"Ich kam mir bei jedem Schritt wie ein Perverser vor."

Es gibt Lehrer, die haben panische Angst davor, Schüler in der Freizeit zu treffen. Ich bin da mittlerweile ganz cool, denn ich habe schon fast alles hinter mir. Sonst könnte ich auch gar nicht vor die Tür – schließlich wohne ich mit den Schülern in einem Viertel.

Sie haben mitbekommen, wie ich meine Kinder anschrie, weil sie sich nicht anziehen wollten; sie waren dabei, als ich mich mit meiner Frau über die Größe des Weihnachtsbaums bei Ikea stritt, sie haben mich beim Popeln im Auto erwischt.

Neulich kam ein Samstag, wo ich keine Schüler treffen wollte

Für mich ist Schülerzählen wie ein Hobby: Neun Schüler, eine Ehemalige und drei Mütter, so lautet zum Beispiel meine Bilanz nach einem normalen Samstag auf dem Wochenmarkt. Ich weiß mittlerweile sogar schon vorher, in welchem Zeitraum ich wo wie viele Schüler treffe.

Doch neulich – es war an einem Samstag – da wollte ich wirklich keine Schüler, vor allem keine Schülerin, treffen. Das Event war von langer Hand geplant: Die Kinder waren bei Opa deponiert und die Einkäufe erledigt. Seit Wochen sehnte ich diesem Tag entgegen, an dem ich endlich den Saunagutschein, den ich zum Geburtstag bekommen hatte, einlösen konnte.

Plötzlich steht eine Schülerin in der Sauna vor mir

Aber bereits nach dem ersten Aufguss war es vorbei mit der Entspannung: Plötzlich steht eine Schülerin vor mir, zum Glück wie ich in ein Handtuch gewickelt. Neben ihr eine Frau, die ihr ähnlich sieht – auch im Handtuch. Sie schaut mich durchdringend, wie einen Triebtäter an. "Woher kennst du diesen Mann?", bedeutet sie ihrer Tochter mit einem strengen Blick.

Vielleicht hätte ich etwas sagen sollen wie: "Gestatten, ich bin Herr Soundso. Das ist jetzt echt eine blöde Situation. Ich schlage vor, wir sind jetzt eine Stunde in der Finnen-Sauna und ihr beim Aufguss. Um Punkt fünf wechseln wir." Aber dafür war ich einfach zu perplex. Zuerst wollte ich gehen, denn vom Aufguss bis zum Eisbad, früher oder später würde ich das Handtuch abnehmen müssen.

Früher war alles besser: Finnische Sauna in den 1950ern.(Bild: Getty Images)

Für Nichtlehrer ist das vermutlich schwer zu verstehen, vielleicht bin ich auch zu verklemmt, aber nackte Schülerin und nackter Lehrer – das geht überhaupt nicht. Die Mädchenumkleide in der Sporthalle ist ein großes Tabu, bauchfreie T-Shirts sind an vielen Schulen verboten. Allein die Frage, ob man einen Schüler, den man sieben Jahre lang begleitet hat, bei der Abi-Entlassung umarmen dürfe, hat schon zu hitzigen Diskussionen geführt.

Ich konnte mich nicht mehr entspannen

Andererseits hatte ich mich zu sehr auf diesen Tag gefreut. Wann würde ich wieder einen Saunagutschein bekommen und wann hätte Opa, der selbst noch arbeitet, wieder Zeit, die Enkel fünf Stunden lang zu nehmen? Nein, ich wollte mir diesen Tag nicht verderben lassen und versuchen, damit ganz natürlich umzugehen. Die Schülerin verkroch sich hingegen komplett im Ruheraum, fest in ihr Handtuch gewickelt.

Aber mein empathiegeschädigtes Lehrerhirn hatte mir den Spaß verdorben: Ich konnte einfach nicht mehr entspannen, während die Schülerin in ihrem Kokon saß. Außerdem kam ich mir bei jedem Schritt ohne Handtuch auf einmal wie ein Perverser vor. Ich nahm noch einen letzten Aufguss mit und traf mich anschließend mit meiner Frau im Ruheraum. "So Schatz, dann gehen wir also nach Hause!", verkündete ich lautstark und überließ der Schülerin das Feld.

Der Autor ist Lehrer an einem Gymnasium. Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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