Bild: Terzio / Twitter / Universum Film
"Ein bisschen Hauruck, schon war die Tür aufgebrochen"

Eine Gruppe Männer mit großen Nasen und erhitzten Gemütern verfolgt eine Frau bis an ihre Schlafzimmertür. Die verängstigte Frau schließt sich ein, doch die großnasigen Männer brechen die Tür auf, in Raserei wegen ihres guten Geruchs. Zitternd versteckt sie sich unter der Bettdecke. 

Was klingt wie der Auftakt eines rechtspopulistischen Wahlwerbespots, ist eine Szene aus dem Buch "Rösti und Bö", das zum Universum der Kinderbuch-Reihe "Ritter Rost" gehört. 

Die "Bauchredner" genannten Fabelwesen, große, laufende Gesichter mit zwei Beinen, wollen allerdings keinen Sex von der Frau – was man vielleicht vermuten könnte, wenn man den Kontext der Szene nicht kennt – sondern ihr Gedichte vortragen

Auf Twitter ist ein erbitterter Streit um die Deutung dieser Szene entstanden. Alles begann mit dem Tweet einer Mutter: Ihr fünfjähriges Kind habe einen "Vergewaltigungs"-Albtraum gehabt. Sie habe versucht, die Ursache herauszufinden und sei auf das Buch über Ritter Rost gestoßen. Ein Schülerpraktikant habe es im Kindergarten vorgelesen, schreibt sie weiter. Inzwischen sei es von ihr "aus dem Bestand" genommen worden. Ihre Aussagen unterlegt sie mit den entsprechenden Textpassagen aus dem Buch. (Anm. d. Red.: Inzwischen wurden die meisten dieser Tweets gelöscht oder "privat" geschaltet.) Auf Anfrage der Redaktion war sie nicht zu erreichen. 

Viele Eltern reagieren fassungslos. Ritter Rost ist eine der beliebtesten Kinderbuchserien Deutschlands, die Hörspiele werden in vielen Haushalten von Alt und Jung gemeinsam gehört. 

Das kritisierte, 15 Jahre alte Buch wird allerdings schon länger nicht mehr vertrieben, aktuell ist es nur gebraucht zu finden. 

Einige stellen unter dem Tweet die Frage, wieso ein Fünfjähriger überhaupt den Begriff der Vergewaltigung kennen würde und halten die Darstellung der Mutter für übertrieben. Einige fordern hingegen, dass das Buch vernichtet wird. Ihre Kritik: Kinder bekämen durch das Verhalten der Figuren beigebracht, dass sich Männer auch gegen den Wunsch von Frauen, zur Not mit Gewalt, den Weg in deren Schlafzimmer bahnen könnten.

Wieder andere halten die Deutung für "aufgeblasen", "aus dem Kontext gerissen" und "grenzend an Rufmord". 

Fangen wir aber von vorn an. 

"Ritter Rost" ist eine beliebte Reihe von Hörspielen, Büchern, Songs, Theaterstücken, Zeichentrick- und Kinofilmen wie "Eisenhart und voll verbeult". Erdacht hat sich die Figuren Autor Jörg Hilbert, das erste Buch erschien schon 1994. Der Held der Bücher ist ein hypochondrischer Ritter, der trotz seiner Faul- und Feigheit total von sich selbst überzeugt ist. Am Ende muss er meist von Burgfräulein Bö gerettet werden. Die furchtlose Frau hat als einzige alles im Griff. 

Das Besondere sind die vielen versteckten Anspielungen und Doppeldeutigkeiten, die die verschrobenen Figuren von sich geben. Dinge, die an Kinderohren total vorbeifliegen, bei mithörenden Erwachsenen aber für wissendes Schmunzeln sorgen. (SPIEGEL ONLINE)

Der Verleger des Buchs, Ralf Möllers, deutet die Szene daher anders als die Eltern. Er erklärt auf Anfrage von bento: "Hier handelt es sich nicht um einen James Bond, der übergriffig wird und dann mit breitem Grinsen verkündet 'Siehst Du, Du wolltest es doch auch'. Hier wird eine Gefahr geschildert, in die ein Mädchen geraten kann. Es ist ja gerade keine positive Darstellung der Belästigung durch die wild gewordenen Gedichterzähler. Es ist eine von vielen Gefahren, denen man im Fabelwesenwald eben ausgesetzt ist und die Mann und Frau meistern müssen. Kinder werden, das sagt auch Kinderpsychologe Bruno Bettelheim, durch solche Schilderungen letztlich stärker und resilienter."

Wir haben mit Jörg Hilbert, dem Autor von "Ritter Rost", gesprochen und nachgefragt, ob er die Aufregung nachvollziehen kann. 

Jörg Hilbert bei einer Lesung im Rahmen des Literaturfestivals Lit.Kid.Cologne aus dem Buch "Ritter Rost und der Schrottkönig".
(Bild: Henning Kaiser / dpa)

Herr Hilbert, halten Sie diese Erzählung für kindgerecht?

