Bild: bento

Mit dem Reisebus fuhr ich immer vom Zentrum Barcelonas* zur außerhalb liegenden Uni. Eines Tages war die Fahrt besonders ruppig, der Fahrer sorgte fast für einen Unfall. Plötzlich schnürte sich mein Hals zu, ich begann, unkontrolliert zu atmen, mir wurde übel. Ich fühlte mich eingeengt und hatte Angst, den Bus nicht verlassen zu können. Ich konzentrierte mich nur noch darauf, Luft zu bekommen. Ich war allein mit meiner Angst, ich hatte das Gefühl, die Situation war nicht mehr unter meiner Kontrolle.

So schildert Studentin Johanna* ein Erlebnis während ihres Auslandsemesters. Es passierte ihr in letzter Zeit häufiger. Jetzt ist sie zurück in Deutschland. Sie will wissen, was sie in solchen Situationen tun kann, Auswege kennenlernen. Die Angst loswerden. Deshalb macht Johanna jetzt eine Therapie. 

Johanna möchte nicht erkannt werden oder mit ihrem richtigen Namen im Artikel auftauchen. 

Johanna erzählt: Ich bin immer zehn Minuten zu früh, kalkuliere mögliche Pannen ein und plane stets im Voraus. Meine Woche ist strukturiert – ich setze mir Fristen und Ziele. In der Uni möchte ich immer gut abschneiden und bei der Arbeit überzeugen. 

Die 21-Jährige plant immer alles ganz genau, sie notiert Wichtiges sofort im Terminkalender, macht To-do-Listen. Sie nimmt sich Dinge vor – und will sie erreichen. Bald beginnt ihr Praktikum in einer Agentur. Johanna setzt sich im Alltag unter Druck, hat einen hohen Anspruch an sich selbst. "Ich möchte meinem Umfeld gefallen", sagt sie. Dahinter stecke auch die Angst vor Kontrollverlust. So wie im Bus in Spanien, bekommt sie in der Öffentlichkeit manchmal Panik, möchte aber nicht negativ auffallen. Also meidet sie Busfahrten, Partys und Menschenmengen. Johanna selbst denkt, sie hat vielleicht Ansätze einer Angststörung. Genau wird sie das erst in der Therapie herausfinden.

Studien zeigen, dass immer häufiger psychische Erkrankungen bei jungen Erwachsenen in Deutschland festgestellt werden. 26 Prozent der Menschen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren haben aktuell mindestens eine diagnostizierte psychische Störung. Damit ist die Zahl seit 2005 um 38 Prozent gestiegen: von 1,4 Millionen auf 1,9 Millionen. (Ärztezeitung)

Aber treten psychische Erkrankungen bei jungen Leuten wirklich häufiger auf – oder trauen sich einfach mehr von ihnen, zur Ärztin oder zum Arzt zu gehen, zur Therapeutin oder zum Therapeuten? 

Tatsächlich lassen Menschen sich heute eher helfen. Nach einer Studie der Bundespsychotherapeutekammer (BPtK) werden psychische Erkrankungen heute weniger stigmatisiert. Volker Reinken, Chefarzt einer Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie, sagt: "Mittlerweile können emotionale Belastungen leichter angesprochen werden." Die gesellschaftliche Akzeptanz sei höher, der Forschungsstand weiter. Er rät dazu, sich möglichst früh Hilfe zu suchen. Das verhindere eine lange Erkrankung.

In Reinkens Klinik in Urbachtal gibt es eine spezielle Therapie für Patienten, die zwischen 20 und 30 sind. In der "jungen Gruppe" sprechen sie über Orientierung, Familie, Berufswahl oder Beziehungen. Mit Ängsten und Depressionen kämpfen diese jungen Leute dem Psychotherapeuten zufolge am häufigsten. 65 Prozent der psychischen Erkrankungen träten auf, bevor man 20 wird. Jeder Fünfte entwickle in diesem Alter Auffälligkeiten. 

Johanna erzählt: Ich habe meine Ängste und das extreme Bedürfnis nach Kontrolle bereits in der Pubertät bemerkt. Schon als 14-Jährige war ich gestresst. Dazu kam ein geringes Selbstwertgefühl, ich wurde in der Schule gemobbt. Also dachte ich immer, ich sei nicht schön genug.

Das Risiko, psychisch zu erkranken, sei bei jungen Erwachsen hoch, weil sie sich in einer schwierigen Lebensphase befänden, so Reinken. Selbstzweifel und Leistungsdruck könnten Depressionen oder Ängste auslösen. Wenn man jung sei, bewerte man sich häufig selbst und überlege, wie man das eigene Leben gestalten soll. 

