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Hallo. Mein Name ist Carolina und ich bin Trennungskind. 

Als ich elf Jahre alt war, haben sich meine Eltern scheiden lassen. Ich war gerade in die fünfte Klasse gekommen. Meine Mutter bat meinen neuen Klassenlehrer, ein Auge auf mich zu haben: Verhaltensauffälligkeiten bitte sofort melden. 

Sie kamen nicht.

Trotzdem fühlt es sich manchmal an, als müsste ich längst eine Selbsthilfegruppe aufgesucht haben – als wäre es Zufall, dass es mir gut geht, dass ich überhaupt lebensfähig bin, obwohl meine Eltern nicht mehr zusammen sind. Denn alles spricht dafür: Es steht nicht gut um Trennungskinder wie mich. 

Forschungen zeigen, dass ich aufgrund der Scheidung meiner Eltern zu allen möglichen Risikogruppen gehöre:

  • Wir Trennungskinder laufen Gefahr, schlechtere Noten zu haben. 
  • Wir werden öfter krank. 
  • Wir sind anfälliger für Depressionen. 
  • Wir schlagen uns öfter mit Schuldgefühlen und Loyalitätskonflikten herum. 
  • Und: Trennungskindern fällt es schwerer, langfristige und stabile Beziehungen aufzubauen.

Die Artikel, aus denen ich das erfahren habe, tragen Überschriften wie diese hier:

  • "Papa hat dich nicht mehr lieb" (SPIEGEL PLUS)
  • "Eltern-Kind-Entfremdung: Als wären sie nie da gewesen" (Zeit Magazin)
  • "Das Gefühl, wie ein Paket an der Haustür überreicht zu werden" (SPIEGEL PLUS)
  • "Hilfe für Trennungskinder: 'Kinder leiden ganz unterschiedlich'" (Augsburger Allgemeine)  

Und als ich dachte, schlimmer könnte es nicht kommen, lese ich diese Schlagzeile:

  • "Scheidungskinder bekommen leichter einen Schnupfen." (Welt.de)

Na toll. Alle sind sich einig: Trennungskinder sind richtig arme Würstchen. Und wenn es doch einigermaßen läuft, kann das im besten Fall auf Schadensbegrenzung zurückgeführt werden. 

Weil ich mich so gar nicht in diesen Beschreibungen wiederfinde (und auch nicht sonderlich anfällig für Schnupfen bin), mache ich mich auf die Suche nach anderen Perspektiven. Denn ich glaube sogar, dass ich aus den Erfahrungen meiner Kindheit viel lernen konnte. 

Kann es denn nicht sein, dass Kinder aus einer Trennung auch Vorteile ziehen? 

Ich frage Claus Koch – Autor, Psychologe und Leiter des Pädagogischen Instituts Berlin. Im August erscheint sein Ratgeber zu dem Thema, wie Trennungskinder und ihre Eltern nach der Scheidung wieder glücklich werden können. Und er sagt: Belastbare wissenschaftliche Untersuchungen dazu, dass Scheidungen auch positive Effekte haben könnten, gäbe es nicht.

Doch der Grund dafür ist auch: Es fragt einfach niemand danach.

Das Problem läge nämlich auch in den methodischen Voraussetzungen von Studien: Abgefragt werden in Interviews und Fragebögen etwaige negative Konsequenzen einer Trennung, aber nicht die positiven.

Und da frage ich mich: Warum denn eigentlich nicht?

Ist es so schwer vorstellbar, dass die Trennung der Eltern sich letztlich auch positiv auswirken kann? Dass Trennungskinder Nicht-Trennungskindern aufgrund ihrer Erfahrung vielleicht sogar etwas voraus haben könnten?

