Bild: Benjamin Eckert/bento
Ein Gartenbesuch

Eigentlich wollte Marie im Herbst nach Bali fliegen, sie hätte morgens Yoga gemacht und ihren Blick beim Frühstück über Reisfelder schweifen lassen. Aber dann war plötzlich Corona – und ihr Traum von der Reise geplatzt. 

Mit der Pandemie kam bei Marie auch die Sehnsucht nach einer privaten Grünfläche auf, einem zweiten Zuhause. In ihrem ersten wohnt sie seit mehr als vier Jahren, eine Zweizimmerwohnung in Hamburg-Barmbek. Dort arbeitet die 25-Jährige seit Mitte März den ganzen Tag über im Homeoffice

„Ich habe mir ein Stück Freiheit gepachtet.“
Marie

Marie hat mitten in der Corona-Pandemie einen Schrebergarten angemietet.

(Bild: Benjamin Eckert/bento)

41 Quadratmeter, das Wohnzimmer grenzt an eine offene Küchenzeile, nur das Schlafzimmer ist von einer Doppeltür abgetrennt, einen Balkon gibt es nicht. Es ist Freitagnachmittag, Marie klappt den Laptop zu. Sie hat jetzt Wochenende. Seit knapp zwei Monaten geht sie da in ihren Kleingarten. "Ich habe mir ein Stück Freiheit gepachtet", sagt Marie. Im Flur stehen die Gartenutensilien bereit: eine Plastiktüte voll mit Stroh, Handschaufel, Harke und eine Hängematte.  

Aus der Isolation in den Kleingarten

Auf die Idee, sich einen Kleingarten zu mieten, kam Marie während der Corona-Isolation. Nach zwei Wochen zu Hause bemerkte sie bei einem ihrer täglichen Spaziergänge ein Schild, dem sie sonst wohl wenig Beachtung geschenkt hätte: Schrebergartenverein. "Vorher hatte ich kein Interesse am Gärtnern. Frag' mal meine Eltern, ob ich jemals bei der Gartenarbeit geholfen hätte", sagt Marie. Doch jetzt wollte sie einen Ort im Grünen nur für sich. Denn die Wohnung in der Großstadt wird ganz schön eng, wenn Bars, Clubs und Restaurants, aber auch Museen und Galerien geschlossen bleiben. Auf einmal konnte man fast nichts mehr unternehmen. So sehnte Marie sich immer stärker nach Natur, erzählt sie.

Marie schickte gleich mehrere Anfragen an Kleingartenvereine in der Umgebung. Von einem kam schnell Rückmeldung, sie musste nur ein Formular ausfüllen und über Skype ein Gespräch mit der Schriftführerin aus dem Vorstand führen. So wurde sie schon Mitte April zur Kleingärtnerin. 

Marie verteilt das Stroh im Erdbeerbeet.

(Bild: Benjamin Eckert/bento)

Nach zehn Minuten Autofahrt erreicht Marie den Kleingartenverein im Norden von Hamburg. Von dem schmalen Schotterweg in der Mitte kann man über die 1,25-Meter-Hecken in die Parzellen sehen, dort wehen neben Deutschlandfahnen auch die Flaggen von Kanada oder der Türkei. Marie öffnet die Gartenpforte, die sie neulich hellblau lackiert hat, und tritt auf ihr persönliches Fleckchen Grün, stolze 530 Quadratmeter. Obwohl sie erst an Ostern in den Garten durfte, stehen bereits vier Hochbeete in rechteckigen Holzkästen. Dort wachsen Erdbeeren, Himbeeren, Radieschen, Salat und verschiedene Kräuter. Dahinter rankt ein Gitter mit Gurkenpflanzen hervor, die Nachbarn haben es ihr geschenkt. Marie winkt ihnen zu, ein Paar etwa Ende 30.

Sie müsse die selbstgezogenen Pflänzchen täglich gießen, sagt Marie. "Ich mache mir aber keinen Stress damit, wenn ich es einmal nicht schaffe, regnet es ja zum Glück öfter in Hamburg."

Aus dem Brunnen schöpft Marie Wasser für ihre Pflanzen.

(Bild: Benjamin Eckert/bento)

Marie zieht Handschuhe über ihre filigranen Finger mit den lackierten Nägeln und verteilt das mitgebrachte Stroh im Erdbeerbeet. Das sei gut gegen Schnecken, sagt sie, zumindest habe sie das in einem Buch gelesen. Heute kann Marie zum zweiten Mal Radieschen ernten, sie zieht die pinken Knollen vorsichtig aus der Erde. In diesem Moment radelt Gartenwärter Peter vorbei, der genauso aussieht, wie man sich einen Gartenwärter namens Peter vorstellt: eher Mitte 60, grauer Bart, Bäuchlein (Statista). "Hallo Marie!" ruft er, natürlich kennt Peter alle Mitglieder seines Schrebergartenvereins beim Namen. Auch die Pächter der benachbarten Gartenquadrate blieben oft am Zaun stehen und erkundigten sich nach den neuen Projekten, erzählt Marie. Im Kleingarten merkt man nichts von der Coronakrise.

Warum wollen viele jetzt einen eigenen Garten?

Am anderen Ende von Hamburg ist Janwillem mit 32 wahrscheinlich einer der jüngsten Vorsitzenden eines Kleingartens. Seinen Verein in Wilhelmsburg beschreibt er am Telefon als "überdurchschnittlich jung und eher linksalternativ". Seit der vierten Coronawoche lande täglich mindestens eine neue Anfrage in seinem Mailpostfach, die meisten davon von Menschen zwischen 25 und 35 Jahren. Einige Freundesgruppen und WGs seien dabei, aber auch ein Partykollektiv und Festivalleute. "Auf der Warteliste stehen aktuell über 130 Leute, vor eineinhalb Jahren waren es gerade mal sieben", sagt Janwillem. Darüber freue er sich zwar, doch so eine Mitgliedschaft beinhalte auch Verpflichtungen – Rasenmähen zum Beispiel. Diesen Verpflichtungen müssten Mitglieder nachkommen, so stehe es in den Vereinsregeln – und denen stimme man mit einer Mitgliedschaft zu. 

„Viele haben keinen Garten am Haus, also flüchten sie sich ins Grüne.“
Janwillem, Vorsitzender eines Kleingartenvereins in Hamburg-Wilhelmsburg

Janwillem erkennt eine Parallele zur Entstehungsgeschichte von Kleingärten: Die Arbeiterklasse nutzte diese Anfang des 19. Jahrhunderts zum Anbau von Obst und Gemüse, aber die Gärten waren auch Zufluchtsorte. Einige zogen wegen des Wohnraummangels in Städten wie Berlin oder Hamburg sogar ganz dorthin, was mit dem Kleingartengesetz von 1983 allerdings verboten wurde (taz). Wie die Arbeiterfamilien leben auch junge Großstädter häufig in engen Wohnungen. "Viele haben keinen Garten am Haus, also flüchten sie sich ins Grüne", sagt Janwillem. Und: "Kleingärten, das sind Gärten für alle." In den nächsten Jahren sollen in Wilhelmsburg Dutzende weitere Parzellen hinzukommen. Man überlege, einzelne Beete und Gemeinschaftsgärten zu vermieten, das sei nun gefragt, so Janwillem. 

Bei Ikea waren die Gartenmöbel fast vergriffen. Den großen Tisch habe sie nicht mehr bekommen, erzählt Marie. 

(Bild: Benjamin Eckert/bento)

Die Laube als Urlaubsalternative

Auch Marie plant schon das nächste Projekt: eine Laube, die baut sie gemeinsam mit ihrem Stiefvater, der Tischler ist und eine Werkstatt hat. "Ich errichte mir hier ein kleines Ferienhaus, in dem ich im Sommer auch mal schlafen kann", sagt Marie. Und: "Das ist meine Alternative zum Urlaub, denn selbst wenn es wieder erlaubt ist, möchte ich nicht gleich im nächsten Flieger sitzen."

Für Marie ist der Kleingarten Bali: Sie könne einfach hier Yoga machen und bei Sonne in der Hängematte liegen. Das sei sowieso besser für die Umwelt und passe zu dem Gedanken, mehr lokal zu verreisen. Dazu ist es wohl auch günstiger: Das Grundstück kostet Marie mit Strom und Wasser knapp 500 Euro im Jahr. 

