Bild: Alexander Grüber / TEAMTOKIO, Metropolregion Rhein-Neckar

Wenn Svenja Mayer von ihrer Vergangenheit erzählt, spricht sie von einem anderen Leben: Als Friseurin, leidenschaftliche Turnierreiterin und, wie sie sagt, als gefühlt Schlechteste der ganzen Schule in Sachen Ballsport. Ihr Leben, das bestand aus Haareschneiden, der täglichen Mittagspause bei Mama und den Abenden mit ihrem Pferd Uno. 

Mit 19 war dieses Leben vorbei. 

"Passiert ist es am 1. Februar 2011. Es lag noch ein bisschen Schnee, ich fuhr mit dem Rad von der Arbeit nach Hause. Als ich die Straße überqueren wollte, übersah mich ein Lkw: Mit dem Führerhaus holte er mich vom Rad, mit dem Auflieger fuhr er über meine Hüfte. Als die Sanitäter eintrafen, konnten sie mich nicht mal mehr umdrehen, weil mein Becken so stark zertrümmert war. Ich war kurz davor, noch am Unfallort zu sterben.

So berichtet es Svenja. 18 Stunden lang wird sie anschließend operiert. Der kommende Tag ist wie ein zweiter Geburtstag, die alte Svenja gibt es seitdem nicht mehr. Sie ist querschnittsgelähmt, kann ihren Ausbildungsberuf nicht mehr ausüben und muss lernen, ihren Alltag im Rollstuhl zu bewältigen. Während andere 19-Jährige feiern und auf Reisen gehen, baut Svenja sich ein neues Leben auf.

Noch immer ist es für Svenja nur schwer begreiflich, wie ihr Körper das alles aushalten konnte: 2011 wird sie anfangs alle zwei Tage operiert – 54 Operationen in einem einzigen Jahr. Zehn Wochen liegt sie im Koma, muss künstlich beatmet werden. Das Aufwachen zieht sich über Wochen, ihre Mutter ist die ganze Zeit bei ihr. Sie ist auch diejenige, die ihrer Tochter die Nachricht überbringt, dass sie nie wieder laufen wird. 

Ich hatte solche Schmerzen, dass es mir im ersten Moment scheißegal war, ob ich jemals wieder laufen kann oder nicht. Ich wollte einfach nur, dass der Schmerz nachlässt.
Svenja Mayer

Um die Querschnittlähmung auch mental verarbeiten zu können, bot man ihr im Krankenhaus psychologische Betreuung an. 

"Ich wollte sie aber nicht", erzählt Svenja. "Weil ich durch die Beatmung ohnehin nicht sprechen konnte, habe ich das für mich selbst im Stillen verarbeitet. Mein Vater starb, als ich 12 war. Ich habe schon früh gelernt, Dinge, auf die ich keinen Einfluss habe, zu akzeptieren", sagt sie. 

Eine Psychotherapie schlägt sie aus. Etwas anderes hilft ihr: "Ich wollte nach dem Unfall einfach nur wieder auf meinem Pferd Uno reiten können. Ich wollte wieder für ihn da sein."

Svenja und ihr Pferd Uno

Der Weg dorthin ist hart. Die Schmerzen sind stark, täglich schluckt sie zwölf Tabletten. Nach jeder Einnahme erbricht sie sich. Weil sie nicht mehr Essen kann, wird sie über eine Sonde ernährt. In der Physiotherapie trainert sie, bis sie ihre Beine weit genug spreizen kann, um wieder auf dem Sattel zu sitzen.

An diesem Punkt dachte ich: Ne, das funktioniert so alles nicht! Was soll dieser Scheiß eigentlich?
Svenja Mayer

In der Reha hat Svenja das erste Mal Kontakt mit Rollstuhlbasketball. 

Der Sport gilt als weltweit populärste aller paralympischen Disziplinen. Erfunden wurde er 1946 in den USA, als ehemalige Basketballspieler den Sport trotz ihrer Kriegsversehrungen ausüben wollten. 

Rollstuhlbasketball steht besonders für Inklusion, da er von Frauen und Männern, von Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam im selben Team gespielt wird. 

Doch es geht Svenja zu schnell. Man prallt hart aufeinander, durch die Schmerzen findet sie keine Freude daran. "Die Spieler haben da ja ziemlich viel Kontakt mit ihren Rollstühlen, und bei jedem Zusammenprall geht natürlich ein Stoß durch den Körper. Damit kam ich einfach überhaupt nicht klar, weil das jedes Mal extrem weh tat", erzählt die 28-Jährige. 

Sie will nicht mit einem Ball spielen – sondern reiten. Also kämpft sie weiter. Ein Jahr später sitzt sie zum ersten Mal wieder auf Uno.

Es war einfach nur pures Glück für mich, und es sind auch ein paar Tränen geflossen.
Svenja Mayer

Weil es direkt so gut funktioniert, will Svenja wieder mit Turnieren beginnen. Sie lässt sich einen teuren Spezialsattel anfertigen, um keinen Sturz zu riskieren. Ein Hoffnungsschimmer, durch den sie Stück für Stück die Kontrolle über ihren Körper und ihr Leben zurückgewinnt. Auch die Schmerzen lassen langsam nach. Doch hat sich durch das viele Reiten an Svenjas Sitzbein bald ein Abszess gebildet. "Ich war gerade in Ansbach und sollte für den Bayernkader gesichtet werden, als er sich öffnete", erinnert sie sich. Durch ihre Lähmung ist sie an der betroffenen Körperstelle nahezu taub, die offene Wunde fällt ihr erst beim Umziehen nach dem Turnier auf. Wieder muss sie ins Krankenhaus, wieder wird sie operiert. 

