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"Aha", denke ich, "ich bin also wie der aufgedrehte Tiger." Zumindest behauptet das dieser Test, den ich gerade gemacht habe. Die Tiger-Figur "Tigger" aus Winnie the Pooh steht laut Test quasi für jemanden mit ADHS. Keine Überraschung, denn ich habe ADHS . Ich fühle mich trotzdem nicht gut damit. Denn was ich da sehe, ist das alte Klischee: der aufgedrehte Junge, der nicht stillsitzen kann. Es könnte ja so einfach sein. Ist es aber nicht.

Psychisch krank zu sein ist aus vielen Gründen schwer, ganz egal, ob es um Depressionen, Aufmerksamkeitsdefizite oder Schizophrenie geht.

Einer davon: Es ist nicht leicht, wirklich zu erklären, was mit einem passiert. Besonders, weil viele Menschen glauben, sie wüssten es. Erstens, weil sie ja auch schon mal traurig oder unkonzentriert waren. 

Und zweitens, weil viele von ihnen auch schon mal online irgendeinen Psychotest gemacht haben, der ihnen erklärt, dass sie zu "70 Prozent autistisch" seien.

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

Gern werden bei solchen Tests dann bekannte Charaktere genutzt, damit der Testende gleich auch ein Bild im Kopf hat, was die Ferndiagnose nach 10 Fragen bedeutet (na, wie viel Sheldon steckt in dir?).

Die Pooh-Pathologie ist eine beliebte Variante davon. 

Das ist ein Test, der einem mit Hilfe von Figuren aus Winnie the Pooh Antwort auf die Frage geben soll, zu welcher psychischen Erkrankung man am ehesten neigt. Die Macher sind Experten und Expertinnen im Bereich der Persönlichkeitstests, die "Fragen" (es sind Aussagen, denen man zustimmen kann oder sie ablehnen) sind relativ gewöhnlich für psychiatrische Tests, die man auch beim Therapeuten oder in der Klinik finden könnte. Sie reichen von "Ich habe es nicht verdient, glücklich zu sein" bis hin zu "Menschen reden schlecht hinter meinem Rücken über mich".

Am Ende wird auf einem Spektrum angezeigt, welche Persönlichkeitsanteile durch welchen Winnie the Pooh Charakter bei einem repräsentiert würden:

  • Pooh stehe für ADS, also Aufmerksamkeitsdefizitstörung ohne Hyperaktivität.
  • Tigger stehe für ADHS.
  • Ferkel stehe für Angst-Erkrankungen.
  • Rabbit stehe für Zwangsstörungen.
  • Ruh stehe für Autismus.
  • I-A stehe für Depressionen. 
  • Christopher Robin stehe für Schizophrenie.

Und das ist sehr problematisch.

Einmal, weil hier Dinge miteinander vermischt werden, die ganz unterschiedlich sind. Autismus und AD(H)S sind neurologische Entwicklungsstörungen: Sie sind beide angeboren und bestimmen den Charakter und das Wesen eines Menschen von der Geburt an. Sie entscheiden, wie Autistinnen und ADHSlerinnen die Welt wahrnehmen, wie ihr Gehirn Reize verarbeitet. Diese Voraussetzung kann dazu führen, dass sie, weil sie nicht akzeptiert werden oder anders sind als andere, komorbide Störungen entwickeln.

Anders ist das bei Depressionen und Ängsten und Zwängen. Sie können ebenfalls genetisch wahrscheinlich sein, aber sie müssen nicht ausbrechen, selbst, wenn wir eine Veranlagung dazu haben. Das ganze Themenfeld ist kompliziert und noch lange nicht komplett erforscht. 

Tests, die man nebenher in der Mittagspause machen kann und deren Ergebnisse man lachend mit Kollegen teilt, suggerieren aber, dass es alles ganz einfach und auch ein bisschen niedlich ist: Der aufgedrehte Tigger-Typ hat halt ADHS. Dabei kann Hyperaktivität auch ein Symptom für eine Manie sein. Und nicht jeder Mensch, der nicht stillsitzen kann und viel und schnell redet, hat ein ADHS Gehirn. Der traurige Esel ist vielleicht einfach nur ein demotivierter, pessimistischer Kollege, der nicht zu überbordender Euphorie neigt. Es ist eben: Not that easy.

Psychische Erkrankungen und neurologische Besonderheiten sind komplex und schwer von außen zu verstehen oder zu beurteilen. Das ist in zwei Richtungen schwierig: Einmal, weil jede kleine Abweichung vom sogenannten "Normalverhalten“ gleich mit einer Diagnose versehen wird: Ein sehr stiller und in sich gekehrter Kollege wird dann hinter vorgehaltener Hand als „Autist“ bezeichnet. Eine Kollegin, die ständig ihre Meinung ändert als "schizophren". Ein Freund ist, weil er sich zurückgezogen hat, "depri" und das Mädchen von Tinder ist "psycho but cute".

