Bild: Getty/Scott Barbour
"Rosa war mein Schlachtfeld geworden." 

Als ich noch keine Kinder hatte, war ich eine sehr konsequente Mutter – in meiner Vorstellung. Wann immer ich Mädchen im rosa Paris-Hilton-Prinzessinnen-Look sah, dachte ich mir: "So wird das bei mir nicht."

Einfach nicht kaufen, dachte ich. Einfach nicht mitmachen. Verwandte und Freunde bat ich um das Gleiche. Ich shoppte ausgiebig in Jungsabteilungen und versuchte, trotzdem geschenkte Glitzerlippenstifte zu verstecken. Mein Kreuzzug gegen einen Plüsch-Chiwawa – komplett mit rosa Anziehsachen, Kämmen, kleinen Spangen und allen anderen Fütter- und Kümmerutensilien – ist legendär. Ich war sehr rigoros in meiner Ablehnung.

Rosa war mein Schlachtfeld geworden.

Ich hatte natürlich nichts gegen die Farbe an sich. Sondern gegen das, wofür sie steht: Rosa dringt früh ein in die Mädchenwelt und macht sie sich beinahe komplett zu eigen. Damit limitiert sie Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten. Denn die rosa Glitzerwelt ist eine kleine. Sie wird untermauert von Geschlechterklischees, die auch Jungen ausschließen, die gern Ballerina-Röcke tragen oder sich ausgiebig um Puppen kümmern möchten.

Sie geht für mich einher mit achtjährigen Mädchen, die als Berufswunsch Popstar und Topmodel angeben. Wünsche, die nicht nur unrealistischer sind als die der Jungen (Polizist, Feuerwehrmann), sondern auch ungesunde Körperbilder und eine Ausrichtung auf die Bewertung von außen mit sich bringen.

Wenn ich mich heute im Kinderzimmer umschaue, habe ich wohl ein wenig versagt.

Der rosa Wäschehaufen zeigt uns jedes Wochenende, dass sich die Farben im Kleiderschrank mittlerweile nicht mehr die Waage halten. Was ist passiert, hat die natürliche, vielleicht sogar genetische Zuneigung zur Mädchenfarbe gegriffen?

Natürlich nicht. Und das schon allein deswegen nicht, weil die Zuordnung der Farben zum Geschlecht komplett willkürlich ist. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war es sogar genau umgekehrt. Rosa, die stärkere Farbe, war für Jungen vorgesehen – und blau, was als dezenter galt, für Mädchen. Gut beobachten kann man das auf alten Gemälden. Und noch im Disney-Klassiker Peter Pan von 1953 trägt Wendy hellblau und ihr kleiner Bruder rosa.

Rosa eroberte das Kinderzimmer meiner Tochter, als andere Kinder kamen. Als mein kleines Mädchen vergleichen lernte. Als sie begannen, sich jeden Morgen voreinander zu drehen und zu bewerteten, wer das schönste Kleid trug. Als "Das finde ich schön, und du?“ oder "Schau mal, was ich hier habe" normale Bestandteile der Kinderkonversation wurden.

Nur: Was Kinder schön finden, ist kein Zufall. Das Aufteilen der Kinderwelten hat seinen konsumtechnischen Sinn. Wir werden verleitet, doppelt zu kaufen. Weil ein Mädchen doch nicht anziehen kann, was ein Junge trägt. Und man einen Jungen nicht mit Mädchenspielsachen versorgen will. Bis zu hundert Werbebotschaften sehen Kinder heute am Tag.

Es ist naiv zu glauben, sie würden ihren Geschmack von allein im luftleeren Raum ausbilden.

Mädchensachen bereiten zudem auf die spätere Rolle als Konsumentin vor: Um Make-Up, Kleidung und schöne Dinge soll man sich möglichst ein Leben lang Gedanken machen.

Und doch haben wir Einiges an rosa, an klassischem Mädchenspielzeug. Weil ich entspannter geworden bin. Ich kann das Kind jetzt sensibilisieren für die Schubladen, in die man es stecken will. Wir können darüber reden, warum Mädchen nicht auch alles über Star Wars wissen können und Jungen nicht ausgelacht werden sollten, wenn sie zum Kinderfasching als Elfe kommen.

Ich zucke nicht mehr ganz so automatisch zusammen, wenn sie Prinzessin werden will. Weil es am nächsten Tag auch wieder Erfinderin sein kann. Rosa ist nicht das Problem. Es sind die Vorstellungen, mit denen wir es aufladen.

Heute kann ich sogar alle ein bisschen verstehen, die für Mädchen nur rosa Puppenküchen und glitzernde Schminkkoffer kaufen.

Genauso, wie wir die Elektrobaukästen und Bagger nur für Jungen passend halten. Wir haben eben sehr klare Vorstellungen davon, was ein Mann und eine Frau ist. Es scheinen logisch-nachvollziehbare Kategorien, an denen man sich gut entlang hangeln kann.

Wenn man noch nichts weiß von diesem kleinen Menschen außer seinem Geschlecht, scheint es vermutlich eine gute Idee zu sein, darauf zurückzufallen. Später stellt sich das verzückte Gesicht, wenn das Mädchen selbstvergessen in ihren Ketten und Ringen kramt, auch leichter ein. Weil es gut zu den Vorstellungen passt, die uns alle tagtäglich umgeben.

Das sind aber unsere gesellschaftlichen Ideen – und nicht die unserer Kinder. Was rosa angeht, bin ich entspannter geworden. Meine Haltung hat sich nicht geändert. Wenn wir unseren Kindern nur blau und rosa zeigen, dann bringen wir sie um ein buntes Leben.


Fühlen

Das kennst du, wenn du in einer Patchworkfamilie aufgewachsen bist
"Dein Vater war ein richtiger Frauenheld, oder?"
Du hast viele Familienmitglieder, sehr viele. Mit einigen bist du biologisch nicht verwandt.