Bild: Victoria Schwartz
Claus, 26, hat sich im Internet in Christina verliebt. Drei Jahre führten sie online eine Beziehung, bis er merkte: Die Frau gibt es gar nicht.

"Christina schickte mir bei 'Wer-kennt-wen?' eine Freundschaftsanfrage. Anfangs sendeten wir uns nur kurze Nachrichten: 'Wie war der Tag? Was machst du heute?' Daraus wurde schnell mehr: Bald schon schrieben wir uns täglich stundenlang sehr lange, sehr persönliche Nachrichten, irgendwann telefonierten wir auch.

Ich erzählte ihr Dinge, die nicht mal meine Freunde über mich wussten. Sie hatte viel Verständnis und Einfühlungsvermögen, das faszinierte mich. Ich freute mich jedes Mal über eine Nachricht von ihr.

Claus in New York, 2013(Bild: privat)

Gern hätte ich mit ihr auch geskypt, aber diese Gespräche sagte sie immer ab, irgendetwas war immer, mal war ihre Kamera kaputt, mal fühlte sie sich nicht gut. Schade, dachte ich, aber ich akzeptiere es.

Irgendwann schrieben mir auch einige ihrer Familienmitglieder. Ihre Tante traf ich sogar auf einen Kaffee. Sie haben mich begrüßt, das fühlte sich gut an. Ich schien für Christina offenbar wichtig genug, dass sie ihrer Familie von mir erzählte.

Natürlich wollte ich auch Christina persönlich kennenlernen. Zwei Monate nach der Freundschaftsanfrage hatten wir endlich einen Termin gefunden. Kurz vor dem geplanten Treffen rief ihre Tante mich an: Christina sei von der Polizei wegen Drogenbesitzes festgenommen worden und könne deshalb nicht kommen. Tage später rief auch Christina mich an, angeblich sei sie vor dem Gerichtstermin in die USA geflohen. Ich glaubte ihr.

Ich glaubte ihr.

Es vergingen Monate, in denen wir täglich mehrere Stunden Kontakt hatten. Wenn sie in Deutschland ihre Familie besuchte, wollte ich sie immer treffen. Es klappte nie, oft stritten wir deswegen.

Ich blieb dran, drängte sie immer mehr, sie wich meinen Nachfragen aus, wurde wütend, dann ignorierte sie mich, was mich sehr verletzte. Ich wollte einfach nicht wahrhaben, dass ich mich selbst belogen habe, dass ich auf einen Fake hereingefallen war

Und doch wurde ich immer misstrauischer.

Irgendwann flog ich nach New York. Ich musste sie sehen, unbedingt wollte ich die Wahrheit erfahren. Auch dort sagte sie unsere Treffen immer sehr kurzfristig ab. Dort wusste ich eigentlich schon, dass es Christina eigentlich gar nicht gibt.

Zurück in Deutschland begann ich zu recherchieren. All die Mails, die sie mir angeblich aus den USA geschickt hatte, kamen aus Deutschland. Über die IP des Computers fand ich ihre Adresse heraus: Es war die Adresse der Frau, die sich als Christinas Tante ausgegeben hatte.

Irgendwann stand ich vor ihrer Haustür, ihr Sohn öffnete und sagte nur: "Eine Christina gibt es in unserer Familie gar nicht." Offensichtlich hatte diese Frau nicht nur Christina, sondern auch alle ihre vermeintlichen Familienangehörigen und Freunde selbst geschrieben. Die Tante, die ich zum Kaffee getroffen hatte, war die Frau, die ich für Christina hielt.

Drei Jahre hat unsere Onlinebeziehung ingesamt gedauert. Ute, so heißt die Frau wirklich, hat nie zugegeben, dass sie sich alles nur ausgedacht hat. Ich bin mir trotzdem sicher, dass Christina ein Fake ist. Inzwischen habe ich mit Christina abgeschlossen. Jetzt möchte ich andere vor sogenannten Realfakes warnen.

Claus ist bei seiner Suche nach Christina auf realfakes.net gestoßen. Victoria Schwartz hilft mit diesem Blog Opfern von Fakes im Internet. Mehr als 400 Personen haben sich schon bei ihr gemeldet, seitdem ihr Blog 2012 online ging. Im Oktober erscheint ihr Buch.

Victoria Schwartz lebt in Hamburg und betreibt seit 2012 das Blog realfakes.net, das über Fakes im Internet informiert. Außerdem berät sie Menschen, die den Verdacht haben, mit einem Realfake in Kontakt zu stehen oder bereits Opfer wurden

Frau Schwartz, was genau ist ein Realfake?

Es beschreibt falsche Identitäten, die so gut und aufwändig gemacht sind, dass sie wirklich echt erscheinen. Realfakes nutzen aufwändig erstellte Fake-Accounts und setzen sogar gefälschte Familien- und Freundeskreise ein, um noch glaubwürdiger zu wirken.

Warum geben Menschen sich als Fakes aus?

Im Gegensatz zu Scammern haben Realfakes keine finanziellen Interessen – viele von ihnen beschenken ihre Opfer oder schicken ihnen sogar Geld. Die Menschen, die mit Hilfe von Realfake-Identitäten ihr Gegenüber so aufwändig, rücksichtslos und über einen langen Zeitraum täuschen wie Ute, haben meist tiefergehende psychologische Probleme. Auch steckt häufig der Wunsch dahinter, in eine andere Haut zu schlüpfen, das eigene, vermeintlich nicht so attraktive Ich zu optimieren oder ein Leben zu leben, über das sie die Kontrolle haben können.

Was kann ich tun, um mich zu schützen?

Wenn du jemanden im Netz kennenlernst, verabrede dich zum Videochat und danach zu einem persönlichen Treffen. Nur so kannst du erkennen, ob die Person, mit der du schreibst, echt ist. Das Netz ist voll von tollen Leuten. Überlassen wir es nicht den anderen!

Buchtipp: "Das Phänomen Realfakes"

Das Buch "Wie meine Internetliebe zum Albtraum wurde: Das Phänomen Realfakes" erscheint am 19. Oktober 2015 im Blanvalet Verlag, es kostet 12,99 Euro. (Wer das Buch über den Link kauft, unterstützt damit bento. Danke!)