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Klassenfahrt – für viele bedeutet das: Erste romantische, vielleicht sogar sexuelle, Erlebnisse und viele Möglichkeiten, sich auszuprobieren. Für mich waren diese Klassenfahrten grausam. Das lag mit daran, dass ich stark übergewichtig war, wenig Freunde hatte. Aber auch daran, dass mir diese erste Liebe in der Jugend verwehrt war – denn ich bin queer.

In Filmen, Büchern oder Serien wird "die Jugend" häufig als Zeit der ersten Liebe und der ersten Erfahrungen dargestellt. Als Strudel aus Gefühlen und Erfahrungen – und die Freundinnen und Freunde sind die Zeugen dieser Zeit, mit ihnen vergleicht man sich, tauscht sich aus, macht aus den ersten intimen Momenten eine Erzählung, die oft bis ins Erwachsenenalter Teile der Identität bestimmt. Doch für viele Menschen ist es auch die Zeit, in der sie zum ersten Mal an sich selbst zweifeln oder Ausgrenzung erfahren. Sie wachsen anders auf, machen andere oder keine körperlichen und gefühligen Erfahrungen. 

Ich, heute.

(Bild: Privat)

Meine ersten Erfahrungen habe ich mit 19 gemacht, über die Dating-Plattform Gayromeo. Damals lebte ich noch Zuhause, es war ein verschämtes Treffen in meinem Zimmer. Meine Mutter kam ins Zimmer, als wir zusammen auf dem Bett saßen – angezogen. Was ein erotisches Erlebnis hätte werden können, wurde dann eine Lüge: Wir saßen im Dunkeln auf dem Bett, weil wir gerade einen Film schauen wollten.

Queere Menschen erleben die Jugend oft anders 

Für queere Menschen ist die Jugend nicht nur die Zeit der Selbstfindung oder der Selbstzweifel sondern auch die des Coming-out. Daher machen viele die ersten Erfahrungen erst im Erwachsenenalter. Sie werden häufig ausgeschlossen vom Diskurs um die "wilde Jugend", die doch die beste Zeit des Lebens sein soll. Ich weiß, dass es nicht nur mir so geht, sondern vielen queeren Menschen. 

Caroline hat schon früh gemerkt, dass sie sich zu Frauen hingezogen fühlt. "Ich denke, dass mir das mit Zwölf schon klar war", sagt die 34-Jährige heute. Zwei Jahre später habe sie die Serie von Ellen DeGeneres im Fernsehen gesehen, das sei ein prägender Moment gewesen. "Es war die Folge, in der sie sich geoutet hat". Da sie zu der Zeit gerne fotografierte, nahm sie direkt ein Bild vom Fernseher auf. Ihr Coming-out hatte Caroline mit 16, als bisexuell: "Ich wollte nicht wahrhaben, dass ich lesbisch bin." Die üblichen Reaktionen habe sie auf ihr Outing erlebt: "Mir wurde gesagt, dass das nur eine Phase sei". Verknallt sei sie in einige Frauen gewesen. "Ich habe Frauen den Großteil meines Lebens nur von Weitem angeschwärmt, hatte nicht die erfüllenden Erfahrungen, die andere Jugendliche hatten."

Caroline hat schon früh gemerkt, dass sie sich zu Frauen hingezogen fühlt. 

Caroline hatte in ihrem Leben mehrere Beziehungen – zu Männern. War acht Jahre verheiratet, hat zwei Kinder. Aber diese krasse Anziehung, die Romantik, von der ihr die Hetero-Frauen stets berichteten, die habe sie nie erlebt. "Ich hatte eine schöne Ehe. Aber sie ist nicht zu vergleichen mit dem, was ich jetzt erlebe", sagt sie. Meistens habe sie das Gefühl gehabt, dass etwas nicht stimmt, dass ihr etwas fehle.

