Warum sprechen Ärzte eigentlich so selten über Nebenwirkungen – schon gar nicht über psychische?

Ohne Mittagsschlaf ging bei Laura, 27, aus Berlin früher gar nichts. "Ich war einfach ein traniger Mensch und hatte keine Ahnung, woran das liegt", sagt die Studentin. Ständige Müdigkeit und Antriebslosigkeit gehörten zu ihrem Alltag, bis 2011 eine Knieoperation anstand. Lauras Ärzte rieten ihr, die Pille abzusetzen, um diese als Risikofaktor für eine Thrombose auszuschalten. Sie stoppte die tägliche Hormonzufuhr – und alles änderte sich.

"Auf einmal war ich viel vitaler, überhaupt nicht mehr so träge wie sonst immer." Lauras Mitbewohnerin reagierte überrascht ("Ach, kein Nickerchen heute?"), ihr damaliger Freund begeistert. "Ich habe richtig krass gespürt, dass ich mehr Lust auf Sex habe", sagt Laura. "Berührungen habe ich plötzlich stärker wahrgenommen und ich spüre jetzt viel intensiver und mit dem ganzen Körper." Von selbst wäre Laura nie darauf gekommen, dass die Pille ihre Lust so stark steuert.

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Verhütung, die auf die Stimmung schlägt

Die Pille ist das beliebteste Verhütungsmittel in Deutschland, sechs bis sieben Millionen Frauen nehmen sie (siehe Pillenreport 2015 der Techniker Krankenkasse). Seit ihrer Markteinführung 1960 hat die Pille die weibliche Sexualität revolutioniert: Ohne Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft können Frauen ihre Lust freier ausleben. Wenn sie denn nicht durch die Pille selbst gehemmt wird, wie in Lauras Fall.

Denn bei allen Vorteilen und Erfolgen der Pille wird über ihre Nebenwirkungen viel zu wenig gesprochen. Die meisten Präparate wirken mit einer Kombination aus den Hormonen Östrogen und Gestagen, verschiedene Zusammensetzungen sind möglich und beeinflussen die individuelle Verträglichkeit.

Dabei geht es nicht nur um Pickel und Gewichtszunahme, auch psychische Unverträglichkeiten sind laut Dr. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF), möglich: "Weibliche und männliche Hormone haben auch einen Einfluss auf die Psyche. Die in hormonellen Verhütungsmitteln eingesetzten Östrogene sind bis auf wenige Ausnahmen synthetische Hormone, die die Wirkung der natürlichen Hormone imitieren sollen. Erwünscht ist dabei ausschließlich der Effekt an den Eierstöcken und der Gebärmutter. Aber manche Frauen merken zusätzlich, dass die Hormone ihre Stimmung verändern."

Lustkiller Pille

Verschiedene Studien haben den Zusammenhang zwischen hormoneller Verhütung und der weiblichen Libido untersucht (Übersicht in den Fachartikeln "Lustkiller Pille?" von Prof. Dr. med. Hans-Joachim Ahrendt). Das Ergebnis: Hormonelle Verhütungsmittel können die sexuelle Lust und Befriedigung von Frauen negativ beeinflussen – dies geschieht allerdings eher selten.

Wie empfindlich bestimmte Rezeptoren im Körper auf Sexualhormone reagieren, ist genetisch bedingt unterschiedlich. Und neben den Hormonen spielen zusätzlich immer die eigene Wahrnehmung von Lust sowie die Partnerschaft eine Rolle. Bei einem deutlichen Verlust der Libido hilft Albring zufolge manchmal schon der Wechsel des Präparats, "im äußersten Fall wird die Pille abgesetzt".

Kaum Beratung zu psychischen Nebenwirkungen

Dass die Pille auf Libido und Stimmung schlagen kann, steht in den meisten Beipackzetteln. Stimmungsschwankungen, Gereiztheit und sogar Depressionen werden in vielen Präparaten als "häufige Nebenwirkungen" geführt (ungefähr 1 bis 10 von 100 Frauen betroffen), verminderter Sexualtrieb kann "gelegentlich" auftreten (bei 1 bis 10 von 1000 Frauen).

Je nach Medikament unterscheidet sich die Einordnung leicht. Ein zusätzlicher Hinweis im Arztgespräch wäre aber in jedem Fall gerade bei jungen Frauen angebracht. Laura erinnert sich an nichts dergleichen: "Ich bin mit 15 zum Frauenarzt gegangen und habe die Pille ohne Untersuchung und Beratung direkt verschrieben bekommen."

(Bild: Lana Petersen)

Vorgesehen ist eigentlich etwas anderes. "In einem Aufklärungsgespräch werden mit den Mädchen und Frauen mögliche Veränderungen durch die Pilleneinnahme besprochen", sagt Albring vom BVF. Dabei stehen die häufigeren körperlichen Symptome wie Kopfschmerzen oder Zwischenblutungen im Fokus, denn eine Beratung zu psychischen Nebenwirkungen ist schwierig.

"Die Wirkungen der hormonellen Verhütung auf die Psyche sind absolut heterogen und es gibt nicht 'die' typische Nebenwirkung einer Pille", sagt Albring. "Die Patientinnen werden aufgefordert, sich sofort zu melden, wenn sie mit ihrer Pille nicht zurechtkommen – aus welchem Grund auch immer."