„Ich denke, meine Generation verlebt ihr Geld mehr, wir investieren eher in den Van als ins Eigenheim.“
Marie

Marie tritt den Rückzug ins Auto an. Dort reflektiert sie über ihren neuentdeckten grünen Daumen. "Ich denke, meine Generation verlebt ihr Geld mehr, wir investieren eher in den Van als ins Eigenheim", sagt Marie. Und so ein Gartenprojekt sei ja irgendwie auch ein Erlebnis. Ohnehin könne man sich Eigentum in der Großstadt kaum noch leisten, sie werde vermutlich ihr Leben lang zur Miete wohnen. Mit dem Kleingarten hat Marie ihren privaten Wohnraum in der Stadt zumindest vergrößert – wenn auch wieder nur gemietet. 

Dann sagt sie noch: "In unserer schnelllebigen Welt werden Entspannungsorte wie diese immer wichtiger." Marie startet den Motor, gleich ist sie mit einem Kumpel in Altona verabredet. Von hier aus ist sie zum Glück schnell wieder im Szeneviertel. 


Gerechtigkeit

Forscher haben ein Highspeed-Zugnetz für die EU erträumt. Wie realistisch ist es?
Die Gelder sollen aus einem Corona-Hilfspaket kommen, das bis 2030 angelegt ist.

Wenn junge Menschen diesen Sommer nach Lissabon, Zagreb oder Amsterdam wollen, ist das wieder möglich: Die meisten europäischen Staaten haben ihre wegen der Corona-Pandemie geltende Reisewarnung wieder aufgehoben. Aber die Zeit der Billigflieger scheint vorbei. Viele Verbindungen sind gestrichen, die wenigen Flüge deutlich teurer geworden. 

Die Coronakrise hat nicht nur das gesellschaftliche Leben auf Pause gesetzt, sondern auch dem Klimaschutz einen möglichen Neustart verschafft: nachhaltig und CO2-arm Reisen wird wieder wichtiger. Es trifft den Zeitgeist. 

Die Generation Easyjet wird abgelöst

In einer Umfrage hat die Plattform Criteo 2019 nach "Green Travelern" Ausschau gehalten, also nach Reisenden, die sich in den vergangenen sechs Monaten mindestens einmal entschieden haben, eine ursprünglich geplante Reise nicht zu buchen, um ihren CO2-Fußabdruck zu verringern. 62 Prozent der klimabewussten Reisenden gehören demnach der Generation Z und den Millenials an, nur 38 Prozent älteren Generationen. Die Jungen fahren häufiger Bahn, vor allem in Deutschland. 22 Prozent gehören hierzulande zu den Green Travelern. In Frankreich und den USA sind es 18 Prozent. Der weltweite Durchschnitt liegt bei 15 Prozent. (Statista/Criteo)

Die Generation Easyjet könnte abgelöst werden. Wenn es nach fünf Forschern des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche geht, könnte die Generation Transrapid folgen. 

Der Transrapid ist ein Hochgeschwindigkeitszug, der mit bis zu 500 Kilometern pro Stunde fährt. Geht es nach den Träumen der Wissenschaftler, soll er bald auf 18.000 Kilometern kreuz und quer durch ganz Europa fahren. Sie haben sich Gedanken gemacht, wie ein europäisches Transrapid-Netz aussehen könnten – und wie realistisch sein Bau wäre. 

18.000 Kilometer Transrapid quer durch die Europäische Union

In der Studie werden vier Linien vorgestellt, die von Irland bis Italien und von der Iberischen Halbinsel bis auf den Balkan und nach Skandinavien Europa miteinander verbindet. Außerdem haben sie ausgerechnet, wie sich die Kosten auf die einzelnen europäischen Länder verteilen würden. 

  1. Die größte Route fährt eine Schleife von Lissabon über Paris und Berlin hoch nach Helsinki und Kopenhagen.
  2. Eine zweite Route verknüpft Irland über eine Fähre mit dem europäischen Festland.
  3. Die dritte Route führt von Paris über die Alpen und durch Italien bis nach Malta.
  4. Die vierte Route geht von Berlin nach Athen und bindet so viele Noch-nicht-EU-Staaten auf dem Balkan mit ein.