Auch Johanna denkt über sich und ihre Zukunft nach: Ich bin am Ende meines Studiums und stehe kurz vor der richtigen Arbeitswelt. Die Fragen in meinem Kopf werden lauter: Wer bin ich? Und wer will ich sein? Finde ich einen Job? 

Junge Leute sind völlig frei – oder eben orientierungslos.
Psychotherapeut und Chefarzt Volker Reinken

In den Zwanzigern lerne man, sich zu fokussieren und zu strukturieren, sagt der Therapeut. Er spricht von einem Rollenwechsel: vom Jugendlichen zum Erwachsenen. Auf einmal müssten junge Leute an ihre Work-Life-Balance denken oder Liebesbeziehungen meistern. 

Johanna bespricht ihre Ängste jetzt mit einer Therapeutin.

Ob Trennung der Eltern oder Mobbing im Netz: Sie seien mit gesellschaftlichen Veränderungen konfrontiert und solche Belastungen hätten Auswirkungen. Die Jugendherapeutin Miriam Hoff sagt: "Der Leistungsdruck nimmt zu."

Hoff ist der Meinung, jeder könne eine Psychotherapie gebrauchen. Und immer mehr junge Menschen verspürten offenbar den Wunsch, mit einer neutralen Person über Privates zu sprechen. Therapien würden selbstverständlicher. 

Aber nimmt man so jemandem einen Therapieplatz weg, der "schlimmere" Probleme hat?

Mittlerweile gibt es mehr Behandlungsplätze. Das ermittelte die BPtK‐Studie ebenfalls. Auch die Wartezeiten auf den ersten Gesprächstermin haben sich demnach verkürzt. Das liegt unter anderem an der neuen Reform der Psychotherapie‐Richtlinie von 2017. Darin wurde beschlossen, dass Therapeuten zusätzliche Sprechstunden und Akutbehandlung anbieten müssen. Trotzdem warten Patientinnen und Patienten nach dem ersten Gespräch lange auf eine Therapie: bis zu fünf Monate.

Wie merke ich, dass ich eine Therapie brauche?

Sobald man länger als 14 Tage nicht richtig schläft, sollte man aufmerksam werden, sagt Psychotherapeut Reinken. Kreisende Gedanken, Lustlosigkeit, Schuldgefühle sowie weniger Appetit seien weitere Alarmsignale. Wenn man sich gar nicht mehr freuen könne, sollte man über Hilfe nachdenken. "Lebensmüdigkeit kann in Suizidgedanken enden", warnt Reinken. 

Suizid - Hilfe in scheinbar ausweglosen Lebenslagen

Kreisen deine Gedanken darum, dir das Leben zu nehmen? Rede mit anderen Menschen darüber. Per Chat, Telefon, E-Mail oder im persönlichen Gespräch. Hier findest du - auch anonyme - Hilfsangebote in scheinbar ausweglosen Lebenslagen.

Jugendtherapeutin Hoff nennt noch Konzentrationsstörungen und zwanghaftes Grübeln als Hinweise für eine Überlastung. "Sobald man sich über einen längeren Zeitraum unwohl fühlt und der persönliche Leidensdruck zu hoch wird, hat jeder das Recht auf therapeutische Unterstüzung." Ob eine Therapie nötig sei oder ein Coaching ausreiche, müsse man dann entscheiden. Das sei kein Egoismus, sondern führe dazu, sich selbst und seiner Umwelt etwas Gutes zu tun. 

Johanna erzählt: Irgendwann wusste ich, dass ich etwas tun muss. Mir ging es zwar nicht durchgehend schlecht, aber ich habe trotzdem gelitten. Immer wieder habe ich mir eingeredet, ich könnte mir selbst helfen. 

Aber auch, wer eine Therapie abgeschlossen hat oder sich psychisch gesund fühlt, sollte bestimmte Dinge beachten. Reinken rät, sich in seiner Rolle nicht zu sehr festzulegen und starren Idealen nachzueifern. Außerdem helfe es, über Probleme im Freundeskreis zu sprechen. Dadurch könne sich einiges lösen, weiß der Therapeut. Junge Leute wie Johanna sollten ihr Leben zwar planen und ihm einen Sinn geben – sich aber nicht zu sehr unter Druck setzen

Das hat auch Johanna begriffen: Durch die Therapie kann ich meine Ängste hoffentlich besser verstehen und bin weniger gestresst. Ich möchte lernen, wie ich damit umgehen kann – wie ich mit mir umgehen kann.

*Die Protagonistin möchte anonym bleiben. Deshalb hat die Redaktion den Namen und die Stadt ihres Auslandssemesters geändert.


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