Claus Koch hält diese These nicht für ausgeschlossen: "Entscheidend dürfte auch hier sein, wie die Eltern mit der Trennung und den Konsequenzen für ihre Kinder umgegangen sind", erklärt er. Wichtig seien etwa ein empathischer und einfühlsamer Umgang mit den Kindern, ein freundliches und respektvolles Miteinander der Eltern, auch nach der Scheidung. Dann könnten Trennungskinder durchaus etwas aus der Trennung ihrer Eltern 'lernen' und solchen Erfahrungsschatz in ihre späteren Beziehung produktiv einbringen. Das könnte so aussehen:

„Sie sprechen Konflikte offener an, sie reagieren sensibler auf Verlustängste des anderen, gehen respektvoller miteinander um, weil sie nicht möchten, dass sich auch für sie – und ihre Kinder – die damals als leidvoll erlebte Trennungssituation wiederholt.“
Claus Koch, Psychologe

Meine Eltern haben nach ihrer Trennung kein schlechtes Wort übereinander verloren. Sie sind respektvoll miteinander umgegangen und es war ihnen wichtig, dass wir gleichermaßen Kontakt zu ihnen haben. Ihnen war klar, dass wir sie beide brauchen. Und ich glaube, dass ihre Trennung mich einiges gelehrt hat.

Für mich sind Beziehungen nicht selbstverständlich. Es mag sein, dass ich mich schwerer damit tue, einfach drauflos zu lieben – aber dafür tue ich es sehr bewusst. Ich versuche direkt und offen zu kommunizieren und in Streitgesprächen fair zu bleiben.

Ich hinterfrage Beziehungsmuster, ich hinterfrage meine Ansprüche an meinen Partner und auch die Ansprüche meines Partners an mich. Wie möchte ich eine Beziehung führen? Wie möchte ich lieben und wie möchte ich geliebt werden? 

Ich habe gelernt, dass Familie sich nicht über den Beziehungsstatus der Eltern definiert. Mein Vater, meine Mutter, meine Schwester und ich haben einen gemeinsamen Familien-Chat. Meine Eltern sind beide Teil der großen Familien-WhatsApp-Gruppe mit 12 Mitgliedern, inklusive Tanten und Onkel, Cousinen und Cousins. Meine Mutter telefoniert immer noch mit der Schwester meines Vaters, mein Vater hat immer noch Kontakt zu dem Bruder meiner Mutter. Warum auch nicht? Beziehungsgefüge lösen sich schließlich nicht in Luft auf, nur weil zwei Menschen von vielen beschließen, getrennte Wege zu gehen. Familien müssen nicht "zerbrechen" – man kann sie auch neu ordnen. 

Die wenigsten werden wohl behaupten, dass die Trennung der Eltern zu den schönsten Kindheitserinnerungen zählt. Auch ich behaupte das nicht. Und natürlich ist es wichtig, Scheidungen und die ganze Problematik, die sie mit sich bringen können, zu thematisieren. Aber welchem Kind geschiedener Eltern ist geholfen, wenn immer nur darüber geredet wird, dass sein Immunsystem schwächer als das anderer Kinder ist und es womöglich selbst mal eine verkorkste Beziehung führen wird? 

Warum nicht einen Perspektivwechsel wagen und sich mal anschauen, was auf der Habenseite steht? Man kann ja immerhin mal danach fragen. 


Gerechtigkeit

Was will die Polizei auf der Fusion? Stress ohne Grund

Nach mehr als 20 Jahren drohen die Veranstalter des Fusion-Festivals mit dem Aus: Die Polizei will aufs Gelände – ohne großen Anlass, einfach so, mit einer "mobilen Wache". Beamtinnen und Beamten sollen zwischen Bühnen und Zelten patrouilleren, wie bei anderen Festivals dieser Größenordnung auch.

Nun lässt sich die Fusion kaum mit anderen Musikfestivals vergleichen. Man ist dort stolz auf ein friedliches Miteinander, ganz ohne polizeiliche Aufsicht. Das Ansinnen der Staatsmacht ist deshalb für sie eine Provokation. Wozu Polizei, wenn niemand sie gerufen hat?

Ein Problem war die fehlende Präsenz auf dem Gelände bislang offenbar nicht. Besucherinnen und Besucher sind zufrieden und Veranstalterinnen und Veranstalter glücklich. Auch die Polizei hatte bisher wenig auszusetzen: Jahr für Jahr zog sie eine positive Bilanz. Im Schnitt verzeichnete sie in den vergangenen Jahren 2,5 Gewaltdelikte – erstaunlich wenig für eine Massenveranstaltung mit rund 70.000 Menschen.