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Kaum jemand spricht wohl gern über schlechten Sex. Doch seit die Kurzgeschichte "Cat Person" veröffentlicht wurde, ist eine neue Diskussion entbrannt – darüber, ob wir beim Sex nicht viel offener mit unseren Vorlieben und Gedanken umgehen sollten.

In der fiktiven Kurzgeschichte, die in dem Magazin The New Yorker erschien, schläft die Hauptfigur Margot nach einem Date mit einem Typen. Detailliert geht es darum, wie Margot sich dabei fühlt: Der Sex gefällt ihr nicht wirklich, und dann küsst Robert auch noch schlecht. 

Die Geschichte zeige, dass viele Frauen sich zu oft zu viel Mühe gäben, ihr Gegenüber glücklich zu machen, sagte die Autorin über ihren eigenen Text. Das sei anstrengend und müsse sich ändern

Aber wieso fällt es uns manchmal schwer, beim Sex zu unseren Gefühlen zu stehen? Was bedeutet schlechter Sex überhaupt? Wir haben die Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning gefragt.
Ann-Marlene Henning(Bild: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Frau Henning, was macht Sex zu gutem Sex?

Über diese Frage könnte man ein ganzes Buch schreiben – aber es gibt auch eine kurze Antwort: Guter Sex ist, wenn beide dabei etwas spüren und es wollen. Letzteres wäre beispielsweise bei einem sexuellen Übergriff nicht der Fall. Manchmal macht man auch einfach nur mit, ohne wirklich geil zu sein, das wird denn meist auch nicht der Sex deines Lebens.

Kurz: Wer etwas Schönes spürt und gern mitmacht, hat guten Sex. Das hat nichts mit Techniken oder fünf Orgasmen zu tun. 

Wie viele Leute haben denn schätzungsweise schlechten Sex?

Das lässt sich nur schwer sagen. Bei den meisten Umfragen zum Thema geht es darum, ob die Menschen mit ihrem Sexleben zufrieden sind. Das ist eher schwammig. Es heißt dann zum Beispiel: "Es geht noch besser, aber ich bleibe lieber dabei." Beim richtig guten Sex geht es allerdings um mehr, nämlich um die ganz außergewöhnlichen Male, so erklären es viele Klienten.


Zur Person

Ann-Marlene Henning kommt aus Dänemark, lebt aber schon seit vielen Jahren in Hamburg. Sie ist Psychologin, Sexologin und Autorin der Aufklärungsbücher "Make Love", die auch als Doku-Reihe fürs Fernsehen adaptiert wurden. In ihrem aktuellen Buch "Liebespraxis" beschreibt Henning die verschiedensten Sex-Probleme von Paaren, denen sie in ihrer Arbeit als Therapeutin schon begegnet ist.

Definieren Frauen und Männer es unterschiedlich, was guten oder schlechten Sex ausmacht?

Generell haben Männer in vielen Fällen leichter einen Orgasmus – und wenn sie keinen hatten, war es für sie kein guter Sex. Viele Frauen haben es schwerer zu kommen, wissen dies, und streben insofern nicht so sehr danach.  Sie sagen sich: "Oh nee, ich weiß, wie anstrengend es für mich werden wird, einen Orgasmus zu haben. Das brauche ich heute nicht." Sie genießen den Sex trotzdem – das Gefühl, ausgefüllt zu sein und dem Partner nahe zu sein.

Woran liegt es denn, dass Männer meistens leichter kommen können als Frauen?

Der Geschlechtsverkehr funktioniert bei den Männern meist wie die Technik ihrer Selbstbefriedigung: Friktion durch Stoßen. Das ist dieselbe Art von Hoch- und Runterreiben, wie wenn sie es sich selbst machen. Dabei spürt die Frau aber nicht viel, die Vagina ist dafür schlicht nicht angelegt, sie bräuchte eher Druck und langsame Bewegungen.

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 Warum fordern Frauen dann nicht einfach vom Partner ein, sie anders zu berühren?

