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Immer mehr junge Menschen leiden unter Schlafstörungen. Warum?

Adrians Wecker zeigt zwölf Uhr an. Morgen muss Adrian früh aufstehen und seine Schicht als Fachverkäufer beginnen. Doch um Mitternacht ist er noch hellwach. 

So ging es dem 21-Jährigen in seiner Ausbildungszeit häufig: "Ich denke mir in solchen Momenten: Ich muss jetzt endlich schlafen. Ich lege mich hin und dann drehe ich mich im Bett. Ich mache mir einfach selbst so viel Druck beim Versuch einzuschlafen, dass es nicht geht."

Adrian leidet an Schlafstörungen. Eine Datenerhebung der Kaufmännischen Krankenkasse KKH zeigt: Die 19- bis 29-Jährigen schlafen zunehmend schlechter. 

Der Anteil mit ärztlich diagnostizierten, nicht organisch bedingten Schlafstörungen hat sich in dieser Altersgruppe laut der Datenerhebung von 2007 bis 2017 fast verdoppelt (Kaufmännische Krankenkasse). 2017 litten demnach 2,4 Prozent der bei der KKH Versicherten im Alter von 19 bis 29 Jahren an Schlafstörungen. Dabei dürfte die Dunkelziffer noch höher ausfallen, heißt es in der Pressemitteilung. Nicht jeder, der an Schlafmangel leidet, sucht auch einen Arzt auf.

Viele Deutsche plagt schlechter Schlaf. Insgesamt hat jeder Dritte Probleme damit, schnell einzuschlafen oder wacht regelmäßig nachts auf (Robert-Koch-Institut). Hans-Günter Weeß leitet die schlafmedizinische Abteilung am Pfalzklinikum in Klingenmünster und ist zudem im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. Er sagt, man spreche bei etwa 6 Prozent der Deutschen von medizinisch definierten Schlafstörungen. 

In dem Teufelskreis, den Adrian beschreibt, finden sich viele Betroffene wieder, sagt Weeß. Obwohl ihnen die Augen vor Müdigkeit zufallen, können sie abends nicht einschlafen. "Wer schlafen will, bleibt wach, weil dieser Druck, schlafen zu müssen oder zu wollen, wiederum zu einer schlafverhindernden Anspannung führt", sagt Weeß. 

Seit er zwölf Jahre alt ist, fällt es Adrian schwer, Schlaf zu finden.

(Bild: Privat)

Als Jugendlicher schaltete er seinen Fernseher an, bevor er schlafen ging. Durch die Geräuschkulisse wachte er oft auf. Heute braucht er das Flimmern und die Stimmen, um überhaupt ein Auge zuzumachen.

Doch warum steigt ausgerechnet die Zahl der jüngeren Betroffenen? 

Die Hauptursache für Schlafstörungen sei, dass Betroffene ihr Gedankenkarussell nicht stoppen können, sagt Weeß. Daran sei auch das Smartphone schuld, sagen sowohl Weeß als auch die KKH, die die Studie veröffentlicht hat (KKH).

Ein Grund ist, dass die jüngere Generation immer mehr im Stand-By-Modus lebt. Tablet und Handy sind immer an, dadurch bin ich immer im Bereitschaftsdienst.
Dr. Hans-Günter Weeß

So ist es auch bei Adrian. Wenn er ins Bett geht, läuft nicht nur der Fernseher: "Ich durchstöbere Facebook, schreibe noch ein bisschen WhatsApp", sagt Adrian. Und er liest Nachrichtenseiten. "Ich merke, dass ich wach bleibe, weil ich Artikel lese, die mich zum Nachdenken bringen."

Wenn wir das Smartphone mit ins Bett nehmen, schalten wir nicht ab – und das hat negative Auswirkungen auf unseren Schlaf. Die ständige Erreichbarkeit führe zu Anspannung, dem größten Feind des Schlafs, sagt Weeß. Wir schlafen deswegen nicht mehr tief, werden öfter durch das Summen des mobilen Schlafbegleiters wach und erholen uns dadurch weniger.

Adrian spürte die Auswirkungen seiner Schlafstörungen beim Arbeiten.

Seine motorischen Fähigkeiten nahmen ab, er hatte Schwierigkeiten zu laufen. Auch das Lösen von einfachen Matheaufgaben fiel ihm schwer: "Zwei Minuten lang glotzt man dann einfach nur irgendwohin und der Kopf ist total leer."

