Bild: imago/Westend 61

"FALSCHE STRASSENSEITE!", brüllt mir ein älterer Mann ins Gesicht. Sein Kopf ist hochrot, er atmet schwer. Unsere Fahrräder stehen sich Vorderreifen an Vorderreifen gegenüber

30 Sekunden zuvor: Ich stehe an einer Hamburger Kreuzung, will auf die diagonal gegenüberliegende Seite. Die Ampel zu meiner Linken wird zuerst grün, also fahre ich im Uhrzeigersinn los. Der Fußgängerüberweg ist sehr breit, genau wie der Fahrradweg. Kurz: Es ist viel Platz. Außer mir und dem Mann, der mir auf seinem Fahrrad entgegen kommt, ist niemand zu sehen. 

Wir hätten also entspannt aneinander vorbeifahren können. Stattdessen schlägt mein Gegenüber plötzlich hart nach rechts ein – direkt in meine geplante Fahrspur. Als ich erschrocken ausweiche, fährt er mir wieder in den Weg. Bis wir wackelnd in letzter Sekunde anhalten, um nicht zu kollidieren. 

Im Alltag erlebe ich oft, dass Menschen Fremde maßregeln, und frage mich: Was soll so etwas?

Ich spreche nicht von Situationen, in denen das angeprangerte Verhalten andere belästigt – zum Beispiel, wenn jemand seinen Müll im Park liegen lässt und damit das Erlebnis für alle anderen weniger schön macht –, sondern von Momenten, die keinen Einfluss auf irgendwen außer den Handelnden haben.

So wie der Gang über die rote Ampel, wenn weder ein Auto noch ein Kind in Sicht ist ("Hallo?! Die Ampel ist rot!"). Oder der unachtsame Moment, in dem man als Fußgänger mit einem Bein auf dem Fahrradweg läuft ("Geht's noch? Runter vom Fahrradweg!"). Oder der absolute Klassiker der menschlichen Begegnungen im 21. Jahrhundert: Wenn man an der Bushhaltestelle aufs Handy guckt ("Starr nicht die ganze Zeit auf dein Handy, das macht dumm!").

Was veranlasst Menschen dazu, voller Wut eine fremde Person zurechtzuweisen? Und ist das Meckern eine typisch deutsche Eigenart?

Das habe ich Stefan Pfattheicher gefragt. Der 34-Jährige ist Sozialpsychologe und lehrt derzeit an der dänischen Uni Aarhus Psychologie. Er hat sich in seiner bisherigen Forschung unter anderem damit befasst, wie Menschen sich bei Regelverstößen innerhalb einer Gesellschaft gegenseitig sanktionieren.

(Bild: privat)

In den beschriebenen Alltagssituationen maßregeln Menschen andere, obwohl sie selbst gar nicht von deren Verhalten betroffen sind. Was meinst du: Warum tun Leute das?

Stefan Pfattheicher: In Gesellschaften gibt es moralische Standards und soziale Normen. Es geht dabei um eine grundsätzliche Definition von Richtig und Falsch, auf die man sich einigt. Wenn jemand über die rote Ampel geht, dann wird eine soziale Norm verletzt – das löst negative Emotionen wie Ärger oder Frustration aus. 

Die Forschung zu ähnlichen sozialen Interaktionen zeigt, dass diese Emotionen relativ unabhängig davon auftreten, ob die Person selbst von der Handlung betroffen ist oder sie nur beobachtet hat. 

Was soll der Ausdruck des Ärgers erreichen? Will man damit die andere Person erziehen, damit sie sich beim nächsten Mal korrekt verhält?

Nein, in den meisten Fällen nicht. Wenn das Verhalten impulsiv aus Ärger entsteht, dann geht es häufig nicht um Erziehung, sondern vor allem darum, den anderen zu bestrafen oder zu schädigen.

Die Person versucht also, durch Bestrafung Gerechtigkeit wiederherzustellen?

Genau.

Was passiert psychologisch gesehen bei demjenigen, der die Strafe austeilt? Schüttet das Gehirn etwas aus, das Genugtuung bringt?

Das ist eine interessante Frage. Es gibt Forschung, die zeigt: Menschen, die andere bestrafen, obwohl sie nicht selber betroffen sind, erwarten, dass es ihnen danach besser geht. Aber letztendlich geht es ihnen danach schlechter, als wenn sie es nicht getan hätten.

Weil sie sich dann mehr mit der Negativität beschäftigt haben?

Das wurde in diesen Studien zwar nicht näher ergründet, aber vermutlich, ja.

In meiner Erfahrung sind es meist ältere Personen, die mich als jüngere zurechtweisen. Tritt dieser Konflikt besonders oft zwischen Alt und Jung auf?

Ich glaube nicht, dass dies vorrangig ein Generationenkonflikt ist. Es kommt sehr auf die sozialen Normen an, die verletzt werden. Wenn alte Leute andere Standards haben und junge Leute diese übertreten, dann kann das natürlich vorkommen – zum Beispiel, wenn in der S-Bahn laut Musik gehört wird –, aber grundsätzlich können diese Konflikte zwischen allen Menschen entstehen.

