Bild: Sarah Diniz Outeiro / Unsplash

Margot und Robert lernen sich im Kino kennen, sie flirten, schreiben sich, haben irgendwann auch ein erstes Date – und landen miteinander im Bett. Keine besonders ungewöhnliche Geschichte. Doch der Sex ist richtig schlecht. Findet zumindest Margot. Und sie schildert diese Erfahrung auf eine so ehrliche Art, dass sich darin sehr viele Menschen wiedererkennen. 

Margot und Robert sind nicht echt. 

Sie sind fiktive Figuren und stammen aus der Kurzgeschichte "Cat Person" von Kristen Roupenian. Vor wenigen Tagen wurde sie im Magazin The New Yorker veröffentlicht, seither wird wie wild diskutiert und kommentiert - besonders auf Twitter.

Denn schlechter Sex und die damit verbundenen Gefühle sind keine Seltenheit. Die Reaktionen auf die Geschichte von Margot und Robert zeigen: Über die Art, wie Frauen Sex erleben, wird noch immer nicht genug gesprochen. Dabei herrscht offenbar sehr großer Gesprächsbedarf.

Die Art, wie Margot das Flirten, das Date, den Sex und am Ende auch die Abspaltung von Robert beschreibt, ist schonungslos – und für viele Menschen ein Spiegel ihrer Dating-Erfahrungen.

Hier ist eine Kurzfassung der Story: 

Margot ist 20 Jahre alt und Studentin, Robert ist etwas älter. Wie alt, weiß sie nicht. "Sie findet ihn süß. Nicht so süß, dass sie bei einer Party zu ihm hinübergehen würde, aber schon süß genug, dass sie sich in einer langweiligen Vorlesung eine kleine Romanze mit ihm vorstellen würde." Was Margot gefällt: Robert ist groß und tätowiert. Was ihr weniger gefällt: Er hat ein bisschen Bauch, der Bart ist "etwas zu lang", die Haltung leicht nach vorne gebeugt.

Trotzdem findet sie ihn attraktiv.

Bald fragt er nach ihrer Telefonnummer. Die beiden schreiben hin und her, hauptsächlich Witze, sie wissen kaum etwas Persönliches übereinander. Doch bei Margot entsteht eine Verliebtheit, eine Vorstellung von Robert und eine aufgeregte Spannung. 

Es war ein schrecklicher Kuss, schockierend schlecht.
Margot

Irgendwann haben sie ein richtiges Date. Das läuft ziemlich schlecht, Robert verhält sich merkwürdig, Margot hat das Gefühl, an der angespannten Stimmung schuld zu sein. Sie will ihm ein besseres Gefühl geben, stellt viele Fragen, schmeichelt ihm, obwohl er sich die ganze Zeit ein wenig über sie lustig macht. Es funktioniert. Und es kommt zum ersten Kuss: 

"Er machte eine Art Satz auf sie zu und versenkte seine Zunge in ihrem Hals. Es war ein schrecklicher Kuss, schockierend schlecht." 

Trotzdem löst es in ihr irgendwie ein zärtliches Gefühl für ihn aus: Er ist so tollpatschig und sensibel – da will sie ihm nicht auch noch seine schlechten Kuss-Fähigkeiten zum Vorwurf machen.

Manchmal geht es bei schlechtem Sex auch um rein biologische Fragen. Die beantworten wir in der Reihe "Vögelkunde":
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Margot schwankt im Laufe des Abends zwischen Ernüchterung und Zuneigung. Und "beim dritten Bier denkt sie darüber nach, wie es wohl wäre, Sex mit Robert zu haben. Vermutlich wäre es wie der schlechte Kuss, unbeholfen und viel zu exzessiv. Aber als sie sich vorstellt, wie aufgeregt er sein würde, wie hungrig er wäre und wie sehr er sie beeindrucken wollen würde – da fühlt sie ein kleines Ziepen der Lust in ihrem Bauch."

Er will sie nach Hause bringen, doch sie trifft eine Entscheidung: Sie will mit ihm schlafen – und geht mit ihm nach Hause. 

Doch leider läuft es auch dort ziemlich bescheiden. Schon als Robert sich auszieht, merkt Margot, wie ihre Lust schwindet: "Als sie ihn so ansah, merkwürdig nach vorne gebeugt, sein Bauch dick und weich, mit Haaren bedeckt, schreckte Margot zurück." 