Es gibt Untersuchungen, die deutlich belegen, wie sehr das weibliche Erleben von Sex im Zusammenhang damit steht, wie die Frau ihren eigenen Genitalbereich findet. Und da die meisten sich dort unten nicht schön oder sogar ekelig finden, denken sie beim Sex meist gar nicht an sich, sondern lieber an den Mann.

 Wieso denn ekelig?

Ihr "Unten" ist für viele Frauen wortwörtlich ein Schambereich. Sie haben das Gefühl, dass sie unten ungut riechen, dass es nicht schön aussieht, dass es nicht ordentlich rasiert ist, und so weiter. Das ist problematisch!

Ich erkläre es Frauen gern so: "Stell dir mal vor, du schläfst mit einem Mann, der seinen Penis nicht mag." Da beginnt meist das Verstehen. Dann frage ich: "Und was ist, wenn du mit einem Mann Sex hast, der seinen Penis ekelig findet?"

Und woher kommt bei Frauen das Gefühl, dass ihr Genitalbereich ekelig ist?

Es beginnt in der Kindheit. Wenn sich die Mutter schon selbst schämt, dann wird sie vermutlich der Vulva ihrer Tochter kaum positive Aufmerksamkeit schenken. Wohingegen es beim kleinen Jungen eher vorkommt, dass belustigt oder liebevoll über den "Pullermann" gesprochen wird. Beim Mädchen wird einfach nicht bewundernd oder fröhlich über "die kleine Scheide" oder die Vulva gesprochen.

Gibt es neben der Erziehung noch andere Unterschiede?

Klar. Die eigene Handhabe ist zwischen den Geschlechtern auch unterschiedlich. Mädchen müssen sich – theoretisch – im Laufe eines Tages kein einziges Mal anfassen. Beim Pinkeln ist Klopapier dazwischen, dann wird die Hose hochgezogen, fertig. Es besteht auch nie ein Grund, die Vulva anzusehen. Jungs hingegen fassen sich beim Pinkeln mehrere Male pro Tag selbst an und schauen nach unten. Ob sie sich nun gut finden oder nicht. Allein durch diesen natürlichen Umgang entsteht eine andere Beziehung zum Geschlecht. 

Männer haben also eine grundsätzlich bessere Beziehung zu ihrem Geschlechtsteil?

Naja, das heißt natürlich nicht, dass sie ihren Penis gleich erotisch oder besonders toll finden. Oftmals wird er eher funktional gesehen und sie müssen später dann, wenn Probleme auftauchen, in der Therapie lernen, wie man eine liebevolle Beziehung zum eigenen Geschlechtsteil aufbaut. Aber zumindest sind die Männer meist vertrauter mit ihren Genitalien.

Wie können Frauen denn ihre Sexualität – und ihre Beziehung zum eigenen Körper – verbessern?

Da gibt es verschiedene Möglichkeiten:

Im Hirn müssen erst Synapsen wachsen, also Wege entstehen, damit es lustig wird – es ist nicht angeboren, etwas lustvolles in der Vagina zu spüren.
Das heißt: Möglichst viel anschauen, schmecken, anfassen, spüren!
Jede Frau kann mit den Fingern ihre Innenräume erkunden und nachspüren, wie sich das anfühlt.
So kann sie die G-Zone erspüren, also dieser geriffelte, schwülstige Bereich in Richtung Bauchdecke, gleich 3-5 cm innerhalb des Scheideneingangs.
Die Stelle befindet sich genau an der Rückseite der Klitorisspitze, also an einem übersensiblen Bereich.
Inzwischen wissen auch viele, dass die Klitoris nicht nur die kleine Perle ist, sondern unter anderem auch zwei Beinchen hat, die ins Innere der Scheide reichen.
Bei der Stimulation hilft vor allem Beckenbodentraining.
Mit dem Beckenboden kann jede Frau lernen den inneren Teil der Klitoris allein durch eigene Bewegungen zu massieren.
Wenn Frau erstmal dort ihre Möglichkeiten entdeckt, hat sie beim Sex ganz andere Möglichkeiten.
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Diese Tipps helfen wirklich?