Auf Reisen erscheint es mir oft so, dass es in anderen Ländern mehr positive Interaktionen zwischen fremden Menschen gibt, als das hierzulande der Fall ist. Sind Verhaltensweisen wie das Maßregeln fremder Leute eine besonders deutsche Sache?

Da mir hierzu keine Studien bekannt sind, kann ich nur spekulieren. Ich würde sagen, es kommt auf zwei Dinge an. Erstens: Welche Kultur herrscht in dem Land? Ist es überhaupt akzeptabel, jemanden in der Öffentlichkeit anzuschnauzen? Das würde in Japan vermutlich eher nicht passieren. 

Zweitens: Welche moralischen Standards und sozialen Normen gibt es in der Kultur? In manchen Ländern ist es vielleicht völlig in Ordnung, über eine rote Ampel zu gehen – stattdessen wird man aber für etwas anderes angepampt. Beim Autofahren in Italien kommen andere Emotionen hoch als bei uns in Deutschland. Hier in Dänemark muss man, wenn man mit dem Fahrrad anhält, die Hand heben. Als ich das mal nicht getan habe, wurde ich auch zurechtgewiesen. 

Also: Ich glaube nicht, dass es in anderen Gesellschaften weniger passiert, sondern wahrscheinlich passiert es einfach an anderen Stellen, die wir in Deutschland nicht erwarten würden.

Warum löst es in Menschen überhaupt so starke Reaktionen aus, wenn soziale Normen verletzt werden – warum sind sie so wichtig?

Menschen maximieren häufig ihr eigenes Interesse und machen, worauf sie Lust haben und was ihnen am besten tut. Dann ist die Frage: Was passiert in unserer Gesellschaft, wenn alle das tun – wenn alle Steuern hinterziehen, wenn alle bei Rot über die Ampel gehen und jeder den Müll überall hinwirft? Dann funktioniert das ganze Zusammenleben nicht mehr. 

Soziale Normen regulieren menschlichen Egoismus, damit das Zusammenleben in Gruppen klappt. Natürlich gibt es auch sinnlose Normen, über die man diskutieren kann, aber grundsätzlich sind sie essentiell für den Zusammenhalt einer Gesellschaft.

Machen die genannten Situationen Menschen also deshalb so wütend? Weil sie ihren eigenen Egoismus im Sinne der Gesellschaft einschränken und sich an die Regeln halten – während jemand anderes dies nicht tut?

Ja, das kann durchaus eine Rolle spielen. Und die Reaktion ist auch sozial gelernt: Wenn jemand soziale Normen bricht, dann muss ich ärgerlich reagieren. 

So kann es aber natürlich auch zu völlig sinnfreien Situationen kommen, wie in dem Beispiel vom Anfang.

Stefan, danke für das Gespräch, ich werde bei der nächsten solchen Begegnung an dich denken.


Gerechtigkeit

Erzählt uns nichts von Rezession: Für Millennials war schon immer Krise

Versnobt, anspruchsvoll, freiheitsliebend: Die Generation der um die Jahrtausendwende geborenen ist gefürchtet – vor allem bei Arbeitgebern. Ihre Eltern haben genug Wohlstand erwirtschaftet, nun müssen sich die jungen Leute nicht mehr anstrengen. Sie wachsen mit ungekannten Bequemlichkeiten auf und können am Arbeitsmarkt nach Lust und Laune wählen.

Vollzeit? Nicht mit mir. Nur 25 Tage Urlaub im Jahr? Tschüss!

Zum Glück droht nun eine Rezession. Jetzt heißt es für junge Leute endlich: den Gürtel enger schnallen. 

Schluss mit dem Job-Wunschkonzert. Statt Fachkräftemangel droht vielleicht bald wieder Stellenknappheit. Sollen sie froh sein, wenn sie überhaupt noch einen Job kriegen, diese arroganten jungen Leute.

Könnte man meinen. Die Wahrheit sieht aber anders aus.

Wer in diesem Land zwischen 20 und 30 Jahre alt ist, weiß mit hoher Wahrscheinlichkeit, wie sich Prekarität anfühlt. Wie es ist, in einer oder mehreren Teilzeitstellen sein Dasein zu fristen, um die immer weiter steigenden Mieten noch zahlen zu können. (Studie) Oder sich durch unbezahlte Praktika zu kämpfen, weil ein Studium eben nicht automatisch einen Job garantiert. (SPIEGEL ONLINE)

Schon als 2002 der Euro kam, wurde alles schlagartig teurer. Nicht Avocados und Chiasamen – sondern Milch und Medikamente. 2008: Finanzkrise! Ein paar Spekulanten verpulverten den Wohlstand ganzer Generationen – auch unserer – auf Jahre.

Dann ging es wohl aufwärts, so steht es zumindest in den Märchenbüchern der Wirtschaftsgeschichte. Der Konjunkturzyklus, angeblich so verlässlich wie die Jahreszeiten, prophezeite Aufschwung. Aber halt, nicht so schnell: die schwarze Null musste trotzdem stehen! 2009 wurde die Schuldenbremse beschlossen. Bund und Länder mussten sparen. Öffentliche Jobs wurden reduziert, privatisiert, verteilzeitet.