Aber: "Jetzt zu beenden, was sie eben initiiert hatte, würde viel mehr Taktgefühl und Sensibilität erfordern, als sie gerade aufbringen konnte." Also zieht sie es lieber durch, als Roberts Stolz zu verletzen.

Der Sex ist furchtbar.

Robert zieht eine vorgefertigte Choreografie der Stellungen durch, nichts davon ist schön für Margot. Doch bei der kleinsten negativen Regung ihrerseits wird er kühl und distanziert. Also sagt sie nichts. Stattdessen kämpft sie abwechselnd mit Gefühlen der Abneigung und dem Verlangen, über die Absurdität ihrer Situation laut zu lachen.

Hinterher will sie einfach nur nichts mehr mit Robert zu tun haben. Als sie ihm das schreibt, reagiert er zunächst verständnisvoll – bevor er sie mit verletzten Nachrichten bombardiert und als Hure beschimpft.

Es zeigt die Art, wie viele Frauen – vor allem junge Frauen – sich durch die Welt bewegen.
Autorin Kristen Roupenian
Der Text kommt genau zur richtigen Zeit. 

Durch #MeToo sind die Stimmen von Frauen momentan etwas lauter als zuvor, vor allem wenn es um Sexualität geht. Klar: In "Cat Person" geht es nicht um einen sexuellen Übergriff, alles geschieht einvernehmlich. 

Aber in den Augen vieler Menschen verdeutlicht die Geschichte ein anderes Problem. Die Autorin Kristen Roupenian sagte in einem Interview:

"Es zeigt die Art, wie viele Frauen – vor allem junge Frauen – sich durch die Welt bewegen: niemanden wütend machen, sich für die Gefühle anderer Menschen verantwortlich fühlen, sich sehr viel Mühe geben, alle um sich herum glücklich zu machen. Es ist ein reflexives und selbstschützendes Verhalten. Und es ist anstrengend." (Guardian)

Hast du auch schon ähnliche Situationen erlebt?

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Margot geht in diesem Verhalten sogar so weit, dass ihr richtig schlecht wird vor Ekel. An einer Stelle heißt es: 

Sie stellte sich die Situation aus der Vogelperspektive vor: Sie, nackt und ausgestreckt, mit einem dicken alten Mann über ihr, der seine Finger in sie steckt – und ihre Abneigung gegen ihn wurde zu Ekel vor sich selbst.
Die Reaktionen auf den Text sind erwartbar unterschiedlich. 

Viele Frauen bedanken sich lautstark für eine so ehrliche Erzählung, die ihre eigenen Erlebnisse widerspiegelt. 

Doch manche lesen die Geschichte völlig anders.

Sie sehen in der fiktiven Margot eine selbstbezogene Göre, die falsche Entscheidungen trifft und dabei sich auch noch über den Körper des Mannes lustig macht. 

Vor allem letzteres taucht in sehr vielen Tweets als Kritik auf. Eine Twitter-Nutzerin schreibt dazu: "Der weibliche Blick [auf den männlichen Körper] ist nicht immer schmeichelnd. Kommt damit klar."

Immerhin gäbe es ja genug Beispiele für Bücher und Filme, in denen sich Männer genauso oder schlimmer gegenüber Frauen verhalten:

Ein extra eingerichteter Twitter-Kanal sammelt währenddessen männliche Reaktionen auf "Cat Person". Hier ist ein Beispiel:

Wieder andere sehen die Geschichte als Beispiel dafür, dass wir im Bett viel mehr darauf achten sollten, was unser Gegenüber (oder Drunter/Drüber) eigentlich möchte. Auch hier sehen viele Leute Frauen im Nachteil. Sie würden häufig zurückstecken, während Männer ihr Programm durchziehen – so der Tenor vieler Tweets.

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Future

Die Bundesregierung drückt sich davor, das Bafög zu erhöhen
Im neuen Bafög-Bericht wird das Thema bewusst ignoriert.

Am Mittwoch hat die Bundesregierung ihren neuen Bafög-Bericht veröffentlicht – mit fast zwei Jahren Verspätung. Der Bericht schlüsselt auf, wie viel Bafög in den Jahren 2012 bis 2016 ausgezahlt wurde und wie die Studenten damit klarkommen. (Hier kannst du ihn lesen)

Außerdem geht es in dem Bericht um die Frage: Soll das Bafög erhöht werden?
Die Antwort: 
Nein, nicht wirklich. Zumindest jetzt nicht.