"Selbstverständlich. Das Buch ist lustig, wortwitzig, hintersinnig, albern und verrückt. Viel mehr will es auch gar nicht sein. Ich habe in all den Jahren seit dem Erscheinen noch nie eine Kritik bekommen, die auch nur annähernd in die Richtung dessen geht, was hier plötzlich mit Vehemenz vorgeworfen wird. Die Frage ist jetzt, ob das die vielen tausend Lesern bisher immer übersehen haben, oder ob es womöglich gar nicht drin steht?"

Welches Männer- und Frauenbild soll denn dadurch vermittelt werden?

"Die Erzählung ist eine Geschichte aus dem 'Ritter Rost'-Kosmos. Grundsätzlich vermitteln sie ein partnerschaftliches Geschlechterbild. Die Paraderolle hat hierbei das Burgfräulein Bö, das ihrem großspurigen Ritter Rost mit ihrer vorbildlichen Klugheit und Tapferkeit immer wieder aus der Patsche hilft. 'Rösti und Bö' ist eigentlich die Geschichte ihrer Selbstbehauptung. Zusammen mit Koks dem Drachen bilden Bö und der Ritter eine Art Patchwork-Familie."

Können Sie uns erklären, was genau diese umstrittenen "Bauchredner" sonst in ihren Geschichten tun?

"Die Bauchredner sind bei Ritter Rost notorische Gedichteaufsager. Sie suchen sich permanent neue Zuhörer, die sie zutexten können. Das ist am Anfang ganz unterhaltsam, wird dann aber oft ein Riesenproblem, weil sie extrem kunstbesessen sind und ihr Gegenüber gar nicht mehr loslassen wollen. In der beschriebenen Szene findet eine solche Situation statt: Es werden einem Bauchredner-Weibchen, das versucht, genau dem aus dem Weg zu gehen, massenweise Gedichte aufgesagt. 

Natürlich geht es dabei auch um Liebe und Verliebtsein. Aber ist das denn schlimm? Die Szene wird dann übrigens schnell aufgelöst. 

Beim nochmaligen Lesen finde ich diese Stelle heute selbst recht deftig ausformuliert. Allerdings findet dort weder eine Berührung noch ein sexueller Übergriff statt. Man kann der Szene höchstens vorwerfen, dass sie eine ähnliche Situation bei 'Per Anhalter durch die Galaxis' zitiert, wo es Außerirdische sind, die ihren Gefangenen Selbstverfasstes aufsagen."

Wie gehen sie mit der Kritik der Eltern um? 

"Man kann mit mir reden. Ich nehme Kritik meiner Leser immer ernst, versuche, daraus zu lernen und Dinge zu verbessern. Es gab in all den Jahren nicht eine Anfrage, die ich nicht persönlich beantwortet hätte – selbst, wenn ich sie für ungerechtfertigt gehalten habe. Es tut mir Leid, wenn meine Texte dazu führen, dass sich jemand auf die Füße getreten fühlt. Ich möchte das nicht, aber es passiert leider schon mal. Ich habe auch Verständnis dafür, dass sich Eltern wegen einiger Textstellen Sorgen machen oder aufregen. Wo ich kann, sorge ich für Abhilfe, aber manchmal liegt das Problem auch gar nicht bei mir.

Ich kann Ihnen versichern, dass die erhobenen Vorwürfe besonders schmerzhaft sind, weil ich mich in meinen Büchern explizit für einen Ausgleich der Geschlechter einsetze. Deswegen führe ich, wann immer es geht, eine weibliche und männliche Hauptperson parallel durch die Handlung – nicht nur bei Ritter Rost. Es gibt auch bei der Leserschaft keine Einteilung Jungen/Mädchen, was ungewöhnlich ist. Solch einer massiven gereizten Reaktion wie dieser kann ich aber kaum etwas entgegensetzen. "

Es ist leicht, sich über eine Sache zu empören. Aber es ist mühsam, ihr gerecht zu werden.

Das Buch ist mittlerweile 15 Jahre alt, durch aktuelle Diskussionen wie "MeToo" sind Menschen heute stärker für übergriffiges Verhalten sensibilisert. Würden Sie eine solche Geschichte heute noch schreiben, beziehungsweise veröffentlichen?

"Sicherlich würde ich diese Szene in heutigen Zeiten anders, vorsichtiger und bewusst unzweideutig schreiben. Ich finde es richtig, dass Bücher beispielsweise dank 'MeToo' neu bewertet und kritisch betrachtet werden. Trotzdem möchte ich dafür plädieren, dass man dabei nicht zum Eiferer wird. 

Wer gar von Bücherverbrennungen redet oder schreibt, sollte sich zumindest bewusst sein, welchen Geist er da heraufzitiert. Falls es aber tatsächlich dazu kommen sollte, würde ich es vermutlich machen wie seinerzeit Erich Kästner – und es mir stirnrunzelnd ansehen."

Herr Hilbert, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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