Ja. Ich selbst fand Sex zum Beispiel immer spannend und gut, aber erst seit ungefähr zehn Jahren, nämlich seit meinen Ausbildungen, weiß ich mehr über mich – und spüre ich genug, um beim Geschlechtsverkehr zu kommen. Nicht immer, aber immer öfter! Den vaginalen Orgasmus konnte ich vorher never ever! 

Es war zwar nett, meinen Partner in mir zu spüren, aber die Erregung ließ mit dem Eindringen definitiv nach. Das heißt für mich: Frau sollte nicht nur für ihn mitstoßen, sondern mit der Wahrnehmung auch mal bei sich selbst sein. Statt "Bin ich gut genug?" oder "Wie kann ich ihn zum Orgasmus bringen?" einfach mal fühlen "Oh, ich könnte ja mal in diese Richtung, aha, und wenn ich mich so bewege, ist das toll für mich".

Und was können die Männer tun?

Witzigerweise gilt für sie das Gleiche. Auch er kann, wenn er seinen Beckenboden einsetzt und seine Bewegungen in Stärke und Tempo variiert, mehr Erregung aufbauen. Sein Orgasmus wird dann meist auch um einiges stärker. Wenn Männer mechanisch stoßen (oder pumpen) ist quasi weniger drin. Und: Für einen älteren Penis reicht es dann vielleicht nicht mehr aus für eine haltbare Erektion. 

Ist Sex für gleichgeschlechtliche Paaren eigentlich leichter?

Zumindest kennt man schon mal das Geschlecht, mit dem man zu tun hat, nämlich das eigene. Das kann sexuell ein großer Vorteil sein. Zum Beispiel höre ich öfter, wie zwei schwule Männer simultanes Masturbieren betreiben, wenn ich es so nennen darf. Sie wollen beide unbedingt zum Orgasmus kommen. Bei lesbischen Frauen kommt es wohl häufiger vor, dass die Lust abhandenkommt.

Aber wieder – und das ist mir sehr wichtig: Jedes Paar ist anders und was ich hier berichte, gilt weder für alle homosexuelle Paare, noch für alle anderen. Jedes Paar hat seine Eigenarten.

Sagen wir mal, ich habe trotzdem eine nicht zufriedenstellende Situation beim Sex. Wie kann ich das dem Partner am besten sagen?

Da gehe ich zurück zum kleinen Mädchen, das sich gerade selbst entdeckt und sich ganz stolz zeigt. Fast jedes kleine Mädchen findet sich und ihren Körper toll, inklusive das Genital. Und sollte ein Recht auf Spaß mit dem eigenen Körper haben. Da könnte man der Kleinen schon sagen: "Mensch, was hast du denn da Tolles?! Das ist ja hübsch!". Damit fängt es an.

Und wenn ich dieses Alter leider schon hinter mir habe?

In diesen "MeToo"-Zeiten, geht es um eigene Grenzen, und darum, dass eine Frau sich traut, diese standfest zu äußern. Nämlich dann, wenn sie spürt, dass sich etwas nicht gut anfühlt. Das können auch nicht-sexuelle Momente sein: der Abwasch, den sie immer wieder allein macht oder welcher Kinofilm geguckt wird, aber auch, wann oder wie sie berührt wird. Keine Frau, die nie etwas gesagt hat, liegt im Bett und sagt "Stopp, das will ich nicht!" Sie sollte also bei viel kleineren Dingen anfangen. Wenn sie in sich hineinhorcht und spürt, "das habe ich noch nie wirklich gemocht", sollte sie das sagen.


Today

Lewis Hamilton entschuldigt sich für hämisches Video über seinen kleinen Neffen

Es war witzig gemeint: Das Video, das Formel 1-Fahrer Lewis Hamilton über Weihnachten als Story auf Instagram veröffentlichte, zeigt seinen Neffen, der ein Prinzessinnenkleid trägt.

Hamilton sagt darin: "Ich bin gerade traurig. Schaut euch meinen Neffen an." Dann schwenkt er zu dem kleinen Jungen in seinem Kleid, der außerdem einen Zauberstab in der Hand hält.