ablaufen würde, dass ich ihn nicht selbst bezahlen müsse, weil ich Arbeitslosengeld bekomme.

Dann sagte er, wenn wir uns für das Kind entscheiden würden, könnten wir schon jetzt einen Termin ausmachen für eine Erstausstattung, da bekämen wir ein paar hundert Euro Zuschuss, das müssten wir nicht alleine tragen. 

Mein Mann wollte kein zweites Kind.
Marlene

Diese Info erleichterte mich total – das Finanzielle machte uns irre viele Sorgen. Wenn man Kinder bekommt, will man denen doch auch etwas bieten. Das hätten wir nicht gekonnt. Ich bin arbeitslos, nur mein Mann arbeitet. Wie sollten wir das schaffen, mit zwei Kindern?

Der Berater merkte uns unsere Unsicherheit an. Er fragte: "Auf einer Skala von eins bis zehn, wie sehr sind sie für eine Abtreibung?" 

Ich sagte: "Vier." 

Mein Mann sagte: "Neun."

Dann fragte der Berater meinen Mann: "Wenn sich ihre Frau für das Kind entscheidet, würden Sie mitziehen?" Mein Mann sagte: "Natürlich, ich stehe immer zu ihr." Da war für mich die Entscheidung gefallen – für das Kind. Ihm ging es genauso. Die finanzielle Angst konnte der Berater uns nehmen, nur so konnten wir die Entscheidung treffen. Wir wussten: Gemeinsam würden wir das schaffen. Die Beratung beeinflusste unsere Entscheidung sehr – und zwar im positiven Sinne. 

Ich bin jetzt in der zwölften Schwangerschaftswoche. 

Bild: Heidy Sequera/ Unsplash
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Wir freuen uns auf das Baby.
Marlene

Gerechtigkeit

Was passiert bei einer Abtreibung?
Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Schwangerschaftsabbruch

Im Moment wird in Deutschland wieder heftig über das Thema Abtreibung diskutiert. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht die Gießener Ärztin Kristina Hänel. Sie wurde im November 2017 vom Amtsgericht Gießen zu einer Strafzahlung verurteilt, weil sie auf ihrer Website angab, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. 

Die Richterin sah darin einen Verstoß gegen Paragraf 219a des Strafgesetzbuches vorliegen. Er verbietet es Ärzten, Werbung für Abtreibungen zu machen (SPIEGEL ONLINE).

Hänel weigerte sich, die Strafe zu zahlen – und will, wenn nötig, bis vor das Bundesverfassungsgericht ziehen. Durch die Debatte über ein Werbeverbot ist auch die Diskussion über Abtreibung neu entfacht.