Dafür muss man sich selbst allerdings schon gut kennen. Aber gerade in der Pubertät ist eine Unterscheidung zwischen normalen Stimmungsschwankungen und Nebenwirkungen eines Medikaments für junge Frauen nicht leicht zu treffen.

Pille plus Depression

Franziska, 27, aus Weiden wusste lange nichts davon, dass die Pille möglicherweise ihre Psyche beeinflussen kann. Seit ihrer Pubertät leidet sie an Depressionen, mit 19 ging sie das erste Mal zu einem Psychotherapeuten. Die Pille nimmt Franziska, seit sie 15 Jahre alt ist.

Mit Anfang zwanzig machte sie eine besonders schwere Zeit durch. Ihr damaliger Freund riet ihr irgendwann, die Pille abzusetzen. "Er beharrte darauf, dass ich während der 7-tägigen Einnahmepause in jedem Zyklus viel entspannter und befreiter sei – und das, obwohl die Tage vor und während der Periode für viele Frauen besonders belastend sind", sagt sie.

Für Franziska gehörten psychische Probleme damals zum Alltag. Als sie die Pille absetzt, ist sie allerdings mit neuen Problemen konfrontiert. Sie verhütet weiter – ohne Östrogen, erst mit einer Gestagenpille und dann mit einer 3-Monats-Spritze. "Ich war zwar nicht mehr so launisch, hatte aber durch andere Verhütungsmittel Schmierblutungen, schlechte Haut und Kopfschmerzen. Das alles hat mich psychisch dann noch mehr belastet."

Einen Zusammenhang zwischen der Pille und ihrem Gemütszustand haben weder Franziskas Frauenärzte noch ihre Therapeuten je hergestellt. "Ich war insgesamt bei vier Frauenärzten und nie kam das Thema Nebenwirkungen zur Sprache", sagt Franziska. Dabei ist das gerade für Frauen mit psychischen Erkrankungen wichtig.

Die Diplom-Psychologin Alina Rüsse betreut in München Menschen mit psychischen Störungen und Problemen. "Gelegentlich berichten Patientinnen, dass sich ihre depressiven Symptome mit der Einnahme der Pille verstärken. Zentrale Kriterien sind dabei Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und Freudlosigkeit", sagt Rüsse. "Alleiniger Auslöser für eine Depression kann die Pille nicht sein, da spielen immer mehrere Faktoren eine Rolle. Aber Frauenärzte sollten mit ihren Patientinnen abwägen, ob die Pille für sie vielleicht ein beeinflussender Faktor ist."

Hormonelle Kontrolle vs. 100 Prozent Ich

Franziska hat sich mit 25 trotzdem wieder für die Pille entschieden. "Ich habe meine Depression momentan im Griff und keinen Stress. Meine Vermutung ist: Die Hormone verstärken die Gefühle, die ich habe. Geht es mir allgemein schlecht, macht die Pille alles schlimmer. Wenn es mir gut geht, bin ich durch die Pille stabil", sagt sie. Sie nimmt ein Präparat mit der gleichen Hormonmischung wie zuvor, weil diese ihr den Stress mit schlechter Haut und Regelschmerzen fernhält.

Über die psychischen Nebenwirkungen ist sie sich inzwischen bewusst: "Ich weiß schon, dass es nicht gesund ist, was ich da mache. Nicht-hormonelle Verhütung wäre vielleicht besser, aber mit der Pille ist alles so easy."

Solange Franziska die Hormone in ihrem Körper selbst kontrollieren kann, will sie daran festhalten. Nur das Thema Kinderkriegen macht ihr Sorgen: "Mir graut es jetzt schon davor, dafür die Pille abzusetzen. Wer weiß, was dann mit mir geschieht?"

Laura dagegen hat sich daran gewöhnt, ihren Körper nicht mehr hormonell zu steuern. Die Nachteile: Ohne die Pille ist ihre Haut schlechter geworden und die Periode schmerzhafter. "Mit der Pille ist es, als lege sich eine Schicht über den Unterleib, man ist nicht mehr so sensibel", sagt sie.

Aber das neu gewonnene Körpergefühl zieht Laura der früheren Lustlosigkeit vor: "Jetzt habe ich keine fremden Hormone mehr in mir, das bin zu 100 Prozent ich."

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Gerechtigkeit

Turnerin wird wegen Figur gemobbt – Menschen pöbeln zurück

Nach ihren Auftritten in den Turn-Wettbewerben bei Olympia musste sich die Mexikanerin Alexa Moreno, 22, bei Twitter viele dumme Sprüche durchlesen. Im Einzel-Mehrkampf landete sie auf Platz 31 – eine starke Leistung, gerade weil Turnen in Mexiko zu einer Randsportart gehört. Nur leider konzentrierten sich viele Zuschauer bei ihrem Auftritt nicht auf den Sport.

Bei Twitter hieß es, Moreno sei "fett" und sehe aus wie ein Schweinchen (Mashable). Sie sei eine Pseudo-Athletin, die vom mexikanischen Verband nur nach Rio geschickt worden sei, um die Quote zu erfüllen. Und weiter: Eine Diät hätte ihr gut getan. Viele der Tweets wurden später gelöscht.