Die ganze Zeit in ihrer Reha hatte sie immer nur ans Reiten gedacht. Doch der Vorfall macht ihr klar: Der Sport lässt sich nicht mit ihrer Gesundheit vereinbaren. Sie muss eine Entscheidung treffen. "Ich habe mein Pferd an eine gute Freundin verkauft. Das brach mir das Herz – die Pferde waren meine Psychologen, meine Leidenschaft und mein Leben." 

Noch ein Tiefschlag. Und jetzt? 

Nichtstun kommt für die 28-Jährige nicht infrage. Der Behindertensport bietet viele Disziplinen, doch will Svenja nicht schon wieder bei Null anfangen müssen.  

Also vielleicht doch Rollstuhlbasketball? Den kennt sie noch aus der Reha und beherrscht zumindest die Grundkenntnisse. Die Sportart tut zwar weh, auch jetzt noch. Doch ist Svenja zu ehrgeizig, um deswegen aufzuhören – früh entdeckt sie unverhofftes Talent. 

Es ist wie eine Sucht für mich. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal einen Tag lang nicht trainiere.
Svenja Mayer

Täglich trainiert sie dafür sechs Stunden: Kraft-, Individual- und Teamtraining. 

Noch im selben Jahr wird sie in den Landeskader von Bayern berufen, wo sie ihre heutige Teamkollegin kennenlernt, die Nationalspielerin Laura Fürst. "Sie erzählte, wie weit sie durch die Reisen mit der Nationalmannschaft in der Welt rumkommt und was für tolle Erfahrungen sie dadurch machen kann", erzählt Svenja. "Ich stand ja noch ganz am Anfang, und Laura hat mir einfach gezeigt, dass man auch mit Rollstuhl seine Ziele erreichen kann." 

Nach dem Gespräch mit Laura Fürst stand für mich fest: Mein nächstes Ziel ist die Nationalmannschaft!
Svenja Mayer

Als Svenja ihrer Mutter von ihrem Vorhaben erzählt, erkennt sie ihre Tochter kaum wieder: "Meine Mama sagt heute noch: 'Svenja, also dass du mal eine Ballsport machst, das hätte ich mir niemals erträumen lassen!'", erzählt sie und lacht. 

Sie steigt immer weiter auf, beginnt, in der zweiten Bundesliga Rollstuhlbasketball zu spielen. Und schon ein Jahr später in der Ersten. 

Svenja erinnert sich: "Es war für mich die Bestätigung, dass ich alles richtig gemacht habe – dass es die richtige Entscheidung war, das Reiten aufzugeben und mit dem Rollstuhlbasketball zu beginnen. Kaum zu glauben, dass ich heute ausgerechnet in einer Ballsportart Nationalspielerin bin!" 

Ihr altes Leben vermisst Svenja nicht.

"Klar gab es da auch schöne Zeiten. Aber das, was ich jetzt mit der Nationalmannschaft erleben darf, wäre als Friseurin nie möglich gewesen", sagt die 28-Jährige. "Und auch die tollen Menschen, die ich durch meinen Unfall kennengelernt habe, hätte ich sonst niemals getroffen." 

Einer von diesen Menschen ist André. Sie lernt ihn bei einem Pokalspiel kennen, als er in der gegnerischen Mannschaft spielt. Zwischen den beiden funkt es. Er ist ein guter Spieler, der ihr ein paar Tricks beibringen will. 

Sie verbringen viel Zeit zu zweit in der Halle – und verlieben sich. Heute leben die beiden zusammen, ziehen Svenjas Trainingspensum gemeinsam durch. Das andere Leben? Nur noch eine Erinnerung. 

Ich liebe mein Leben so, wie es jetzt ist. Nur meine Pferde vermisse ich sehr – das gebe ich ehrlich zu.
Svenja Mayer

Eine Pause machen? Will Svenja nicht. Ihr Ziel sind die Paralympics 2020 in Tokio. 

Wer sie auch nur ein bisschen kennt, weiß, was sie tun wird, um das zu erreichen. 


Future

Egal ob Streber oder Sitzenbleiber: Ein Mittelständler setzt auf anonyme Bewerbungen
Funktioniert das?

Ob für Praktika, einen Studentenjob oder eine Ausbildungsstelle: Bewerbungen muss jeder mal schreiben. Stundenlang feilt man am perfekten Satz im Motivationsschreiben. Umso ärgerlicher, wenn das Anschreiben am Ende gar nicht den Ausschlag gibt – sondern eher, ob man Michael oder Murat heißt.

Studien zeigen: Ob man sich mit deutschem oder ausländischem Namen bewirbt, hat entscheidenden Einfluss auf die Erfolgschancen auf dem Arbeitsmarkt (SPIEGEL ONLINE). 

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes startete vor einigen Jahren ein Pilotprojekt: Acht Unternehmen und Behörden setzten ein Jahr lang nur auf anonyme Bewerbungen.

Bei diesem Verfahren werden klassische Angaben wie Name, Alter, Geschlecht oder Nationalität geschwärzt, oder die Bewerber füllen einheitliche Formulare aus, in denen diese Infos gar nicht erhoben werden. Erst wenn der Arbeitgeber den Bewerber oder die Bewerberin zum Gespräch eingeladen hat, dürfen die Personaler diese Infos sehen.

Das Fazit des Pilotprojekts war durchaus positiv.

Trotzdem stiegen die meisten Unternehmen danach wieder auf das traditionelle Verfahren um. In Baden-Württemberg gab es ein ähnliches Experiment des Integrationsministeriums, einer der Teilnehmer war Bosch an seinem Standort Murrhardt. Heute bewirbt man sich dort wieder klassisch.