Bild: bento / Raissa Maas
"Gott wird mir vergeben"

Der Eingang zum Haus der Lust versteckt sich im Hinterhof an einer vielbefahrenen Straße in Kiel. Vorne gibt es Gebraucht- und Neuwagen, hinten Sex. Es ist der 24. Dezember, der Himmel ist grau, Nieselregen. 

Durch das dunkelbraune Treppenhaus geht es in den ersten Stock. Dort bereitet sich die 20-jährige Daniela in Netzbody und Bademantel auf ihren Arbeitstag vor. Eine Kollegin kommt mit nassen Haaren in schwarzem Hoodie und pinken Pantoffeln aus dem Bad. Sie nennen sich Kieler Nixen, heute werden sie zu sechst sein. Als eines der wenigen Bordelle in der Region haben die Nixen auch Heiligabend geöffnet

(Bild: bento / Raissa Maas)

Auf Facebook zeigen Menschen jetzt geschmückte Bäume und verpackte Geschenke. Daniela ist nicht in Weihnachtsstimmung, Pläne für den Abend hat sie keine. Nur ihre Familie will sie am Nachmittag anrufen. 

Daniela kommt aus Rumänien. Nach dem Schulabschluss hat sie erst in Großbritannien als Prostituierte gearbeitet. In Kiel gefällt es ihr besser. Von ihrem verdienten Geld hat sie sich ein Haus in Rumänien gekauft.

Die Nixen warten auf Kunden. Die Betten sind frisch bezogen. Kondome, Gleitgel und Feuchttücher stehen griffbereit. Fensterbänke und Regale sind mit Teelichtern, Tannenzweigen, Weihnachtskugeln und goldenen Girlanden geschmückt. Aber noch sind die Zimmer leer.

(Bild: bento / Raissa Maas)

Durch einen Spalt zwischen Jalousie und Fensterrahmen beobachtet Trixie die Tropfen an der Scheibe. Sie trägt Jeans und T-Shirt und ist noch nicht geschminkt. Später wird sie ein kurzes, schwarzes Kleid und Strumpfhose mit Stulpen anziehen. 

"Doofe Stadt", sagt sie, "im Sommer wie Winter regnet es." Und dann nicht mal Schnee. Sie kommt aus dem Südosten, da sei das anders. Trixie tröstet sich: Das Geld sei gut, die Kinder bekommen Handys vom Weihnachtsmann. "Wobei mir Weihnachten eigentlich zu kommerziell ist", sagt sie.

Kurz riecht es verbrannt. Eine Kollegin sitzt vor einem Spiegel und entfernt sich mit Heißwachsstreifen Härchen aus dem Gesicht. Bordellbetreiberin Nina kommt mit einer rauchenden Schale ins Ankleidezimmer: "Weihrauch zur Reinigung gegen schlechte Energie", sagt sie und fächert Qualm in alle Ecken.

Seit sieben Jahren gehört ihr der Laden. Früher hat sie selbst als Prostituierte gearbeitet. Jetzt ist sie 35 Jahre alt, das Nixen-Unternehmen ist ihr Baby. Sie hat ihr eigenes Geld investiert. Es läuft gut, sagt sie, die Umsätze steigen.

Die meisten, die hier anschaffen, kommen aus Osteuropa. Christinnen und Muslima, und solche, denen das egal ist. Nina sagt: "Es kommt kein Gott runter und löst meine Probleme." Sie hat sich ein eigenes Business aufgebaut.

Im Table-Dance-Zimmer bauen die Nixen auf einem niedrigen Glastisch ein kleines Buffet auf: Bulgarischen Couscous-Salat, Erbsen- und Wurzel-Salat mit Hähnchen. Am Tag zuvor hatten sie hier schon zusammen mit Kunden eine Weihnachtsfeier. Jetzt will Nina sich bei ihren Frauen bedanken, "weil Weihnachten eben was Besonderes ist".  

(Bild: bento / Raissa Maas)

Die kurze Ansprache übersetzt sie mit einer Kollegin auf  Englisch, Rumänisch, Bulgarisch, Ungarisch und Polnisch. "I love you", ruft eine der Nixen. Die Frauen umarmen sich und stoßen an.

Um 14 Uhr klingelt endlich der erste Kunde. Siegfried, groß, graumeliert, Typ Gentleman, wird hineingelassen. Zweimal die Woche besucht er die Nixen, mindestens. Er genieße das vertraute Gefühl, sagt er. 

Siegfried hat eine Lieblingsnixe: Die blonde Frau begrüßt ihn mit einem Küsschen und einer Umarmung. Den schwarzen Hoodie hat sie gegen eine weiße, schulterfreie Bluse ausgetauscht, die pinken Pantoffeln gegen High Heels.

Aber heute behält Siegfried seinen Mantel an. Er will keinen Sex, nur ein Weihnachtsgeschenk vorbeibringen: einen Blumenstrauß, für das schöne Jahr. "Du bist mein Schatz", sagt er, "alles Gute für dich". Sie lächelt.

Viele Männer schicken ihr Postkarten oder schreiben Einträge ins Gästebuch. Stammkunden sind ihr Hauptgeschäft. Siegfried mag sich nicht vorstellen, was seine Nixe mit den anderen Männern macht. "Das geht mir zu nah", sagt er.