Seit einem Jahr ist Caroline in einer Beziehung mit einer Frau. Bei ihrem ersten Date mit ihr, die beiden haben sich über Tinder kennengelernt, sei eine Anziehung dagewesen, die sie nie zuvor gespürt habe. "Heute bin ich mir sehr sicher, dass ich sehr lesbisch bin und finde es schade, dass ich diese Erfahrungen nicht früher machen konnte", sagt sie. 

Sascha Bos hat eine Praxis für Tiefenpsychologie in Berlin. Ebenso arbeitet er in einer Sprechstunde für Fragen der Geschlechtsidentität an der Charité. Zu ihm kommen etwa Kinder und Jugendliche, die den Wunsch nach Hormonbehandlung haben – oft mit ihren Eltern. Er kennt die Problematik, die viele queere Jugendliche betrifft. "Es muss immer erst ein inneres Coming-out geben, also ein Erkennen und Anerkennen der eigenen Sexualität", sagt Bos. Erst dann sei es den meisten Menschen möglich, nach außen zu treten, etwa Menschen des gleichen Geschlechts zu finden. "Queere Kinder haben eine erschwerte Identitätsentwicklung. Oft fehlen die Vorbilder, ein queerer Onkel vielleicht. Oder ein lesbischer Disney-Charakter."

Vor dem Coming-out käme zudem oft der Druck durch Verwandte und Freunde: Warum immer noch Single? Wann kommt der erste Partner oder die erste Partnerin mit nach Hause? Das Coming-Out selbst sei auch oft ein problematischer Moment. "Er ist verbunden mit Ängsten und Sorgen der queeren Menschen selbst. Oft sind es aber auch die Eltern, die danach angstvoll sind", sagt Sascha Bos. Dazu kämen die Diskriminierungserfahrungen, die viele Jugendliche machen. Diese könnten verinnerlicht werden und zu geringem Selbstwert führen. "Das macht es noch schwieriger, sich auf positive romantische Erfahrungen einzulassen."

Nils ist seit der Grundschule gehänselt worden. Schulkameraden fanden ihn zu feminin – er hat gerne mit Puppen gespielt, hatte vor allem Freundinnen. "Mir wurde aufgelauert, ich wurde angespuckt", erzählt er.

"Würde ich heute ein Jugendlicher sein, wäre es vielleicht einfacher," sagt Nils.

(Bild: Privat)

Unter diesen Vorzeichen hatte Nils mit 15 seine ersten Erfahrungen mit einem Jungen. "Er war ein guter Freund von mir und im Unterricht habe ich ihm unterm Tisch das Bein gestreichelt", sagt der heute 32-Jährige. Er sei so verknallt gewesen, dass er in der achten Klasse zur Nachprüfung musste. "Ich habe kaum noch in der Schule aufgepasst, wollte nur ihm nahe sein." Zwar habe der Freund die Annäherung nicht verwehrt, aber auch kaum erwidert, "nur einmal hat er auch mein Knie gestreichelt", sagt Nils. Als er dann mit einer seiner besten Freundinnen zusammenkam, sei er auf Distanz gegangen, habe ihn gemieden. 

Nils konnte seine Zuneigung nur unterm Tisch zeigen. Ein Sinnbild für die Erfahrungen, die viele queere Jugendliche machen: Sich verstecken müssen.

Würde ich heute ein Jugendlicher sein, wäre es vielleicht einfacher. Ich hätte vermutlich immer noch mit Selbstzweifeln zu kämpfen, aber hätte zumindest medial ein paar Vorbilder. Zum Beispiel Serien wie "Sex Education", die mir queeres Leben zeigen würden. Sowas hatte ich in meiner Jugend nicht. Kein queeres Vokabular, keine Vorstellung von queerer Szene. Erst als "Will and Grace" rauskam und ich mir einige Folgen in schlechter Qualität im Internet ansah, bekam ich eine Idee davon, was es heißen kann, queer zu sein.

Doch auch heute gibt es noch genügend Orte und Milieus, in denen queere Jugendliche dieser Erfahrungen nicht machen können. Klassenfahrt, Händchenhalten, erster Kuss. Es sind fast mythische Momente. Sie sollen das Leben prägen und dienen als Stoff für tausende Erzählungen. Queere Jugend findet darin nur selten Platz. Wie wäre es also, wenn wir den Mythos des ersten Kusses ändern würden – indem häufiger auch die Menschen und ihre Geschichten sichtbar werden, deren Jugend nicht durch Flirten, erste Küsse oder glückliche Liebe bestimmt ist. 


Fühlen

Ostern allein zu Haus. Was fängt man ohne seine Liebsten mit den Feiertagen an?
Normalerweise fährt unsere Autorin über Ostern nach Hause. Doch dieses Jahr ist alles anders.

Dieses Jahr fällt Ostern aus. Karfreitag bis Ostermontag wird für die meisten von uns so laufen, wie alle anderen freien Tage auch, seit die Corona-Pandemie unseren Lebensrhythmus diktiert. Wir stehen auf, frühstücken, informieren uns über die neuesten Zahlen der Infizierten und darüber, was Deutschland und andere Länder für neue Maßnahmen zur Eindämmung des Virus erlassen haben, während wir geschlafen haben. 

Dann treffen wir uns – soweit das Wetter mitspielt – zum Spazierengehen mit einem Freund oder einer Freundin. Und reden dabei über Corona. Denn so sehr wir uns auch bemühen, das Virus nicht jeden Bereich unseres Lebens bestimmen zu lassen: Unsere Gesellschaft wird gerade nun mal auf den Kopf gestellt. Worüber soll man also reden, wenn nicht genau darüber? 

An Karfreitag, Ostersonntag und Ostermontag haben natürlich nicht einmal die Supermärkte offen. Das heißt, wir können nicht einkaufen gehen, um uns die Zeit zu vertreiben, und uns mit einem Abstand von zwei Metern unter Leute zu mischen. Also kochen wir, netflixen, puzzeln oder backen Brot.

Ostern 2020 ist alles anders

Feiertage waren für mich immer der perfekte Anlass, aus meinem Trott herauszukommen. Um auf die Bremse zu drücken, was ich in meinem Alltag oft nicht schaffe. Jetzt ist mein Trott jedermanns Trott – und keiner kommt da einfach so raus. Und auf die Bremse drücken ist nicht notwendig. Wer nicht gerade im Krankenhaus oder im Supermarkt arbeitet, lebt gerade jeden Tag mit angezogener Handbremse. 

Feiertage sind für mich auch ein Anlass, meine Familie zu sehen. Ein Teil lebt in München, der andere in Stuttgart, ich in Hamburg. Zu Ostern treffen wir uns in der Regel in Schwaben, wo meine Mutter lebt.

Besonders Ostern ist für mich ein Fest mit vielen Traditionen: Am Karfreitag essen wir oft Maultaschen, die "Herrgotts'bscheißerle" – Schwein in Teig verpackt, damit der liebe Gott nicht merkt, dass wir uns seinem Fleischverbot widersetzen. 

Am Samstag versuche ich so zu tun, als hätte ich die Vorbereitung der Nester nicht längst bemerkt, die meine Mutter für meine Schwester, 31, und mich, 29, am Ostersonntag verstecken wird (Don't judge!). Heißt: Ostergras auf Pappteller, garniert mit Schokoeiern und Schokohasen, vielleicht einem Kinogutschein, den wir am nächsten Tag zusammen einlösen. 

Das läuft so, seit wir Kinder sind. Früher sind die Geschenke noch üppiger ausgefallen: Ich habe meinen Scout-Schulranzen, die Panda-Edition, zu Ostern "gefunden" (im Büro meiner Oma neben Aktenordnern eingereiht). Und mein pinkes-gelbes Fahrrad (hinter dem Rhododendron im Garten getarnt), das ich geliebt habe, zusammen mit einem lilafarbenen Helm.