Ich dehne die Ärmel meiner Jacke, sodass sie meine Eishände vollständig bedecken, kurz vor neun. Ich betrachte den Boden. Wann habe ich beschlossen, diesen Scheiß mitzumachen? 

Wir stehen seit zwei Stunden vor der Tür eines neuen Ladens im Hamburger Karoviertel, Sonntag, minus zwei Grad. 

Das machen wir, weil wir hier einen Cheeseburger mit Süßkartoffelpommes und Trüffelmayo bestellen wollen. Auf dieselbe Idee sind fünfzig andere gekommen, sie stehen in Paaren hintereinander. Klassenreise.

Ich führe ein Leben mit katastrophal kleinen Freizeitfenstern, deswegen bin ich häufig ungeduldig und lege wenig Wert auf aufwendig Kochen. Für das Instagram-Menü nehme ich allerdings gerade in Kauf, zu erfrieren.

Schließlich ist dieses Geschäft der Grund, weshalb meine Timeline nur noch aus saftigen Rindfleischbuletten auf Schieferplatten besteht. Da musst du hin, meinten Freunde, Kollegen, all jene, von denen man weiß, dass sie die Stadt kennen. Wenn Süßkartoffelpommes, dann die. Rein geschmacklich, du wirst ausrasten. Die Räume, stylisch. 

Das alles klang verblüffend. Also hin.

Die Länge der Schlange geht bis auf die Straße. Wir sind irritiert, lassen uns aber nicht abbringen. Muss der Knüller sein, so viel, wie hier los ist. Wir stellen uns an. Die anderen unterhalten sich schon.

Da sind Marc und Elsa, zwei vor uns, die die anderen mit der Behauptung anstacheln, sie hätten alle Burgerläden getestet, dieser sei es.

Da ist die halbe Fußballmannschaft, die sich ohne Pause schon mal ein erstes Bier von drinnen holt, woran der Laden heute Abend am besten verdient. 

Da sind Christian und Leo in bunten Sneakern, die bestimmt kreative Berufe haben und genau diese schönen Fotos posten: Essen auf Schieferplatten. 

Und dann ist da das Paar, das ein Geheimnis kennt. Es gebe eine Namensliste, und wer draufstehe, der komme schneller rein. Eine Information, bei der die Stehenden unruhig werden und ein bisschen drängeln. Dieser Laden muss keine Werbung machen.

Nach einer Stunde wissen wir voneinander die Vornamen, Reden hilft gegen Frieren. 

Und obwohl öfter mal jemand sagt, die Warterei ist absurd!, bleiben wir stehen. Selbst, als einer bei einem anderen Burgerladen anruft, der noch einige Plätze frei hat: Niemand geht rüber.

Es ist paradox. Je länger wir stehen, desto mehr sind wir bereit, noch länger zu stehen. Das Warten wird zum Statussymbol und ist vielleicht auch ein Stück urbane Arroganz: Wir wissen, was wirklich gut ist, und dafür opfern wir unser kostbarstes Gut. Zeit.

Angesagte Restaurants, Clubs, wir warten davor, auch wenn es quält. Nicht nur, damit wir mitreden können. Sondern auch, weil die Hoffnung auf den Glücksmoment, auf die Befriedigung der Sinne nach fünf Tagen Bürostuhl, zu verlockend ist, als dass sich ausscheren ließe. Die Woche war hart genug, und um uns davon freizukaufen, sind wir bereit, anzustehen.

Ich weiß, dass ich Menschen auslachen würde, die wegen Fleisch im Brötchen zwei Stunden warten. Jetzt bin ich selbst so ein Mensch. 

Schon nach zehn Minuten dachte ich einigermaßen genervt, dass ich immerhin schon zehn Minuten gewartet habe. Aber da waren wir halt schon mal da. 

Es ist so kalt, dass der Atem dampft.

Etwas später und ich dampfe nicht nur, ich spucke auch noch. Warum palabern alle von ach so tollen Burgern, und keiner von diesem Zirkus hier? Hätte ich mich angestellt, wenn mir einer gesagt hätte, wie lange es dauert?

Es brüllt von hinten. Vorrücken!, und bei dem Gedanken an den nächsten Platz in der Schlange werde ich wieder etwas milder. Man rückt. 

Die Tür geht auf, zwei raus, Marc und Elsa rein, jetzt sind wir die Ersten. Das Gefühl müssen wir erst mal sacken lassen. Triumph, Triumph! 

Als wir reingebeten werden, fühle ich meine Füße nicht mehr, egal. Ich habe mich selbst übertroffen, überlebt, und jetzt gehöre ich endlich auch zum Kreis der Burgerladengeschichtenerzähler.

Die Bulette auf Schiefer wird serviert. Sie trieft. 

Ich beiße in den Burger und mir fällt wirklich kaum etwas ein, was ich davon erzählen soll. 

Ich schmecke normales Fleisch, normale Cola, okaye Mayonnaise. Es ist stickig und eng, einer rammt unseren Tisch, die Fußballjungs schwitzen. Am Nebentisch macht Elsa Fotos für Instagram. Nahaufnahmen, die Totale von hier gäbe kein Like.

Draußen, uns im Nacken, stehen neue fünfzig, die auch reinwollen, weswegen wir schlingen. Der Kellner bringt schon mal die Rechnung, entschuldigt, heute ist voll, nach dreißig Minuten ist alles vorbei.

Ich habe eines meiner katastrophal kleinen Freizeitfenster geopfert, denke ich, weine ich, und ich schwöre, nie wieder warten, ich werde den Leuten die Wahrheit erzählen. Das Eis im Colaglas ist noch ganz, noch überhaupt nicht geschmolzen, letzter Schluck, gegen den Kloß im Hals.


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Giuliana Farfalla ist das erste Transgender-Model auf dem deutschen Playboy-Cover

Auf dem Cover des deutschen Playboys hat Giuliana Farfalla viele prominente Vorgängerinnen. Seit 45 Jahren ziehen sich mal mehr, mal weniger bekannte Frauen hierzulande für das Männermagazins aus. Dennoch ist Farfallas Striptease eine Premiere: Sie ist die erste Transsexuelle auf dem Cover der deutschen Ausgabe.

Geboren wurde Giuliana vor 21 Jahren als Junge in Baden-Württemberg. "Ich habe das relativ früh gemerkt, dass ich im falschen Körper geboren wurde", erzählt sie in einem Interview. Unterstützung bekam sie in dieser Zeit vor allem von ihrer Mutter. Vor einiger Zeit erfolgt dann die Geschlechtsangleichung. (RTL)