Was ist schon schön?
Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Wahre Schönheit kommt von innen.

Solche Sätze hat wohl jeder schon mal gehört und angezweifelt, der nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht.

Ich arbeite als Prostituierte und oft fragen mich Kunden vor einem Treffen, ob ich ein Problem mit ihrem dicken Bauch habe. Oder den Haaren auf dem Rücken.

Ich antworte immer gleich: Ich erwarte ein Mindestmaß an Kommunikationstalent, ein freundliches Verhalten und Respekt vor mir und meiner Arbeit. Alles andere ist mir egal.

Schon während meiner Schulzeit verstand ich, dass Aussehen bestenfalls ein schöner Beigeschmack, aber keine Garantie für einen schönen Menschen ist.

Als Teenager litt ich gar nicht unbedingt unter meiner Brille, meiner Akne, meinem dicken Hintern oder meinem schlechten Haarschnitt. Als viel schlimmer empfand ich es, mit welcher Geringschätzigkeit mich andere Jugendliche aufgrund dieser Makel ausgegrenzt und beleidigt haben.

Dummerweise hatte ich außer Altklugheit, Bücherwissen und ausufernder Unsicherheit auch nichts anzubieten, womit ich mich in den Augen der anderen hätte rehabilitieren können.

Über unsere neue Kolumnistin Eva

Bücherwurm, Sonnenanbeterin, Kind der 90er. Lebt und liebt in polyamoren Beziehungen. Neben ihrem Hauptberuf arbeitet sie in Teilzeit als selbstständige Sexarbeiterin. Wie sie sich dabei fühlt und was sie so erlebt, ist das Thema ihrer Sexkolumne.

Heute erschreckt es mich, wie sehr ich deshalb – mit 13 Jahren – davon überzeugt war, weniger wert zu sein. Ich hatte damals bereits ein sehr genaues Bild davon, wie eine hübsche Frau auszusehen hat: zierlich, flacher Bauch, lange Beine, lange Haare. Mein Spiegelbild hatte damit wenig zu tun.

Als ich längst keine Pickel mehr hatte, als meine Mutter nicht mehr meine Hosen aussuchte und ich Kontaktlinsen trug, nahmen mich die Menschen in meiner Umgebung ganz anders wahr: Seit dem Ende meiner Schulzeit bekomme ich regelmäßig Komplimente für mein Aussehen. Dabei hatte ich – meiner Meinung nach – gar nichts Besonderes getan.

Zu der Zeit hatte ich zunächst nur mich und meinen jeweiligen Partner nackt gesehen. Obwohl ich wusste, dass er mich liebte und begehrte, machte ich mir Gedanken, ob meine Brüste in dieser bestimmten Position beim Sex hingen, wie sehr mein Bauch herausgestreckt war oder wie mein Gesicht sich beim Orgasmus verzog. Mit Anfang 20 hätte ich außerdem wahnsinnig gerne gewusst, ob ich die einzige Frau auf der Welt mit großen inneren Schamlippen war und ob ich mich deshalb eventuell schämen müsste.

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Irgendwann lernte ich Menschen aus der BDSM- und Swinger-Szene kennen und besuchte regelmäßig private Sex-Partys. Hier begann mit langsam zu dämmern: Auch in punkto oberflächlicher Schönheit existiert eine wundervolle Vielfalt, die weit über das hinausgeht, was üblicherweise als attraktiv gilt.

Denn hier begegnete ich Menschen jeglicher Geschlechteridentitäten und jeglicher Körperformen. Sie nahmen sich heraus, einfach Spaß zu haben und ihre Sexualität auszuleben. Unabhängig davon, ob sie irgendeinem Ideal mehr oder weniger entsprachen.

Ich sah, wie verschieden ein Orgasmus aussehen und klingen kann, Füße, die sich in Matratzen krallten, Haare, die ins Gesicht fielen und Hände, die einander liebkosten, packten, streichelten. Ich hörte Stöhnen, Lachen, Schreien und Seufzen. Und mir wurde sehr eindringlich klar, was für eine Zeitverschwendung es ist, bei gutem Sex auch nur eine Sekunde daran zu denken, den Bauch einzuziehen.

Mit der Zeit wurde mir mehr und mehr bewusst, dass es so viel Wichtigeres gibt als einen Körper, der den propagierten Stereotypen schlanker und muskulöser Menschen entspricht mit makelloser Haut und glänzenden Haaren an den richtigen Stellen.

Zum Beispiel mit jemandem lachen zu können. Jemanden gern anfassen zu mögen. Jemandem alles anvertrauen zu können. Den aufgeregten Atem eines Geliebten auf der Haut zu spüren.

Heute zeigt die "Bravo" auf ihrer Website Fotostrecken von vielfältig aussehenden Penissen und Vulven und erklärt, warum alle Varianten okay sind. Warum sich niemand wegen Farbe, Form oder Größe seiner Geschlechtsteile schämen muss. Und TV-Spots zeigen muskulöse, zierliche, glatzköpfige, dicke und dünne Frauen jeglicher Hautfarbe, mit Tattoos, Piercings und Achselbehaarung.

Beratung für Prostituierte

Du arbeitest als Prostituierte – und willst nicht mehr? Hier findest du Hilfe:

  • Ragazza unterstützt Frauen, die sich prostituieren und drogenabhängig sind.
  • Ban Ying setzt sich gegen Menschenhandel ein
  • Auch Hydra in Berlin hilft Prostituierten.

Mich macht der Gedanke froh, dass Menschen heute vielleicht selbstbewusster vor dem Spiegel stehen können. Ich persönlich genieße und mag meinen Körper inzwischen so, wie er ist. Und es ist mir bewusst, dass diese Selbstakzeptanz einen großen Teil meiner Attraktivität ausmacht – sowohl in der Sexarbeit als auch in meinem Privatleben.

Nächste Woche lest ihr, wie es dazu kam, dass ich nicht nur auf der Gästeliste privater Sexpartys landete, sondern diese auch oft und gerne mit weiblichen und männlichen Geliebten, mit Partnern und Partnerinnen, mit Freunden und Freundinnen besuchte. Und wie ich die Begriffe Liebe, Partnerschaft und Freundschaft für mich neu definiert habe.

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