Wir müssen tatsächlich so viel schlafen, wie es die Gene fordern. Denn wenn man das nicht tut, hat es negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit, auf unser psychisches Befinden und unser Leistungsvermögen.
Dr. Hans-Günter Weeß

Man habe Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und schlafe in monotonen Situationen eher ein, sagt Weeß. Dadurch mache man mehr Fehler: "Auf deutschen Straßen sterben beispielsweise doppelt so viele Menschen in Folge von Sekundenschlaf, also Schlafmangel, als infolge von Alkohol am Steuer", sagt Weeß (DSGM). Wer 17 Stunden ohne Unterbrechung wach ist, ist so leistungsfähig wie nach zwei Gläsern Wein – also eigentlich nicht mehr fahrtüchtig (Klinikum für Schafmedizin)

Chronische Folgen der Schlafstörung können die Betroffenen ein Leben lang plagen. 

So steige zum Beispiel das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, sagt Weeß. Aber auch das Risiko für Stoffwechselerkrankungen sei höher. Das Risiko für depressive Störungen verdopple sich sogar, sagt Weeß. 

Eine weitere Ursache für Schlafstörungen ist Stress. Gerade in der Altersgruppe der 19- bis 29-Jährigen sei der gestiegen, Weeß nennt es gesellschaftlichen Stress. Dichtgepackte Bachelor- und Masterstudiengänge erhöhen den Druck auf Studierende. Außerdem versuchen die jungen Erwachsenen, alles unter einen Hut zu bekommen: Arbeit, Familie, Hobbys.

Diesen Druck spürte auch Adrian: Als er drei Wochen lang eine Abteilung übernehmen musste, bekam er Angst, den Anforderungen nicht gerecht zu werden. 

Durch die Versagens- und Zunkunftsängste schlief er schlechter, das wirkte sich wiederum auf seine Performance auf der Arbeit aus. 

Adrian ging oft zum Arzt und ließ sich krankschreiben, irgendwann gaukelte er andere Krankheiten vor. Die Krankheitstage sind in Adrians Zeugnis vermerkt. Er fürchtete, dass sein Chef deshalb seine Ausbildung beendet. 

Um besser schlafen zu können, nehmen viele Betroffene Schlaftabletten: "Kurzfristig kann das auch mal Sinn machen", sagt Weeß. Doch Schlaftabletten wirken nur symptomatisch und bekämpfen nicht die Ursache. Außerdem haben die Tabletten noch einen weiteren Nachteil: "Sie können zu Gewöhnung und Abhängigkeit führen", sagt Weeß.

Adrian hat eine andere Methode gefunden: Eine Art Meditation, die er sich über Kopfhörer anhört. Dabei unternimmt man eine Traumreise und soll Gedanken loslassen. Manchmal gelingt Adrian das.

Experten-Tipps für besseren Schlaf:

Statt Tabletten hat Hans-Günter Weeß andere Tipps. Diese haben vor allem ein Ziel: dass Betroffene Anspannung und Stress fallen lassen und sich entspannen.

  • Man sollte innerlich eine Stunde vor dem Schlafengehen Feierabend machen. Das bedeutet, dass man mit dem Tag abschließt, zum Beispiel, indem man ein Tagebuch führt.
  • Auch entspannende Musik, ein warmes Bad oder ein Buch helfen dabei, zur Ruhe zu kommen. Auf Sport und schwere Mahlzeiten kurz vor dem Zubettgehen sollte man hingegen verzichten.
  • Verhindern sollte man, vor dem Fernseher oder Netflix einzuschlafen. Wer den Fernseher sogar die Nacht über durch laufen lässt, gleitet durch die Geräuschkulisse nur selten in erholsame Schlafstadien. 
  • Besonders wichtig: Das Smartphone, Tablet oder den PC eine Stunde vor dem Schlafen zur Seite zu legen. Instagram, Facebook und YouTube wühlen nämlich emotional auf und können verhindern, dass wir schnell einschlafen. Auch das blaue Licht der Geräte spiele eine Rolle. Es unterdrückt die Produktion von Melatonin, einem Schlafbotenstoff. 
  • Wer über längere Zeit hinweg Schlafprobleme hat, dem rät Weeß, einen Arzt aufzusuchen. Der Hausarzt könne dann im Bedarfsfall an ein Schlaflabor überweisen. 

Gerechtigkeit

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Katharina Isabel Franke, 28, lebt in Roetgen. Sie ist Historikerin und Lokaljournalistin. Wir haben mit ihr über Geschichte, Gegenwart und Verantwortung gesprochen.