Und auch, weil gleichzeitig echte Krankheitsbilder verharmlost werden. 

Schreibe ich zum Beispiel über mein ADHS, antworten mir immer wieder Leserinnen: "Ach, ich glaube, ich könnte das auch haben, ich bin auch immer unpünktlich und chaotisch und rede viel.“ Es ist natürlich ein Ziel meiner Arbeit, das Menschen sich in meinen Texten wiederfinden und ein Verständnis dafür entwickeln, wie es sich anfühlt, ADHS zu haben. Es ist aber im gleichen Moment von vielen eine (bestimmt absolut unabsichtliche) Verharmlosung. ADHS bedeutet eben nicht, einfach ein bisschen chaotisch zu sein.

Ebenso bedeuten Depressionen nicht, dass Depressive einfach ein bisschen traurig sind. Menschen mit einer Angststörung sind nicht bloß besorgter oder sensibler. Menschen mit Zwängen sind nicht bloß sehr, sehr ordentlich. Und Schizophrenie bedeutet nicht, dass man einfach ein bisschen rumspinnt – und wie ein Kind im Spiel seine Kuscheltiere  zum Leben erweckt.

Die Ironie von der Geschichte: Die Theorie, dass Winnie the Pooh und seine Freunde an verschiedenen psychischen Krankheiten leiden, könnte enstanden sein, weil eine Kinderärztin auf genau diese Probleme hinweisen wollte (snopes). Im Jahr 2000 veröffentlichte Sarah Shea mit ein paar Kollegen eine "Studie" über die "Pathologie im Hundert-Morgen-Wald" – als Scherz. Sie hätten sich über ihren eigenen beruflichen Prozess lustig machen wollen, bei dem sie herumsäßen und andere diagnostizierten und mit Labels versähen. "Ich war überrascht, wie schnell und einfach wir 'einfach jeden' diagnostizieren könnten." (inews). 

Doch der Witz geriet offenbar in Vergessenheit – und übrig blieb die Botschaft, die Figuren in Winnie the Pooh stünden für psychische Krankheiten. 

Nun können solche urbanen Mythen wie die Pathologien der Winnie the Pooh-Charaktere dabei helfen, dass psychische Erkrankungen ebenso wie neurologische Besonderheiten mehr ins Bewusstsein der Allgemeinheit gelangen. 

Problematisch wird es aber, wenn wir die groben Vereinfachungen als vollständig annehmen. Denn so, wie wir auch nicht zu jemandem sagen würden, der Krebs hat und von der Chemo-Übelkeit erzählt: "Ach, das kenne ich, mir war gestern auch so schlecht!", sollten wir uns ebenfalls Vergleiche sparen, die uns in den Kopf kommen mögen, wenn jemand von seinen Depressionen erzählt, vom ADHS, von Zwängen, von Borderline oder allem anderen.

Sogar, wenn unser Pooh-Test bei uns sehr sehr viel I-Ah diagnostiziert hat. Denn das Leben mit der Krankheit ist kein Comic, sondern hoch individuell. Oder, um es mit den weisen Worten von I-A zu sagen: "Die Dinge, die mich anders machen, sind die Dinge, die mich ausmachen." 


Gerechtigkeit

Warum Angela Merkels Rede in Harvard zeigt, dass es Zeit für einen Wechsel ist
"Merkel muss weg", aber auf die demokratische Art.

Wer wissen will, wie es aussieht, wenn deutsche Politiker die Jugend für die Zukunft begeistern, muss nach Harvard schauen. Dort hielt Angela Merkel an diesem Mittwoch die Abschlussrede für den 268. Jahrgang der US-Elite-Uni. Es war eine vielbeachtete Rede, bei der es um internationale Zusammenarbeit, den Wert der Freiheit und die Gefahren von Abschottung ging. Die Bundeskanzlerin gab den Absolventinnen und Absolventen in Steve-Jobs-Manier insgesamt sechs Tipps für die Zukunft. Viele sagen, es war ein historisches Ereignis. 

In der deutschen Innenpolitik kann man von solchen Sternstunden derzeit nur träumen: Die SPD diskutiert nach ihrer historischen Niederlage am Sonntag nicht über Inhalte, sondern die Zukunft von Parteichefin Andrea Nahles. Rezo-Gegner Philipp Amthor sorgte in dieser Woche mit rassistischen Sprüchen in einem alten Video für Schlagzeilen. Und CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer forderte neue "Regeln" für YouTuberinnen und YouTuber, die viele an Zensur erinnerten. Es war nicht ihr erster Fehltritt in den vergangenen Wochen.

Sogar Angela Merkel soll von ihrer Nachfolgerin an der CDU-Spitze inzwischen so genervt sein, dass sie angeblich entschlossen ist, bis 2021 weiterzuregieren. Kein Wunder also, dass viele Beobachtende sich nach der Rede in Harvard melancholisch fragten: Kann sie nicht noch ein bisschen länger bleiben?