Sie trinken Sekt. Siegfried kündigt an, zwischen Weihnachten und Silvester wiederzukommen. Dann geht er wieder.

Legale Prostitution

Seit 2002 gilt Prostitution in Deutschland nicht mehr als sittenwidrig und damit als rechtlich anerkannte Tätigkeit. Wie viele weibliche und männliche Sexarbeiter ihren Lebensunterhalt mit erotischen und sexuellen Dienstleistungen verdienen, ist unbekannt. Sie arbeiten in Laufhäusern, an Straßenecken und Partymeilen, im Massage- oder SM-Studio, im Geizhaus oder Edelpuff.

An anderen Tagen klingelt ständig das Telefon oder die Tür. Aber heute zieht sich der Tag. Die Nixen warten im Ankleidezimmer, hocken auf Sitzsäcken und starren in ihre Handys. Einige spielen Candycrush oder hören Musik. Sie sprechen wenig miteinander. Einige möchten ihre Ruhe, anderen fehlt eine gemeinsame Sprache.

Neben dem Sex sind Gespräche ein großer Teil ihrer Arbeit. Die meisten Männer, sagt Trixie, würden dasselbe suchen: "Es fällt mir nicht schwer, ihnen Geborgenheit zu geben." Viele wollten auch nur reden. Bei den anderen kennt sie ihre Grenzen: Analsex oder Pornodrehs kommen für sie nicht in Frage, auch lautes Stöhnen gefällt ihr nicht. "Man kann auch leise kommen", sagt Trixie. 

Mit den anderen Nixen tauscht sie sich über Erlebnisse mit Kunden aus. Sie passen aufeinander auf: "Es ist gut, dass es den Ort hier gibt", sagt Trixie.

(Bild: bento / Raissa Maas)

Am Nachmittag kommen endlich Kunden. Einer verschwindet schnell mit Siegfrieds Lieblingsnixe in einem Zimmer. Ein anderer, Markus, nimmt im Massage-Zimmer Platz. Nach und nach kommen drei Frauen in den Raum, lächeln ihn an, nennen ihren Namen und schütteln ihm kurz die Hand. 

Markus ist nervös. Der 40-Jährige im hellen Hemd kommt zehnmal im Jahr ins Bordell. Trotzdem ist er immer noch angespannt. 60 Euro bezahlt er für eine halbe Stunde mit Daniela. Anfassen, Oralverkehr, Vaginalverkehr, mit Kondom. Rund die Hälfte des Geldes muss Daniela an Nina abgeben.

Nach 20 Minuten kommt Daniela zurück und geht ins Badezimmer, um sich wieder frisch zu machen. Markus ist zufrieden. Weil er keine Partnerin hat, könne er hier sein körperliches Verlangen stillen und Stress abbauen. "Fehlt schon was zu Hause", sagt Markus. Er muss los, seine Eltern warten mit Gänsebraten auf ihn. Als er geht, beginnt in der größten Kirche der Stadt gerade der Gottesdienst.

Zum Nieselregen hat sich draußen Sturm gesellt. Der Kieler Himmel ist nun dunkelgrau.

(Bild: bento / Raissa Maas)

Auch die Hälfte der Nixen bricht nun auf. Sie wollen Peking-Ente oder Frikadellen zubereiten, den Abend mit ihren Kindern, Partnern und Haustieren verbringen. Eine wird von ihrem Mann abgeholt. Nur drei Frauen wollen noch bis 23 Uhr bleiben. Vielleicht kommen ja doch noch ein paar Männer vorbei. Nina hatte mit mehr Besuchern gerechnet. In den vergangenen Jahren seien an Heiligabend vor allem vormittags mehr Kunden gekommen.

Eine der Nixen, die geht, hat eine Sporttasche dabei. Sie will mit einem Bus nach Rumänien fahren, nach Hause. Auch Daniela wäre jetzt gerne bei ihrer Familie. Ihr fehlen die Traditionen und das Essen ihrer Mutter. Freinehmen möchte sie sich aber nicht. Erst im Frühjahr möchte sie das Haus in Rumänien renovieren. Im Moment sind die Kieler Nixen ihre Familie.

Zwei ganz unterschiedliche Geschichten über Sexarbeit:

"So ist das Leben. Man muss schwierige Dinge tun", sagt Daniela auf Englisch. Ihren orthodoxen Eltern erzählt sie, dass ihr Lohn vom Putzen kommt. Auch ihr stehe die Religion eigentlich im Weg. Aber Daniela ist sich sicher: "Gott wird mir vergeben." Am Vormittag hat sie für ihre Familie gebetet.

An den kommenden Tagen wird es nicht so ruhig sein. Dann kommen Männer, die Geld geschenkt bekommen haben. Und die es kaum erwarten können, dieses wieder auszugeben.

Wir haben die Namen der Frauen und Männer in diesem Text geändert.


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#PoschardtEvangelium

Ulf Poschardt mag Porsche, die FDP und schreibt darüber in der konservativen Zeitung "Die Welt", deren Chefredakteur er ist. Heiligabend war er offenbar in einer Kirche – und mokierte sich später über die Predigt: